Der Papst, Schumpeter und die Spitze des Wortes

Seit September bin ich Kolumnist der «NZZ am Sonntag», und vergangenen Dezember habe ich mir in meiner Kolumne den ersten offiziellen Text des neuen Papstes – ein apostolisches Schreiben mit dem Titel «Evangelium gaudii» – vorgeknöpft. Ich wollte wissen, ob das Bild des katholischen Reformators, das Franziskus in öffentlichen Auftritten gerne pflegt, sich auch in […]

Seit September bin ich Kolumnist der «NZZ am Sonntag», und vergangenen Dezember habe ich mir in meiner Kolumne den ersten offiziellen Text des neuen Papstes – ein apostolisches Schreiben mit dem Titel «Evangelium gaudii» – vorgeknöpft. Ich wollte wissen, ob das Bild des katholischen Reformators, das Franziskus in öffentlichen Auftritten gerne pflegt, sich auch in seinen kanonischen Aussagen erkennen lässt. Also habe ich sein Schreiben in aller Ruhe gelesen. Mein Erstaunen war gross. Der Hirtenbrief ist in einem einerseits persönlichen, anderseits aber schwer verständlichen, pathetischen, ja geradezu schwülstigen und wirren Stil abgefasst. Zudem findet sich darin keine einzige Relativierung jener Positionen, deren Anprangerung fortschrittliche Zeitgenossen – und als solche verstehen sich meine Kollegen ja für gewöhnlich – sonst so gerne betreiben: Frauenordination bleibt untersagt, Abtreibung ein Verbrechen am Leben, die Verhütung wird nicht mal erwähnt.

Und trotzdem wurde das apostolische Schreiben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, von der deutschsprachigen Presse über den Klee gelobt. Der Grund ist einfach: Franziskus zieht – und hier finden für einmal Zeitgeist und Heiliger Geist zusammen – über die Marktwirtschaft her. Der Papst tut dies freilich in einer intellektuell eher dürftigen Weise, soweit ich seine Argumentation überblicke. Die einen haben wenig – so sein Hauptargument –, weil die anderen viel haben. Die einen sind «Müll», «Abfall», weil die «Mächtigen» alles an sich reissen. Das ist, pardon, Stoff aus der kapitalismuskritischen Mottenkiste.

Schon Joseph Schumpeter nannte den «Glauben», «dass die Mehrheit der Menschen arm sei, weil eine Minderheit reich sei», einst «einen der am weitesten verbreiteten Irrtümer». Benedikt XVI. oder Johannes Paul II. wären Plattitüden wie jene von Franziskus nie über die Lippen gekommen – denn dann lässt sich recht bedacht nicht mal erklären, weshalb wir heute nicht mehr in Höhlen hausen. Aber egal, Franziskus kommt zum Schluss: «Diese Wirtschaft tötet», was einem Verstoss gegen das fünfte Gebot gleichkommt. Damit hatte er die Sympathien der meisten Journalisten auf seiner Seite. Nicht aber meine. Ich nannte ihn in meiner Kolumne einen Zyniker und sozialistischen Romantiker. Denn es ist gerade die Marktwirtschaft, die armen Menschen auf der ganzen Welt die Aussicht auf sozialen Aufstieg und materiellen Wohlstand verheisst.

In der folgenden Ausgabe der «NZZ am Sonntag» erschienen Leserbriefe, die das Bild verteidigten, das der Papst von sich selbst zu zeichnen bemüht ist. Sie hielten sich ans Credo: umso schlimmer für die Wirklichkeit, wenn sie dem Bild nicht gerecht wird, das wir uns von ihr machen! Bischof Paul Hinder meldete sich aus Abu Dhabi mit einer Zuschrift an die «NZZ». Und Daniel Binswanger, der Chefintellektuelle der fortschrittlich-urban-sozialliberalen Kräfte im Lande, replizierte sogleich im «Magazin»: «So weit also ist es gekommen mit der Christenheit: Mittlerweile muss das Hausblatt des reformierten Freisinns der Kurie erklären, was anständiger Katholizismus ist.»

Daneben habe ich freilich auch sehr viele persönliche Zuschriften erhalten, von Kirchgängern beider Konfessionen, von katholischen Honoratioren und reformierten Pfarrern. Der Grundtenor: die westlichen Kirchen sollten sich wieder mehr um ihre Missio – ihre Schickung – kümmern und weniger um modischen Miserabilismus. Die Schreibenden konstatierten unisono eine zunehmende Entfremdung zwischen Basis und offiziellen Vertretern der Kirche. Wer ab und an einen Gottesdienst besucht, kann diesen Befund nur bestätigen. Die Bänke bieten zumeist andächtig gähnende Leere. Und korrespondieren so prächtig mit dem Inhalt mancher Predigt.

Konklusion? In massenmedial animierten Gesellschaften zählen transportierte Bilder mehr als alles andere. Genau hinschauen – kritisch lesen – ist von gestern und bringt einen bloss auf falsche Gedanken. Journalisten verbrüdern sich gerne mit der Macht, wenn deren Vertreter modische Dinge sagen. Was ihre Leser
denken, interessiert sie bloss am Rande.

Aber auch und vor allem: mit Schreiben lässt sich doch noch
etwas bewegen! Ich hätte…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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