Der Ruf ist ramponiert

Zentralbanken können faktisch nicht konkursgehen. Dennoch können sie vieles falsch machen. Grundsätzliche Überlegungen zu Rolle und Bedeutung der Zentralbanken im Jahre 2011 und darüber hinaus.

Seit einigen Monaten sehen sich Zentralbanken wachsender Aufmerksamkeit und Kritik gegenüber. Die amerikanische Zentralbank (Federal Reserve System, Fed) ist durch ihre Politik der nochmaligen Geldmengenexpansion um 600 Milliarden Dollar (quantitative easing) in die Schlagzeilen geraten, die Europäische Zentralbank (EZB) durch die Schuldenkrisen südeuropäischer Länder und den Aufkauf schlechter Staatspapiere und die Schweizerische Nationalbank (SNB) durch einen Verlust von 19,2 Milliarden Franken im Jahr 2010 wegen ihres Kaufs von Euro-Devisen. In der Schweiz wurde der Rücktritt von SNB-Präsident Phi­lipp Hildebrand gefordert, in Deutschland hat der frühere Bundesbankpräsident Helmut Schlesinger auf die Gefahren der Aufblähung der Zentralbankgeldmenge durch die EZB hingewiesen. Zur gleichen Zeit hat in den USA der bekannte Monetarist Allan Meltzer die Politik der Fed als die schlechteste ihrer Geschichte bezeichnet, wobei es dort sogar Stimmen gibt, die deren Abschaffung verlangen.

Politische Einflussnahme

Um diese Vorgänge zu verstehen, ist es ratsam, die Funktion der Zentralbanken in der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung zu verdeutlichen. Dabei ist es zweckmässig, von ihrer Rolle bei der Erhaltung der Preisstabilität auszugehen. Als erstes ist festzustellen, dass Politiker im Vergleich zu Zen­tralbankiers langfristig eher eine höhere Inflation begünstigen. Da Inflationen auf Dauer immer ein monetäres Phänomen sind, bedeutet dies, dass Politiker anderen Faktoren als der Geldwertstabilität grösseres Gewicht einräumen. Dazu gehört einmal ihre Neigung, durch Wahlgeschenke ihre Aussichten auf Wiederwahl zu erhöhen, ferner die Hoffnung, durch Inflation die realen Staatsschulden zu vermindern, und schliesslich ihre langfristig falsche Vorstellung, durch expansivere Geldpolitik die Arbeitslosigkeit reduzieren zu können.

Soll nun aber die Preisstabilität Vorrang haben, so ist es notwendig, den Einfluss der Politik auf die Geldpolitik zu begrenzen. Das geschah bis zum Ersten Weltkrieg bzw. zur Weltwirtschaftskrise durch die Goldwährung, nach der alle Banknoten und Giroguthaben auf Wunsch ihrer Inhaber jederzeit zum festen Kurs von 1:1 in Gold umgetauscht werden konnten. In diesem System wurde über hundert Jahre lang die Inflation langfristig völlig unterbunden.

Mit dem Zusammenbruch der Goldwährung fiel diese Sicherung gegen übermässige Geldvermehrung dahin. Jetzt waren Banknoten, für deren Ausgabe den Zentralbanken das Monopol übertragen worden war, nicht mehr einlösbar, während die Inhaber von Giroguthaben bei Banken lediglich deren Eintausch in Banknoten verlangen konnten. Also bestand die Sicherung gegen Inflation nur noch in
einer zurückhaltenden Geldpolitik der Zentralbanken. Angesichts der grösseren Inflationsneigung der Politiker musste sich freilich langfristig eine höhere Inflation als zur Zeit der Goldwährung ergeben. Allerdings konnte diese umso geringer sein, je geringer der Einfluss der Politik auf die Zentralbank, je grösser also die den Zen­tralbanken im politischen System eingeräumte Unabhängigkeit war.

Die Abbildung auf der folgenden Seite bestätigt dies. Bis 1973 verlief die Entwicklung der Preisniveaus der betrachteten Länder einigermassen parallel, weil im System von Bretton Woods alle Währungen durch feste Wechselkurse an den Dollar gebunden waren. Die Geldpolitik dieser Länder wurde also im wesentlichen durch die Fed – eine relativ unabhängige Zentralbank – bestimmt, während der Einfluss der anderen Zentralbanken äusserst beschränkt war. Das änderte sich mit dem Zusammenbruch dieses Systems. Nun übernahmen bei flexiblen Wechselkursen die nationalen Zentralbanken die Verantwortung für die Geldpolitik. Seither wiesen Länder mit unabhängigen Zentralbanken, wie die Schweiz, Deutschland und die USA, in den Jahren von 1973 bis etwa 1990 wesentlich geringere Preissteigerungen auf als die während dieser Periode meist vom Finanzministerium kontrollierten Zentralbanken Italiens, Frankreichs und Grossbritanniens. Aufgrund dieser Erfahrungen entschlossen sich im Lauf der Zeit verschiedene Länder, darunter auch Frankreich und Grossbritannien, ihren Zentralbanken grössere Unabhängigkeit zu gewähren. Auch der 1999 neu gegründeten EZB wurde durch den Vertrag von Maas­tricht eine sehr weitreichende Unabhängigkeit gewährt.

Lender of last resort

Die Bewahrung relativ stabiler Preise wurde zum erklärten Ziel unabhängiger Zentralbanken, die dieses zunächst durch eine entsprechende Geldmengenpolitik und seit den 1990er Jahren durch eine…

Geld regiert die Welt. Wer regiert das Geld?
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Der Titel unseres Dossiers ist suggestiv. Wenn es stimmt, dass Geld die Welt regiert, dann regiert die Welt, wer über das Geld herrscht. Das Geld ist heute eine staatliche Angelegenheit. Der Staat hat nicht nur das Gewalt-, sondern auch das Geldmonopol. In Artikel 99 der Bundesverfassung ist festgelegt: «Das Geld- und Währungswesen ist Sache des […]

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