Der Mensch und sein Monster

Wir kennen unsere Gene, aber deshalb haben wir unser Selbst noch lange nicht erkannt. Dies zeigt sich in der Genetik immer klarer. Zugleich macht sich der Mensch in der angewandten Forschung zu seinem eigenen Rohstoff. Was bedeutet das für das menschliche Selbstverständnis?

Der Mensch und sein Monster
Hans-Jörg Rheinberger, photographiert von Michael Wiederstein.

Herr Rheinberger, beginnen wir mit einem Rätsel: Es gibt einen ziemlich bekannten amerikanischen Wissenschafter, der wie Sie 1946 geboren wurde. Können Sie sich vorstellen, wen ich meine?

Na, das ist mir ein bisschen zu unspezifisch!

Der Mann heisst: Craig…

Venter! Ah, das Geburtsjahr ist mir noch gar nie aufgefallen.

Venter hat vor rund 12 Jahren als erster Mensch sein Genom entschlüsselt und aufs Netz gestellt. Was ist aus der damaligen Sensation geworden? Ist in der Forschung davon noch die Rede?

Was Venter damals veröffentlicht hat – übrigens zur gleichen Zeit wie die Forscher, die unter der Schirmherrschaft der National Institutes of Health mit Francis Collins am Humangenomprojekt gearbeitet haben –, war eine Arbeitsversion des Genoms. Sie enthielt noch viele Lücken. Im Medienbewusstsein bedeutete das dennoch: Das Genom ist entschlüsselt! Wie so oft wurde eine wissenschaftliche Ankündigung von der Öffentlichkeit als fertige Sache aufgenommen, obschon in Wahrheit noch jahrelang weitergetüftelt werden musste. Inzwischen, nach einer weiteren Dekade, ist man so weit – auch preislich –, dass man die Genomsequenzierung als diagnostisches Werkzeug nutzen kann.

Was bringt es als solches konkret? Man hatte sich von der Entschlüsselung des Genoms Quantensprünge in der Prognostik erhofft, glaubte, lauernde Gefahren wie etwa Alzheimer künftig im Erbgut erkennen zu können. Inwiefern haben sich diese Phantasien bewahrheitet?

Das Genomprojekt hat Identitätsvorstellungen gepusht, die ziemlich überrissen waren: Kennt man das Humangenom, kennt man den Menschen. Zeitweise erschien das Genom ja geradezu als Heiliger Gral, als Speicher aller zukünftigen Lebenswege. Um das Projekt rankte sich viel Luftiges. Doch sind viele Phantasieblasen zerplatzt. Pragmatisch gesehen ist man heute in der Lage, auf einzelnen Chromosomen genetische Defekte zu identifizieren, auch solche, die nicht schon bei der Geburt, sondern irgendwann einmal im Leben mit einer gewissen statistischen Wahrscheinlichkeit wirksam werden. Jetzt kann man sich natürlich fragen: Soll man sich das eigene Leben dadurch erschweren, dass man sich auf diese Wahrscheinlichkeiten fixiert, und am Schluss passiert vielleicht gar nichts? Andererseits ist nicht von der Hand zu weisen, dass eine diesem Wissen entsprechende Lebensführung auch
einiges bewirken kann.

Und dieses monokausale Denken: ein Gen, ein Protein, eine Krankheit – hat es sich verflüchtigt?

Es gibt natürlich den Bereich der monogenetischen Krankheiten. Ein berühmtes Beispiel ist die Sichelzellenanämie, die aber eigentlich nur in bestimmten Umweltkontexten als Krankheit anzusehen ist, weil sie in anderen Umwelten, also beispielsweise im tropischen Klima, auch Vorteile hat. Ein anderes Beispiel, das in diesem Zusammenhang gerne genannt wird, ist die Phenylketonurie, eine Stoffwechselkrankheit. Der Organismus kann aufgrund eines genetisch bedingten Enzymdefekts eine Aminosäure nicht mehr abbauen. Der Defekt lässt sich leicht identifizieren, und dann muss der oder die Betroffene eine bestimmte Diät befolgen, die darauf abzielt, die Aufnahme der Aminosäure Phenylalanin zu vermeiden. Hält er sich daran, kann er ein normales Leben führen. Kurz und gut, solche Fälle gibt es…

… sie sind jedoch die Ausnahme, nicht die Regel.

Ich würde es anders sagen: Es gibt einige monogenetische Krankheitsbilder, doch sind nur vergleichsweise sehr wenige Menschen davon betroffen, während unsere sogenannten Volkskrankheiten, Bluthochdruck, Herzbeschwerden, Rheuma, Allergien und all diese Dinge, eben mehr als eine Ursache haben. Da spielen Gene auch eine Rolle, da sie in fast allen Stoffwechselprozessen in der einen oder anderen Form involviert sind, aber eben nur eine bedingte.

Wie wichtig ist heute in der Wissenschaft der Begriff des Gens als kleinster Informationseinheit des Lebens?

Die Arbeit am Genom hat nicht nur diese pragmatische Bedeutungsebene erschlossen, sondern über eine quasi ironische Wendung die ganze Genforschung in neue Richtungen gelenkt. Am Anfang des Projekts ging man davon aus, dass die menschliche Zelle rund 100 000 Gene enthalte, gegen Ende des ganzen Sequenzieraufwandes stellte sich dann aber heraus, dass es…

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