Der Mensch als Vorschlagswesen

Welcher Unternehmer hätte nicht gerne mehr Betriebssicherheit, höhere Erträge und geringere Kosten? Nichts leichter als das: Fragen Sie Ihre Mitarbeiter. Die besitzen mehr kreatives Potential, als Sie glauben.

Wovon ist die Rede, wenn zwei mächtige Begriffe wie «Idee» und «Management» miteinander verheiratet werden? Beginnen wir mit einem realen Beispiel einer Papierfabrik in einem an der Reuss gelegenen Industriedorf.

Papier wird seit Jahrtausenden hergestellt. Alle Probleme müssten also gelöst sein – denkt der Laie. Doch werden immer noch zu viele Ressourcen verbraucht, als Aktionären von Papierfabriken und ökologisch besorgten Menschen lieb ist. Die Papiertechnologen des Unternehmens Perlen im Kanton Luzern wissen um jedes Detail aller Vorgänge rund um die alte Technik. Zunächst werden aus Holz Papierfasern gewonnen. Ein Verfahren, das viel Energie verbraucht und über das sich schon viele Ingenieure den Kopf zerbrochen haben: Wie können Energieträger weniger in Anspruch genommen werden? Die überraschende Lösung hat eine Idee eines 53jährigen Mitarbeiters in der Frischfasernherstellung gebracht. Mate Miletic hatte eine einfache Lösung: Bei der Herstellung entsteht Dampf – und dieser kann genutzt werden, um den allgemeinen Energieverbrauch zu reduzieren und die vorhandene Energie effizienter zu nutzen.

Die Verantwortlichen von Perlen berechneten, dass dank Miletics Vorschlag jährlich 730 000 CHF eingespart werden können, und belohnten den Ideengeber mit einer Anerkennung und einer Prämie von 10 000 CHF. Zugegeben, meist drehen sich Verbesserungsvorschläge um kleinere Beträge als Einsparungen im sechsstelligen Bereich, aber doch wird an diesem Beispiel klar, worum es geht: Ideenmanagement (IM) trägt auf effiziente Weise dazu bei, dass alle Beschäftigten einer Institution (z.B. Unternehmen, Verwaltungen, Nonprofitorganisationen) die Möglichkeit haben, konstruktive Ideen zur fortlaufenden Verbesserung von Produkten, Dienstleistungen, Prozessen und Gegebenheiten der Arbeitswelt einzureichen.

Es geht um ein strukturiertes Anreizsystem, das dann funktioniert, wenn alle wissen, was erreicht werden kann. Vorgesetzte oder zentrale Ideenmanager prüfen die eingebrachten Ideen und senden ein Zeichen der Anerkennung an den Absender. Danach werden sie begründet zurückgestellt oder abgelehnt und im positiven Falle möglichst rasch umgesetzt. Die Arbeitgeber wollen damit das kreative Potential ihrer Arbeitnehmerschaft nutzen und selbst daraus Nutzen ziehen. Denn ob Papierfabrik, öffentliche Verwaltung oder Elektronikkonzern, Organisationen – sie alle haben ähnliche Ziele: Qualitätssteigerungen, Wirtschaftlichkeitsverbesserungen, Einsparungen, Verhütung von Unfällen und der Gefährdung der Gesundheit, Reduktion von Umweltschäden, bessere Motivation der Beschäftigten und Förderung ihrer Leistungsfähigkeit.

Das Schöne am IM ist, dass seine Effizienz sehr gut gemessen werden kann. Ich nenne nur drei entscheidende Kennziffern: Wie viel Prozent der Beschäftigten haben sich mit eigenen Ideen beteiligt, wie viele Ideen wurden nach der Nützlichkeitsprüfung angenommen und wie viele Ideen wurden tatsächlich und wirksam umgesetzt? Auch die möglichst kurze Bearbeitungsdauer von Verbesserungsvorschlägen ist ein Effizienzkriterium.

Nun könnte man denken, das sei eine so gute Sache, dass kein Weg daran vorbeiführt. Warum aber bringt nicht jede Institution dieses Konzept in der Schweiz zur vollen Blüte und warum beteiligen sich nicht alle Arbeitnehmer an dieser Chance zur Verbesserung ihres Arbeitsumfeldes?

Wir werden sehen, dass es in schweizerischen Institutionen viel Licht und Schatten gibt. Und wir werden diese Bestandesaufnahme dazu nutzen, um konkrete Vorschläge zu machen, wie es besser laufen könnte.

 

Managementkonzept aus dem 18. Jahrhundert

Viele Managementkonzepte verglühen schnell am Sternenhimmel. Einer meiner akademischen Lehrer, der Organisationstheoretiker Alfred Kieser, sprach gerne von Moden und Mythen in der Managementlehre und -praxis. Handelt es sich auch beim IM um eine Mode, die weltfremde Wissenschafter oder geschäftstüchtige Berater propagieren?

Ein Blick zurück entkräftet den Verdacht der schnellen Vergänglichkeit. Erste Ansätze lassen sich um 1750 herum im Königspalast von Schweden und bei den Dogen in Venedig ausmachen. Hier sprechen wir besser von einem «Untertanenvorschlagswesen». Industrieller Pionier ist der deutsche Unternehmer Alfred Krupp, der schon 1872 einen Ideenkasten aufstellte. Dort konnten seine Untergebenen Verbesserungsvorschläge einwerfen, welche der Patron selbst prüfte und anerkannte.

In der Schweiz waren die Bally Schuhfabriken AG (Schönenwerd) im Jahre 1900 die ersten Anwender. 1921 kam Landis & Gyr AG…