Der Prediger

Richard Sulík hat die eigene Regierung zu Fall gebracht. Er hat dafür gesorgt, dass Brüssels Politiker einen Moment die Luft anhielten, als er gegen den Euro-Rettungsschirm stimmte. Nun zieht der unangepasste Slowake durch die europäischen Lande. Und kommt sich manchmal vor wie ein Zeuge Jehovas.

Der Prediger

Herr Sulík, in Europa jagt ein Krisentreffen das nächste. Beginnen wir also fundamental: Wie steht es um das Europa von Frieden und Freiheit, von dem die Gründerväter träumten?

Ich würde sagen: Die Lage ist hoffnungslos, ansonsten aber nicht weiter ernst. Die Politik des «Es gibt keine Alternative» kommt an ihr Ende. Ich erlebe diese Zeiten sehr intensiv – und ich denke dabei oft an meine kleine Tochter, der ich im Rückblick einmal erzählen können will, was sich damals zugetragen hat, als die EU-Dogmatiker ihre Deutungshoheit zu verlieren begannen. Ich sehe mich als Teil einer europäischen Splittertruppe, einer Avantgarde, mit Frank Schäffler und Peter Gauweiler in Deutschland und Nigel Farrage in England. Wir ziehen durch die europäischen Lande und betreiben Aufklärung.

Und ziehen den Ärger von Banken, Medien, Regierungsparteien und EU-Politikern auf sich. Worum geht es Ihnen?

Wir sind der Stachel im Fleisch der EU-Phantasten. Wir prangern die Machenschaften der Merkels, Hollandes und Junckers an, die sich alle paar Wochen auf Krisengipfeln treffen und im Namen von Solidarität und Gerechtigkeit die Union in ein politisches Ungeheuer verwandeln. Dabei kommen wir uns zuweilen vor wie Zeugen Jehovas, aber die Sache macht uns doch ziemlich viel Spass.

Der Widerhall auf digitalen Kanälen ist ziemlich beachtlich. Nigel Farrages Fangemeinde auf YouTube ist stark im Wachsen begriffen… 

…ja, auch ich habe schon 300 000 Klicks für ein Video von mir zu verbuchen. Ich war bei Maybrit Illner eingeladen und habe mit Martin Schulz, dem Vorsitzenden der Linken im Europaparlament, über die zerstörerischen Euro-Rettungsschirme diskutiert. Ich habe bloss einige im Grunde banale Dinge gesagt und objektive Zahlen präsentiert. Die Zuschauer konnten daraufhin genau studieren, wie Schulz, ein EU-Apparatschik ohne Abitur, die Fassung verlor.

Ihre Karriere begann als Unternehmer – wieso sind Sie in die Politik gegangen?

Ich habe ein Unternehmen gegründet, das Faxgeräte verkaufte und Kopiershops betrieb, FaxCOPY, und habe es von 1991 bis 2001 geleitet. Es beschäftigte 250 Leute und erzielte 20 Millionen Euro Jahresumsatz. Alles wunderbar, aber irgendwann hat es einfach gereicht. Politik ist wichtig, sie legt die Regeln unseres Zusammenlebens fest. Weil die Politik so wichtig ist, bin ich in die Politik gegangen. Die Leute sollen eine Alternative zum gegenwärtigen politischen Establishment haben. Es war schon immer mein Ziel, das öffentliche Leben mitzubestimmen. Im Jahr 2001 konnte ich es mir dann leisten, mein Unternehmen zu verlassen. Und fünf Jahre später habe ich es verkauft. Seitdem widme ich mich der Politik und bin absolut unabhängig.

Sie haben es von Anfang an auf die Politik abgesehen, und das Unternehmen war bloss Mittel zum Zweck?

Diese Idee ist mir zwar sympathisch. Denn das ist es, was heute fehlt: unabhängige Politiker. Aber so war es nicht. Ich habe das Unternehmen gegründet, weil ich meinen Lebensunterhalt sichern wollte. Es lief gut, und ich fand Gefallen daran. Zugleich nervte ich mich jedoch zunehmend über die weltfremden Gesetze, unter denen ich als Unternehmer zu leiden hatte. Es muss um das Jahr 1995 gewesen sein, als ich für mich im stillen den Entschluss fasste, eines Tages in die Politik zu gehen, um die Gesetze zu ändern – oder besser: um unnötige Gesetze abzuschaffen.

Was war der Auslöser?

Ich habe als Unternehmer erlebt, wie bescheuert das slowakische Steuersystem war. Ich dachte mir: Wenn ich dem Projekt etwas Zeit gebe, könnte es mir gelingen, das Steuersystem zu reformieren, nicht mit einer Retouche hier und da, sondern radikal. Und es ist mir auch tatsächlich gelungen. Ich war als Berater für das Finanzministerium tätig und habe eine Flat-Tax erarbeitet, die 2004 in der Slowakei eingeführt wurde: 19 Prozent Einkommens- und Körperschaftssteuern, nicht mehr und nicht weniger. 2009 gründete ich die Partei Sloboda a Solidarita. Seither…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»