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Alex Gladstein, zvg.

Der moderne Kolonialismus kommt im Gewand der Entwicklungshilfe daher

Wie der IWF und die Weltbank arme Länder unterdrücken und deren Ressourcen in reiche Länder umleiten.

Die Geschichte beginnt in den 1980er-Jahren in Bangladesch. Wo einst fruchtbare Reisfelder die Bevölkerung ernährten, breiten sich heute Garnelenfarmen aus – finanziert von Weltbank und IWF. Auf Druck der Kreditgeber bohrten Bauern Löcher in Deiche, fluteten ihre Felder mit Salzwasser und züchteten Garnelen für den Export. Die Devisen sollten helfen, Auslandsschulden zu tilgen. Zurück blieb zerstörtes Ackerland – und der Verlust der eigenen Ernährungssicherheit.

Dieses Beispiel steht stellvertretend für ein globales Muster. Unter dem Deckmantel der Armutsbekämpfung haben IWF und Weltbank ein System geschaffen, das eher an modernen Kolonialismus erinnert: Die Waffe ist heute nicht mehr das Gewehr, sondern Schulden.

1944 wurden beide Institutionen in Bretton Woods gegründet – als Säulen einer von den USA geführten Nachkriegsordnung. Während sich die Industrieländer rasch erholten, rutschten rohstoffexportierende Staaten des globalen Südens in Zahlungsschwierigkeiten. Das Stimmrecht in beiden Organisationen richtet sich bis heute nicht nach Bevölkerungszahl, sondern nach wirtschaftlicher Stärke. Die USA verfügen mit 16,5 Prozent der Stimmen im IWF über ein Veto; Indien mit 1,4 Milliarden Einwohnern über gerade einmal 2,6 Prozent. Die G5-Staaten dominieren, die ärmsten Länder haben praktisch kein Mitspracherecht.

Strukturanpassung als System

Das Kerngeschäft des IWF sind sogenannte Strukturanpassungsprogramme. Staaten in der Krise erhalten Kredite – allerdings nur gegen weitreichende Reformauflagen: Abwertung der Währung, Kürzungen bei Subventionen, Lohnobergrenzen, Beschränkung von Gewerkschaften, Sparprogramme im Gesundheits- und Bildungswesen sowie die Privatisierung staatlicher Unternehmen zu Spottpreisen. Ziel ist es, Exporte zu steigern und den Binnenkonsum zu drosseln. «Es ist ein grundlegendes Ziel der IWF-Programme», schrieb die Entwicklungsforscherin Cheryl Payer schon in den 1970er-Jahren, «den lokalen Konsum zu bremsen, um Ressourcen für den Export freizusetzen.»

Anfangs floss tatsächlich Geld in die armen Länder – doch ab 1982 kippte die Bilanz. Seitdem zahlen sie mehr zurück, als sie erhalten. Zwischen 1970 und 2007 belief sich der Schuldendienst auf 7,15 Billionen Dollar. Für jeden Dollar, der als Entwicklungshilfe ins Land fliesst, verlieren Entwicklungsländer laut Studien im Schnitt 24 Dollar. Die öffentliche Auslandsverschuldung stieg von 46 Milliarden Dollar im Jahr 1970 auf 8,7 Billionen Dollar im Jahr 2020. Länder wie Indien schulden heute das 189-Fache von damals. Allein an Zinsen flossen seit 1980 über 4 Billionen Dollar in die Gläubigerländer.

Ein grosser Teil dieser «Hilfsgelder» kehrt unmittelbar zu westlichen Unternehmen zurück. Die Weltbank räumt offen ein, dass von zehn verliehenen Dollar etwa sieben für Waren und Dienstleistungen aus Industrieländern ausgegeben werden. In den 1980er-Jahren flossen von jedem US-Hilfsdollar 82 Cent direkt als Aufträge an amerikanische Firmen. Britische Steuerzahler finanzierten 495 Millionen Pfund Entwicklungshilfe – britische Unternehmen erhielten im selben Jahr Aufträge im Wert von 616 Millionen. Entwicklungshilfe wurde so zur verkappten Industriesubvention.

