Der richtige Einsatz

Über die Verwendung von Lebenszeit, persönlicher Energie und Geld. Eine praktische Annäherung an ethisches Investieren.

Der richtige Einsatz
Peter Wuffli, zvg.

Wer Marktwirtschaft und Wettbewerb im Rahmen offener, freiheitlicher Demokratien und die kreative Zerstörung innerhalb eines dynamischen Kapitalismus befürwortet, tut sich schwer mit dem Begriffspaar «ethisch investieren». Es reiht sich ein in andere begriffliche Kombinationen, die subtil marxistisches Gedankengut spiegeln, wie etwa «fairer Handel»: Ist Handel an sich unfair? «Work-Life-Balance»: Ist Arbeit nicht Leben? Wer über ethische Investments spricht, dem bleibt also nichts anderes übrig, als zunächst Begriffliches zu klären und – in diesem meinem Fall – auf liberalem Boden zu verankern.

Die Ethik ist, als Teilbereich der praktischen Philosophie, diejenige philosophische Disziplin, die sich mit den Voraussetzungen und der Bewertung des menschlichen Handelns befasst. Sie zielt auf das Erreichen und die Deutung guten Lebens, verantwortlichen Handelns und fairen Umgangs unter Mitmenschen. Investieren kommt vom lateinischen investire («einkleiden») und meint den Einsatz von Mitteln für zukünftige Zwecke mit dem Ziel ihrer Vermehrung. Dabei geht es nicht nur um Finanz- oder Sachkapital, wie oft im Fokus, sondern auch um Investitionen, die für die meisten Menschen viel entscheidender sind: den richtigen Einsatz von Lebenszeit etwa oder den von persönlicher Energie. Vermehrung kann dabei materiell wie auch immateriell (z.B. in Form von psychologischer Wirkung) erfolgen.

Ethik und Investitionen gehen also jeden an. Und klar ist auch: erstere soll kein Mauerblümchendasein in akademischen Elfenbeintürmen fristen, letztere sollen nicht nur Daily Business für Unternehmer und Investmentbanker sein.

 

Liberale Ethik

Unter den säkularen Weltanschauungen unterscheide ich zwei Kategorien von Antworten auf ethische Grundfragen, eine individuelle und eine kollektive: Entweder ist der einzelne in der Ausübung seiner Freiheit für gutes und verantwortliches Leben und fairen Umgang besorgt, oder diese Aufgabe übernimmt ein Kollektiv, ein Staat oder eine andere Organisation. Beide Kategorien existieren, und beide haben ihre Berechtigung. Wer, wie ich, den Standpunkt einer liberalen Ethik vertritt, das heisst das Primat der verantwortungsvoll gebrauchten individuellen Freiheit, muss sowohl Absichten als auch Konsequenzen menschlicher Handlungen ethisch hinterfragen bzw. die Tugendhaftigkeit und Prinzipienfestigkeit der hinter den jeweiligen Handlungen stehenden Akteure verstehen. Persönlich bemühe ich mich in meiner Lebensführung um drei ethische Prinzipien: Integrität, das heisst Konsistenz von Überzeugungen, Reden und Tun, materielle und intellektuelle Bescheidenheit sowie Engagement im Sinne des Einsatzes für gesellschaftliche Ziele über das persönliche, berufliche und familiäre Wohlergehen hinaus.

Unsere Zeit ermöglicht – und erfordert – dies: Die Globalisierung hat bisher ungeahnte Chancen und Freiräume eröffnet, die entsprechende Märkte und damit Entscheidungsmöglichkeiten aus einem weltweiten, breiten Spektrum von ethischen Investments entstehen liessen. Sie erzeugt aber auch neue globale Herausforderungen, Verletzlichkeiten und Risiken. Gleichzeitig hat sich der Kapitalismus durch die Kollektivierung von Ersparnissen, die Professionalisierung von Management, die technischen Entwicklungen und die Erfahrung einer Reihe neuartiger Krisen gewandelt und er hat – zumindest in Teilen der Welt – die Ansprüche an den gesellschaftlichen Nutzen wirtschaftlichen Handelns massiv erhöht. Institutionelles Überleben von Firmen – beziehungsweise die Schaffung von Werten für die Eigentümer – genügt gerade bei Grossunternehmen meistens nicht mehr. Immer häufiger wird thematisiert, ob und wie sich Firmen für die Bewältigung der grossen Herausforderungen unserer Zeit, etwa Armutsbekämpfung oder ökologische Nachhaltigkeit, aktiv engagieren.

So wie viele Kunden heute bewusst nachhaltige und fair produzierte Güter nachfragen, wenden auch institutionelle Investoren immer öfter ESG- (Environmental, Social and Corporate Governance) Kriterien an, wenn es um Investitionen geht. Diese Tendenz wird dadurch verstärkt, dass immer mehr NGO, mehr oder weniger gut legitimiert, Fehlverhalten von Konzernen zeitverzugslos aufdecken und via Social Media massiven, zuweilen existenziellen Druck ausüben können. Und vor allem: junge, talentierte Menschen wollen immer häufiger bei Organisationen arbeiten, die einen klar artikulierten Nutzen für die Gesellschaft erbringen, der über den finanziellen Erfolg hinausgeht.

All diese nachfrage- und angebotsinduzierten Kräfte zielen auf stärkere und bewusstere Gewichtung ökologischer und sozialer Kriterien bei…