Der Pressesprecher

Von der Tür aus ging ich schnell auf die vier Mikrophone zu, die mitten im Raum aufgestellt waren. Ich mag Mikro-phone, es ist schön, auf sie zugehen zu können und, noch bevor man stehenbleibt, zu reden zu beginnen. Ich sagte: Natürlich bin ich über einige Entwicklungen erstaunt, und in letzter Zeit habe ich darüber häufig […]

Von der Tür aus ging ich schnell auf die vier Mikrophone zu, die mitten im Raum aufgestellt waren. Ich mag Mikro-phone, es ist schön, auf sie zugehen zu können und, noch bevor man stehenbleibt, zu reden zu beginnen. Ich sagte: Natürlich bin ich über einige Entwicklungen erstaunt, und in letzter Zeit habe ich darüber häufig gesprochen, sprechen müssen, dass gerade die Schriftsteller aus dem sogenannten Osten, die jetzt nicht mehr wirklich aus dem Osten sind, aber doch ein anderes Leben hinter sich haben, als die Schriftsteller aus dem sogenannten Westen, wodurch vielleicht ein für allemal Unterschiede bleiben werden, ich weiss nicht, jetzt reisen sie oft aus dem Osten in den Westen, beziehungsweise verbringen sie einen Teil ihres Lebens unterwegs, wobei sie sich nach wie vor östlich der ehemaligen Grenzen sehen, so dass sie beispielsweise mit den Marktgesetzen und einigen Vorgängen, die mit diesen einhergehen, wenig Umgang haben, sie sind sie nicht gewohnt und zweifeln weniger an diesen Gesetzen, oder, und das könnte ein wichtiger Grund sein, es fällt ihnen weniger auf, dass die Politik von der Wirtschaft unterwandert wird, dass also Schriftsteller aus dem ehemaligen Osten das Wort ergreifen, und dann ist der Ton, in dem sie etwas sagen, hier nicht immer verständlich. Manchmal wird der Ton und auch das, was sie sagen, nur aus Höflichkeit verstanden. Entsprechend höflich möchte ich formulieren, was wir nicht verstehen, dass wir nämlich nicht verstehen, dass sie so sehr viel verstehen und in deutlichen Aussagesätzen gerne sagen, dass sie manches verstehen und wir das nicht verstehen können; notwendigerweise könnten wir nicht verstehen, was sie deutlich sehen (sagen sie höflich), denn nur von dort aus sei zu durchschauen, dass man das Dort und Hier nur von dort aus durchschauen könne. Irgendeinen Vorteil habe immer jeder, und sie hätten den Vorteil, sagen sie, dass sie von dort aus mehr durchschauen und so weiter. Wir, sagen sie. Oder wir Schriftsteller. Das sind Wendungen, die einem unter die Haut gehen können, weil sie ungewohnt sind, sogar unnotwendig, so dass ich mich nicht wundere, wenn jüngere Autoren, hier oder wo auch immer, bei solchen Redewendungen und gedanklichen Wendungen selten mitmachen. Hier will ich abbrechen und nur sagen: Einige der älteren Schriftsteller meinen, an einem erhobenen Rednerpult zu stehen, während sich die Jüngeren eher allein auf einer Bühne sehen. Daraus ergeben sich noch keine Literaturtrends, sicher nicht oder kaum, während den Jüngeren allerdings vorgeworfen wird, dass sie sich abwenden… nun ja.

Aber ich sollte hinzufügen, dass sich gleich, nachdem ich zu reden begann, fünfzehn oder zwanzig Personen in die Nähe der Mikrophone begaben, manche von ihnen holten Notizblöcke vor und schrieben sofort mit, andere schossen ein paar Photos, wobei es mir grundsätzlich gefällt, wenn Photographen herumstehen, und ein junger Mann mit hellbraunen Haaren sagte, er habe das Ende nicht richtig verstanden.

Ich sagte, da gab es noch kein Ende.

Aber ich sollte zu einem Resultat kommen, meinte er.

Ich habe keine Resultate, sagte ich.

Aber doch wohl ein Bild vom derzeitigen Stand der Literatur, meinte er.

Ich habe kein Bild, sagte ich und wollte fortfahren.

Aber als Pressesprecher müsste ich deutlich reden, sagte er und wollte seinerseits fortfahren, aber ich sagte, ich sei kein Pressesprecher.

Er zeigte auf die Mikrophone, zeigte mit hoch erhobenen Armen einen Punkt in seinem Terminkalender, ich holte die Uhr aus meiner Jackentasche, es war fünfzehn Uhr und acht Minuten, und ich sagte, ich sei nur zu den Mikrophonen gegangen, weil es mir gefalle, auf die Mikrophone zugehen zu können, genau im richtigen Augenblick stehen zu bleiben; es ist gut, wenn jemand losgeht und im richtigen Augenblick plötzlich stehenbleibt und gleich zu sprechen beginnt, so, als wäre er direkt in das Sprechen hineingelaufen. Das Sprechen an sich gefällt mir, sagte ich. Mikrophonsätze und jede unmittelbare, direkte Sprache könnten etwas Neues zeigen, sogar etwas literarisch Neues; ich meine, ich glaube nicht unbedingt nur an Schriftlichkeiten, die gesprochene Sprache könnte interessant sein, und das gerade wollte ich ausprobieren, wobei die gesprochene Sprache unglaublich viele Gesichter hat, sagte ich, während der blonde Mann seinen Notizblock und den Kalender einsteckte, und die Photographen waren auch schon am Gehen.

Gleich darauf schaltete jemand die Mikrophone aus, und ich brauchte bald eine halbe Stunde, bis ich sie wieder einschalten und weitersprechen konnte.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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