Strukturanpassungsprogramme sind politisch unpopulär, weil sie Reallöhne drücken und soziale Spannungen erzeugen. Demokratisch gewählte Regierungen würden daran scheitern. Deshalb arbeiten IWF und Weltbank bevorzugt mit autoritären Regimen. Die Liste der Begünstigten reicht von Mobutu in Zaire über Marcos auf den Philippinen bis zu Pinochet in Chile und dem Apartheidregime in Südafrika. Mobutu erhielt Milliarden, kassierte rund 30 Prozent der Hilfsgelder persönlich und liess sein Volk hungern. Marcos hinterliess den Philippinen 28 Milliarden Dollar Schulden – 1966 waren es noch 500 Millionen.

Die Bevölkerung trägt die Last der Kredite, die sie nie genehmigt hat. Das völkerrechtliche Konzept der «odiosen Schulden» – also Kredite, die zur Unterdrückung eines Volkes dienen – wird von IWF und Weltbank ignoriert.

Besonders gravierend sind die Folgen in der Landwirtschaft. Die Weltbank finanzierte gezielt die Umwandlung von Selbstversorgungswirtschaft in exportorientierte Monokulturen. Bauern sollten statt Reis, Hirse oder Mais Baumwolle, Kaffee oder Garnelen für den Weltmarkt produzieren. Das Ergebnis: Afrika importiert heute rund 85 Prozent seiner Nahrungsmittel – für über 40 Milliarden Dollar jährlich. Ein Kontinent mit enormem landwirtschaftlichem Potenzial wurde in die Abhängigkeit geführt.

Während der globale Süden zu Freihandel gezwungen wird, schützen westliche Staaten ihre Märkte mit Milliardenhilfen. Die Agrarsektoren Europas und der USA erhalten täglich rund eine Milliarde Dollar an Subventionen. Lokale Produzenten in Entwicklungsländern können nicht mithalten. Der Protektionismus der Industriestaaten schmälert das Einkommen der Entwicklungsländer um ein Mehrfaches der erhaltenen Entwicklungshilfe. Würden westliche Märkte sich öffnen, wäre klassische «Hilfe» überflüssig.

Eine neue Form des Kolonialismus

Die sozialen Folgen der Anpassungspolitik sind verheerend. In Ländern unter IWF-Programmen stiegen Kinder- und Müttersterblichkeit deutlich an. In den 1980er-Jahren halbierten sich dort die Gesundheitsausgaben, während die Ernährungssicherheit zusammenbrach. Zwischen 1980 und 1985 sank in drei Vierteln aller Länder Lateinamerikas und Afrikas das Pro-Kopf-Einkommen. Forscher schätzen, dass zwischen 1982 und 1994 jährlich bis zu sechs Millionen Kinder infolge der Strukturanpassung starben.

Das System funktioniert wie ein Schneeballsystem: Neue Kredite dienen der Rückzahlung alter Schulden. Der IWF verhindert den Staatsbankrott – nicht aus humanitären Gründen, sondern um westliche Banken zu schützen. 1982, als Mexiko vor der Zahlungsunfähigkeit stand, hatten die neun grössten US-Banken mehr als ihr gesamtes Eigenkapital in Krediten an vier lateinamerikanische Länder gebunden. Der IWF rettete nicht Mexiko – er rettete das westliche Finanzsystem.

Die Parallelen zum Kolonialismus sind offensichtlich: Rohstoffausbeutung, Lohnsenkung, Verlust wirtschaftlicher Autonomie. Der Unterschied liegt nur in der Methode – früher marschierten Armeen ein, heute übernehmen Kreditverträge diese Funktion. Die Industrieländer profitieren doppelt: Sie erhalten Rohstoffe und Zinszahlungen – und sichern gleichzeitig Absatzmärkte für ihre eigenen Unternehmen.

Das Muster setzt sich bis heute fort. Nach der Covid-19-Pandemie pumpten IWF und Weltbank Hunderte Milliarden Dollar in Länder, deren Regierungen ihre Volkswirtschaften stillgelegt hatten. Mit steigenden Zinsen verschärft sich die Schuldenkrise erneut: Sri Lanka, Ghana, Pakistan, Ägypten – ein Land nach dem anderen bittet um Kredite und akzeptiert neue Auflagen. Die globale Verschuldung erreicht historische Höchststände. Solange das globale Finanzsystem von jenen kontrolliert wird, die an der Schuldenfalle verdienen, bleibt echte Befreiung unwahrscheinlich.

Dieser Beitrag erschien in erweiterter Form erstmals 2023 unter dem Titel «Strukturanpassung: Wie der IWF und die Weltbank arme Länder unterdrücken und ihre Ressourcen in reiche Länder leiten» auf der Webseite des Aprycot-Verlags.

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