Der paradoxe Prediger

Der Pfarrer Albert Bitzius, alias Jeremias Gotthelf, hatte es sich zur Lebensaufgabe ge-macht, die Säkularisierung zu stoppen. Sein literarisches Werk sollte die Wahrheit seiner Predigten mit anderen Worten verkünden. Den Realismus aber, den Gotthelf als Gleichnis einzusetzen meinte, nahmen seine Leser für bare Münze.

Jeremias Gotthelf (1797–1854) war ein überaus tatkräftiger Mensch. Als Pfarrer Albert Bitzius stand er in Lützelflüh im Emmental einer grossen Gemeinde mit vielen Höfen und insgesamt über 3’000 Einwohnern vor. Es war eine Zeit des Umbruchs, in der er lebte. Das frühe 19. Jahrhundert stand ganz im Zeichen der Französischen Revolution. Der Liberalismus trat seinen Siegeszug an, in der Schweiz früher als anderswo. Ein Triumph des neuen Denkens war die Gründung des Schweizerischen Bundesstaats 1848. Gotthelf ist in diesem Kontext zu verorten. Als Pfarrer und Schulkommissär wirkte er tatkräftig mit an den Veränderungen im Sozial- und Bildungswesen des Kantons Bern.

Sein grosses Engagement wurde Gotthelf allerdings wenig gelohnt. Ständige Kämpfe und Streitereien mit den Oberbehörden zermürbten ihn zusehends und führten schliesslich zur Überzeugung, in der Ausübung seines Amtes überall behindert zu werden. Tatsächlich schränkte der Liberalismus mit der Erstarkung des Radikalismus in seiner laizistischen Ausrichtung den Einfluss der Kirche ein, wo immer er konnte. Gotthelf empfand diese staatspolitische Veränderung als verheerend. Sein schriftstellerisches Werk ist im wesentlichen nichts anderes als eine wortmächtige Auflehnung gegen den Säkularisierungsprozess des 19. Jahrhunderts. In einem Brief an Carl Bitzius schrieb Gotthelf am 16. Dezember 1838: «So wurde ich von allen Seiten gelähmt, niedergehalten, ich konnte nirgends ein freies Tun sprudeln lassen. […] Begreife nun, dass ein wildes Leben in mir wogte, von dem niemand Ahnung hatte, […] Dieses Leben musste sich entweder aufzehren oder losbrechen auf irgendeine Weise. Es tat es in Schrift. (4, 280)»1

Gotthelf verstand sein literarisches Schaffen als Reaktion auf die erfahrene Beschränkung im Berufsalltag, als eine ihm gleichsam auferzwungene Alternative. Im Schreiben und im Werk sollte sich entfalten, was im Alltag nicht möglich war. Für Gotthelf war sein Schreiben eine Weiterführung der Predigt, ein Predigen im Medium des Buches.2 Als Redaktor des «Neuen Berner Kalenders» schrieb er am 16. Dezember 1838 an Carl Bitzius: «Ich möchte in den Kalender Predigten bringen, d.h. hohe Wahrheiten, aber entkleidet von allem Kirchlichen, gefasst in Lebenssprache, wie man sie auf der Kanzel nicht duldet. (4, 282)»

«Predigen in Lebenssprache» – die Formel ist die wohl zutreffendste Umschreibung für Gotthelfs Werk überhaupt. Analog zur Predigt wollte Gotthelf mit seinem Schreiben die Leute belehren, ihnen die Wahrheit zeigen und sie darüber aufklären, was richtig und was falsch sei. In nahezu paradoxer Weise nimmt Gotthelf damit selbst Teil am Prozess der Säkularisierung. Sein Werk, entstanden in Opposition zur Säkularisierung, kämpft gegen sie mit den ihr eigenen Mitteln: mit einer Säkularisation der Predigt. In diesem Sinne reiht sich Gotthelf ein in die literarische Tradition der Schweizer Volksaufklärung.3

Das Emmental als Lebensbuch

Das Paradoxale der Gotthelf-Rezeption besteht darin, dass die grosse Beliebtheit Gotthelfs gerade nicht von dieser Lehrhaftigkeit des Werks herrührt. Gotthelfs Leserschaft hat sich – im Gegensatz übrigens zur Forschung – meist nur wenig um die didaktische Zwecksetzung des Werks gekümmert. Was Leserinnen und Leser an Gotthelf liebten – und wohl auch heute noch lieben –, ist sein Realismus, seine grosse Realitätsnähe in der Schilderung des bäuerlichen Lebens. Das Emmental mit seiner Landschaft, den Dörfern und Höfen mit ihren Knechten, Mägden, Bauern und Bäuerinnen hat in Gotthelfs Werk eine Plastizität und Anschaulichkeit erreicht, die in der Literaturgeschichte einmalig ist. Geschätzt wurde Gotthelf seinerzeit vor allem vom gebildeten Deutschland, unter anderem auch am preussischen Hof in Berlin, kaum aber von den Emmentaler Bauern, denen die Schriftstellerei ihres Pfarrers doch eher ein Ärgernis war. Man hat sich deshalb zu Recht gefragt, ob die Bezeichnung «Volksschriftsteller» überhaupt auf Gotthelf zutrifft.4

Es ist jedoch daran festzuhalten, dass ein Ausblenden der Lehrhaftigkeit entschieden an Gotthelfs Intention vorbeigeht. Der viel gelobte und…