Der Plan hat immer Recht

Wenn Bürokraten sich ihre eigene Realität schaffen.

 

Die Sowjetunion gehörte viele Jahre zu den Ländern, die am meisten Wale fingen. Nicht dass ­Russinnen und Russen besonders gerne Walfleisch gegessen hätten (tatsächlich wurde oft nur das für die Industrie wertvolle Fett verarbeitet und der Rest des Tiers weggeworfen). Der Grund für die hohen Fangmengen waren vielmehr die sowjetischen Fünfjahrespläne, die der Fischereiwirtschaft überhöhte Vorgaben machten, ungeachtet der tatsächlichen ­Bedürfnisse der Bevölkerung.

Wenn Bürokraten Pläne erstellen, vereinfachen sie notwendigerweise die Realität, um etwas Messbares zu erhalten. Das hat zur Folge, dass die komplexe Welt den groben staatlichen Plänen anpasst wird – oft entgegen deren ursprünglichem Sinn. Ein Beispiel aus neuerer Zeit ist die Vorgabe der Stadtzürcher Sowjets, pardon: Behörden, wonach jedem Einwohner eine bestimmte Fläche an Freiraum in unmittelbarer Umgebung zur Verfügung stehen soll, nämlich exakt acht Quadratmeter innerhalb von 400 Metern Distanz. Das Bedürfnis der Bevölkerung nach ­Erholung wird auf eine simple Zahl reduziert. Ein Innenhof mit ein paar Bäumen zählt gleich viel wie die entsprechende Fläche in einem Park. Ein Park neben einer Autobahn ist mehr wert als ein ganzer Wald.

Dass die Realität der Bürokraten wenig mit den Bedürfnissen der Bevölkerung zu tun hat, ist dabei nicht einmal das Hauptproblem. Denn die eifrigen Bürokraten geben sich nicht damit zufrieden, die Welt mit ihren groben Instrumenten zu ver­messen. Sie passen die Welt so an, dass sie im Einklang mit ihren Plänen steht. Neubauprojekte müssen strikte Anforderungen an Grünflächen erfüllen – egal, ob sie in Geh­distanz eines Waldes liegen, egal, ob die Bewohner lieber tiefere Mieten statt mehr Grünflächen hätten. Der ­Gemeinderat diskutiert gar darüber, Hausbesitzer notfalls dazu zu zwingen, Innenhöfe allgemein zugänglich zu machen, damit auch die Nachbarn auf das nötige Mass an Freiraum ­kommen.

Das Traurige ist, dass solche Absurditäten eine Tendenz zur Selbsterhaltung haben. Denn wird der Plan erfüllt, klopfen sich die Planer auf die Schultern. Wird er hingegen verfehlt, beweist ihnen das, wie sehr es sie braucht.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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