Der menschliche Phonograph

Kurzgeschichte von Jonathan Tel. Übersetzt aus dem Englischen von Christa Schuenke. Mit Illustrationen von Tyrone Richards.

Der menschliche Phonograph

Und als eine Gestalt in einer Art Taucheranzug und mit verspiegeltem Helm halb schreitend, halb schwebend über die unwirkliche Oberfläche kommt, redet sie sich ein, es sei ihr Mann, und der Mond, da kannst du sagen, was du willst, könnte ohne Weiteres die Provinz Qinghai sein, und einer der anderen Dolmetscher, einer für Englisch, sagt, Mr. Armstrong sage gerade: Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein grosser Sprung für die Menschheit, und da hält sie sich die Hand vor die Augen, damit keiner sieht, dass sie weint.

Sieben Jahre ist das her.

Es gibt Gedanken, die kann man nicht aussprechen, die kann man nur singen. Der Bescheid kommt per Telegramm an die Sekretärin ihrer Arbeitseinheit.

Sie hat eine Woche zum Packen.

Kennengelernt hatten sie sich 1961 an der Universität für Auslandsstudien, wo sie im letzten Semester Russisch als Hauptfach studierte und er an seiner Doktorarbeit in Geologie schrieb. Sie hatten geheiratet, und ein knappes Jahr später hatte er den Befehl erhalten. Man schickte ihn in den äussersten Nordwesten, er sollte dort ein bestimmtes Gebiet erforschen – soweit er sagen konnte. Er sollte auf unbestimmte Zeit dort bleiben. Es war ihr verboten, ihn zu begleiten. Als ob er ins Exil geschickt würde, oder sie beide, aber es wurde als Auszeichnung dargestellt, als Gelegenheit, dem VOLKE ZU DIENEN … Und dann im Oktober 1964, im Jahr des Drachen, verkündete Mao, China habe die BOMBE.

Es gibt ein Foto (das erst Jahre später an die Öffentlichkeit gelangen wird, erst nach seinem Tod, als sie längst wieder zurück ist in Peking), auf dem eine Gruppe von Wissenschaftern in identischen Anzügen im strahlenden Sonnenschein auf einem Feld stehen, die linke Faust emporgereckt zum Zeichen ihrer Loyalität. Er ist der Dritte von links, überbelichtet. Natürlich gestellt. In Wirklichkeit hätten sie mit Stöpseln in den Ohren und Schutzbrillen vor den Augen in einem Unterstand gekauert, während die Erde bebte.

Die Bombe ist zur Verteidigung gegen die Sowjets, und der Witz ist, dass uns die Sowjets überhaupt erst mal geholfen haben, sie herzustellen. In der Schule hatte man ihnen beigebracht, unseren brüderlichen Verbündeten zu ehren. Im Unterricht hatten sie Katjuscha gesungen und Vaterland, kein Feind soll dich gefährden. Später an der Uni war Russisch dann die Sprache des Feindes. Wir müssen sie verstehen, damit wir sie besiegen können.

Einmal wöchentlich schickt sie einen Brief an die bewusst nichtssagend gehaltene Adresse der Basis: Fabrik 221, Bergbaugebiet 210, Qinghai. Er antwortet, wenn er kann. Seine Arbeit zu beschreiben, ist ihm verboten; ihm ist sogar verboten, die Steine unter seinen Füssen zu beschreiben. Er schreibt über das Wetter. Heute fiel das Thermometer auf – 20º. Wir wärmen uns in unseren Gänsedaunenmänteln. (Er denkt daran, wie er sie in die Arme schliesst, sie wärmt!) … Heute ist ein typischer Sommertag, die Temperaturen fast genauso wie im Frühling in Peking. (Hier in der Stadt herrscht drückende Hitze … Er denkt an den Frühling!)

Mögen die langen grauen Boulevards von Peking Denkmale ihrer selbst sein. Schon tauchen aus dem Dunst gespenstisch quietschend die Herden der Radfahrer auf mit ihren Rädern Marke Phoenix oder Forever. Es ist ihr letzter Morgen. Auf dem Hof ihres Wohnblocks spielen die Kinder ein Spiel, bei dem sie sich verstecken, sich so unhörbar und unsichtbar machen wie nur irgend möglich. Ihr ist gestattet, einen Koffer mitzunehmen.

28. Juli 1969.

Ihr Zug fährt vom Bahnhof Peking ab; fünf Tage dauert die Reise nach Lanzhou in der Provinz Gansu. Dort muss sie umsteigen in einen Sonderzug des Militärs, der nach Qinghai fährt. Alle anderen sind Männer und in Uniform. Die Waggonfenster sind verhängt, so dass man die Landschaft draussen nicht sehen kann. Sie…