Der kontrollierte Zen-Work-Life-Balance-Regelbruch

«Gleichgewicht und Leichtigkeit bringen inneren Frieden und Gelassenheit.» Die Erkenntnis, die Zen-Theoretiker seit über 2000 Jahren verinnerlicht haben, sucht in der modernen Welt nach neuen Anwendungsformeln. Nicht zu viele Partys feiern – stattdessen gemütlich im Wohnzimmer-Outfit vor dem TV sitzen. So entspannt sich der gestresste Mensch und schöpft neue Kraft. Aber warum kommen wir überhaupt […]

«Gleichgewicht und Leichtigkeit bringen inneren Frieden und Gelassenheit.» Die Erkenntnis, die Zen-Theoretiker seit über 2000 Jahren verinnerlicht haben, sucht in der modernen Welt nach neuen Anwendungsformeln. Nicht zu viele Partys feiern – stattdessen gemütlich im Wohnzimmer-Outfit vor dem TV sitzen. So entspannt sich der gestresste Mensch und schöpft neue Kraft. Aber warum kommen wir überhaupt darauf, uns diese Gedanken über Ausgeglichenheit zu machen?

Vielleicht, weil wir ständig damit ringen, nicht zwischen den verschiedenen menschlichen Bedürfnissen zerrieben zu werden. Diese reichen vom elementaren Überlebenstrieb bis hin zum mondänen Verlangen nach Selbstverwirklichung. Das hat uns der So­zialpsychologe Maslow anhand seiner Bedürfnispyramide bereits vor 60 Jahren erklärt. An die ausgleichende Hand nimmt uns gegenwärtig das sogenannte Konzept der Work-Life-Balance. Weltweit wird es an Bahnhofskiosken und in Best­sellern aller Sprachen gepredigt – dabei häufen Autoren, Trainer, Coaches und sogenannte Experten ein Konvolut von Regeln an, das – wollte man ihnen auch nur annähernd Folge leisten – für sich allein schon für komplette Frustration bei den Balancierenden sorgt.

Spielen wir das einmal durch. Sie empfehlen uns zunächst, unseren Gleichgewichtszustand in Dingen zu suchen, die Glück versprechen, uns also belohnen oder bereichern: eine anständige Karriere, eine Familie, ein Haus, ein schönes Auto und wohlverdiente Ferien. Man muss kein Soziologe sein, um zu wissen, dass all diese Bedürfnisse nur einem sozial akzeptierten Schema für den westlichen Durchschnittsangestellten entsprechen. Viele Zeitgenossen mögen hinter alle erwähnten Punkte ein Häkchen machen können – und doch fühlen sie sich nicht wirklich glücklich. Es fehlt ihnen eigentlich an nichts, sie haben auch nicht zu viel, und trotzdem können sie keine offensichtlichen Gründe dafür anführen, dass sie sich unbefriedigt fühlen. Ausweglos? Nein. Hochbezahlte Psychologen und antidepressive Pharmaprodukte weisen den Ausweg. Beide haben 2012 – wie in den vergangenen Jahren – Hochkonjunktur. «Psychisch krank zu sein ist auch eine Wohlstandserscheinung», sagt der Zürcher Glücksökonom Bruno S. Frey. Die Empirie gibt ihm recht: In der Schweiz steigt die Zahl derer, die aufgrund psychischer Probleme in Behandlung sind, seit Jahren rasant – und wo die Nachfrage steigt, ist das Angebot nicht weit. In den letzten 10 Jahren haben sich die praktizierenden Psychiater um ganze 70 Prozent vermehrt! Ohne deren Geschäftsgrundlage untergraben zu wollen: Könnte es sein, dass es eine andere, vielleicht simplere Lösung gibt für diese weitverbreitete Krankheit unserer Zeit?

Der Bestsellerautor und Lebensberater Nigel Marsh meint, dass eine weitverbreitete  Definition von Erfolg – je höher Einkommen und Vermögen, desto erfolgreicher – zwar nachvollziehbar, aber offensichtlich nicht sehr weit gedacht sei. In meinen Augen ist das Problem aber nicht nur eine unbedachte Definition, sondern vielmehr, dass das sozial akzeptierte Schema von Glück nicht genug Graustufen hat. Und um glücklich zu sein, bedarf es auch mehr als einer Work-Life-Balance. Deshalb ergänze ich die Bahnhofskiosk-Psychologie mit einem Vorschlag, der sich bei mir bezahlt gemacht hat: Brechen Sie hin und wieder die Regeln. Wagen Sie etwas, das vielleicht nur deshalb völlig ungewöhnlich scheint, weil es Ihren Mitmenschen als ungewöhnlich erscheint. Das befeuert die Kreativität – und steigert letztlich nicht nur Ihr Wohlbefinden, sondern auch die Erfolgsquote in Bereichen, die nicht direkt mit Ihrem Gemütszustand zusammenhängen. Machen Sie den sozialen Regelbruch zur subtilen Regel Ihres Alltagslebens und lassen Sie Ihre Liebsten auch daran teilhaben! Beginnen Sie etwa damit, Ihre Bücher über Work-Life-Balance ab dem nächsten Grillfest als Feueranzünder zu benutzen. Trinken Sie dazu eine richtige Cola statt einer Light oder Zero. Und fragen Sie sich, wenn der Zucker Ihre Kehle hinunterfliesst: Muss es denn immer etwas derart Verrücktes wie Fallschirmspringen sein?

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»