Der Pseudowettbewerb führt in die Planwirtschaft

Heutige gesellschaftliche Ideale kommen in abstrakten Begriffen wie «Effizienz», «Exzellenz», «Leistung», «Wettbewerbsfähigkeit», «Innovation» oder «Wachstum» zum Ausdruck. In unzähligen Wettbewerben versuchen wir uns gegenseitig mit diesen Idealen zu übertrumpfen. Immer noch effizienter, noch exzellenter, noch wettbewerbsfähiger und noch innovativer muss man werden, auch wenn man in Wirklichkeit gar nicht genau weiss, warum und wozu. In […]

Heutige gesellschaftliche Ideale kommen in abstrakten Begriffen wie «Effizienz», «Exzellenz», «Leistung», «Wettbewerbsfähigkeit», «Innovation» oder «Wachstum» zum Ausdruck. In unzähligen Wettbewerben versuchen wir uns gegenseitig mit diesen Idealen zu übertrumpfen. Immer noch effizienter, noch exzellenter, noch wettbewerbsfähiger und noch innovativer muss man werden, auch wenn man in Wirklichkeit gar nicht genau weiss, warum und wozu. In unserer gründlich durchsäkularisierten Gesellschaft sind diese Begriffe zu den letzten heiligen Werten geworden, denen zu dienen unser höchstes Ziel ist.

Vermeintlich muss man sich diese Fragen auch gar nicht stellen, denn schliesslich leben wir in einer Marktwirtschaft. Und ein Marktwettbewerb sollte automatisch dafür sorgen, dass diejenigen Dinge produziert werden, die am meisten Nutzen stiften. Mit der Produktion sinnloser Dinge käme man da, so scheint es, nicht weit.

Wo sich mehr oder weniger funktionierende Märkte entwickelt und etabliert haben, stimmt das auch. Wer ungeniessbare Lebensmittel herstellt, wird bald vom Markt verschwinden. Doch in vielen Bereichen der Wirtschaft gibt es keine oder nur unvollständig funktionierende Märkte. Und da ist man im Zuge einer zunehmenden Markt- und Wettbewerbsgläubigkeit über die letzten Jahrzehnte auf die fatale Idee gekommen, künstliche Wettbewerbe zu inszenieren, um so die angebliche überlegene Effizienz der Marktwirtschaft bis in den hintersten Winkel jeder öffentlichen und privaten Institution voranzutreiben. Mit missionarischem Eifer werden überall Leistungsanreize gesetzt, doch was dabei als Leistung herauskommt, ist in Wirklichkeit ein gigantischer Unsinn.

Ein Markt lässt sich nämlich nicht künstlich inszenieren. Überall und schnell lassen sich aber Wettbewerbe ins Leben rufen. Diese sorgen im Gegensatz zu einem funktionierenden Marktwettbewerb jedoch nicht dafür, Angebot und Nachfrage optimal aufeinander abzustimmen. Statt an den Bedürfnissen der Nachfrager orientieren sich die Hersteller eines Produkts oder die Erbringer einer Leistung an irgendwelchen Kennzahlen oder Indikatoren, die für den Erfolg im Wettbewerb massgebend sein sollen. Das führt jedoch nicht zu höherer Effizienz, sondern sorgt bloss für perverse Anreize, die dann folgerichtig auch perverse Resultate zeitigen.

Da werden von Wissenschaftern mit Fleiss und Akribie jedes Jahr in Tausenden von Fachzeitschriften über Hunderttausende von Seiten Fragen beantwortet, deren Antwort niemand wissen will. Grund dafür ist der gnadenlose Publikationswettbewerb, weil Wissenschafter heute danach beurteilt werden, wie viele Artikel in Fachzeitschriften sie veröffentlicht haben. Immer mehr junge Menschen werden als Studenten in Hochschulen ausgebildet, um irgendwelche Diplome, Bachelor, Master, MBAs und Doktortitel zu erwerben, die nichts zu ihrem Können in ihrem Berufsleben beitragen. Und es werden immer mehr medizinische Untersuchungen und Tests für die Prävention von Krankheiten durchgeführt, die nie eintreten.

Würden Wettbewerbe ohne Markt tatsächlich funktionieren, dann hätten auch die kommunistischen Planwirtschaften erfolgreich sein müssen. Dort gab es keinen Markt, aber jede Menge künstlich inszenierter Wettbewerbe, um so trotzdem Anreize für mehr Effizienz zu setzen. In der ehemaligen DDR nannte man das «sozialistischen Wettbewerb», denn schon Lenin schrieb nach dem Erfolg der Revolution in Russland: «Jetzt, da eine sozialistische

Regierung an der Macht ist, besteht unsere Aufgabe darin, den Wettbewerb zu organisieren.» Doch die sozialistische Planwirtschaft mit ihren künstlich inszenierten Wettbewerben scheiterte kläglich, und genauso kläglich scheitern wir auch mit den heutigen, künstlich inszenierten Wettbewerben. Es ist an der Zeit, das endlich zu erkennen und mit diesem Unsinn aufzuhören!

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Werner Kieser, Unternehmer,
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