Der Markt als Menschenbändiger

Von der Religion über den Staat bis zur Kunst: Mit allen Mitteln soll der Mensch gezähmt werden. Was, wenn es der Markt wäre, der dazu am besten geeignet ist? Wo gefeilscht wird, wird nicht getötet – und wo sich nichts erzwingen lässt, ist für alle alles möglich.

Von der Befriedigung der Bedürfnisse unserer körperlichen Existenz ohne Unterlass absorbiert, verbringen wir Menschen fast den ganzen Wachzustand in einem existenzialistischen Schlummer und reiben uns auf in den Quisquilien des Alltags. Aber ab und zu katapultiert uns ein Grossereignis, ob wir es wollen oder nicht, aus dem Alltagstrott heraus.
Die Geschichte ist bekannt: Liberale Marktwirtschaft und liberale Demokratie sind siegreich aus dem Kräftemessen mit dem sozialistischen Totalitarismus hervorgegangen. Nach dem Triumph über Feudalismus, Absolutismus, Nationalismus und Nationalsozialismus hatte man nun auch den Kommunismus zu Grabe tragen können. Das war es – was blieb noch übrig an menschlichem Wahnsinn, um sich dem Streben nach dem «grössten Glück der grössten Zahl», das im Zentrum des Liberalismus steht, in den Weg zu stellen?
Einiges, wie uns die vergangenen zwei Jahrzehnte gelehrt haben. Einmal mehr müssen die Kräfte des Guten, des Vernünftigen, der Lebensfreude gegen eine tödliche Gefahr mobilisiert werden. Vor unseren Augen entwickelt sich das 21. Jahrhundert zu einem dunklen Zeitalter des blutigen religiösen Fundamentalismus. Wir sollten uns keine Illusionen machen: die Welt hat noch nie so nahe am Abgrund des Nuklearkriegs gestanden wie heute. Es trennt uns nur ein Putsch islamistischer Offiziere in Pakistan vom Einsatz der «islamischen Bombe» gegen Israel und Europa! Geben wir uns nicht der Hoffnung hin, dass in solch einem Fall die MAD-Strategie (Mutual Assured Destruction), die im Kalten Krieg den nuklearen Austausch verhindert hatte, noch wirksam sein kann.
Nicht nur diese apokalyptischen Perspektiven sind es aber, die der freien Marktwirtschaft zu Leibe rücken. Vielmehr wird sie heutzutage auch in vermeintlich liberalen Ländern scheel angesehen. Bei der politischen Korrektheit, welche in unseren Breitengraden die öffentliche Meinung beherrscht, gerät man auch in scheinbar bürgerlichen Kreisen in die Bredouille, wenn man den Markt hochhält und auf seine Menschlichkeit verweist. Es gehört sich nicht, ein Wirtschaftssystem mit Menschlichkeit in Verbindung zu bringen. Ich bin mir sicher, dass für viele Zeitgenossen die Betreiber von Hedge Fonds verwerflichere Menschen sind als beispielsweise die Verbrecher von Hamas, Hizbollah und wie sie alle heissen.
Wir leben in äusserst gefährlichen, sehr prekären Zeiten, und da sollte man sich nicht scheuen, Klartext zu sprechen. Dass der Mensch in seiner komplexen Natur auch stets den Trieb zu Gewalt und Selbstzerstörung in sich trägt, wird niemand bestreiten wollen. Seit Geschichte aufgeschrieben wird, sind wir permanent Zeugen dieses Sachverhalts. Wir wissen auch, dass Kultur und Zivilisation nur ein dünner Firnis sind, der dazu beitragen kann, die Kräfte der Zerstörung unter Kontrolle zu halten. Von der Religion über den Staat und die Wirtschaft bis hin zur Kunst reicht die Bandbreite der Anstrengungen, die menschliche Gewaltneigung einzudämmen. Mal gelingt es, allzu häufig bleibt aber der Erfolg auch aus, und einige Instrumente, die eigentlich zur Befriedung gedacht sind, heizen die Gewaltbereitschaft noch zusätzlich an. Man denke beispielsweise an Religionskriege, wie wir sie gerade jetzt wieder bis zum Überdruss vorgeführt bekommen. Kaum je ist aber die Rede davon, dass auch und gerade der Markt ein Mittel ist, die Zerstörungstriebe zu zähmen.
Die Menschlichkeit des Markts: unter allen Institutionen des Menschen, sich in friedfertigem Verhalten zu üben, hat sich der Marktplatz als erfolgreichste erwiesen. Natürlich wird auf einem echten Markt gefeilscht und betrogen, was das Zeug hält, doch Mord und Totschlag gehören nicht zum Alltag. Wer Handel betreiben will, der muss ein Gegenüber haben, jemanden, dem er das Zeug, das er an die Frau oder an den Mann bringen will, andrehen kann. Eine Leiche hilft da nicht weiter. Mit ihr lässt sich kein Geschäft mehr aushandeln.
Natürlich eliminiert auch der Markt als zivilisatorische Meisterleistung Missbrauch und Verbrechen nicht. Auf dem Markt findet man nicht das Paradies, aber…

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