Der Knatsch mit dem Nudge

Der Liberale steht mit dem Nudge auf Kriegsfuss: Paternalismus auf leisen Sohlen! Eine unerhörte Anmassung, dass der Staat glaubt, besser zu wissen, was gut und schlecht für uns ist! Hinterhältige Entmündigung! Unser Redaktor Lukas Rühli meint: Unsinn. Es wird nicht zu viel, sondern zu wenig genudgt. Eine Provokation.

Der Knatsch mit dem Nudge
David Halpern, zvg.

Wer sich in hiesigen liberal-konservativen Kreisen über das Phänomen «Nudging» informiert, liest erstaunliche Dinge: «Der Nudge soll den Gebrauch der Freiheit erschweren oder verteuern!»1, «Systematisches behördliches Nudging wird zum freiheitsgefährdenden Anreiz, sich vom Staat bevormunden zu lassen und ohne Risiken zu leben»2, «Nudging ist rechthaberisch und eine undemokratische Marktmanipulation, die unseren nachhaltigen Wohlstand gefährdet»3, «Die vereinigten Volkserzieher in den Regierungen dieser Welt haben sich etwas ausgedacht, um den Menschen zu Wohlverhalten zu ermuntern»4 oder «Nudging-Behörden der Zukunft werden mit der wohltätigen Absicht, uns vor Fehltritten bzw. den Folgen unserer Trägheit zu bewahren, als Big Brother den unmündigen, zahlungsbereiten und konformistischen Untertanen schaffen helfen».5

Wow! Man könnte glatt meinen, Nudging sei die bei weitem perfideste und erfolgreichste Strategie machtsüchtiger Politiker, das Volk zu unterjochen und seiner letzten Freiheiten zu berauben. Die weitverbreitete Angst der deutschsprachigen Liberalen vor dem Nudge ist umso erstaunlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Konzept in den USA vom unterdessen nobelpreis­prämierten Ökonomen Richard Thaler und vom Rechtswissen­schafter Cass Sunstein zum ersten Mal explizit beschrieben und bisher am umfangreichsten in Grossbritannien angewendet wurde. Es ist also in jenen zwei Ländern am weitesten etabliert, in denen die Staatsskepsis in guter angelsächsischer Tradition grösser ist als in Kontinentaleuropa, das von libertären und konservativen Amerikanern gerne einmal als «sozialistische Hölle» bezeichnet wird. Dass Liberale genau hier dem von ausgewiesenen Liberalen entwickelten Konzept des «Stubsens» so gar nichts abgewinnen können – dafür muss es doch einen Grund geben. Ich habe mich aufgemacht, ihn zu finden.

Moralisch zwiespältig?

Vor gut anderthalb Jahren, im Oktober 2017, stiess ich auf einen Artikel der (geschätzten) «NZZ»-Redaktorin Christina Neuhaus, der mich hellhörig werden liess, denn er versammelte viele der «liberalen» Kritiken am Konzept des «sanften Schubsens» (Nudg­ing), die mir seither immer wieder begegneten. Schauen wir genauer hin: Zur in Deutschland diskutierten Massnahme, in das Organspenderregister aufzunehmen, wer sich nicht dezidiert vor dem eigenen Ableben abmeldet (statt sich anmelden zu müssen, um aufgenommen zu werden), schreibt Neuhaus6: «Das Beispiel erklärt exemplarisch das moralisch Zwiespältige am sanften Schubsen. Es ist unbestritten eine gute Sache, Schwerkranke mit Organspenden am Leben zu erhalten. Eine automatische Organentnahme ist aber auch ein elementarer Eingriff in Freiheits- und Persönlichkeitsrechte.»

Ich stockte, las den Absatz erneut. Juristen mögen es anders sehen, aber ich als Ökonom würde salopp behaupten: Ein Eingriff in die Freiheitsrechte ist bei einer toten Person eher schwierig, denn ihre Handlungsfreiheit ist schon mit ihrem Ableben auf 0 gesunken. Zu debattieren wäre der Eingriff in die Persönlichkeitsrechte, denn diese bestehen auch postmortal. Da sich an der Freiwilligkeit der Organspende durch die Massnahme allerdings gar nichts ändern würde, kann ohnehin nicht von einem Eingriff in wie auch immer geartete Rechte gesprochen werden. Ich las weiter: «Eine wahre Meisterin im Nudging ist die Stadt Zürich. Damit die Leute gar nicht erst auf die Idee kommen, sich ein Auto zuzulegen, fördert die Stadt Überbauungen ohne Parkplätze.»

Wieder blieb ich hängen und dachte:…

Vom Schubsen und Stolpern
Klein, aber oho! Um in öffentlichen Toiletten die männliche Zielgenauigkeit zu verbessern und Schweinereien zu vermeiden, ist die aufgeklebte Fliege im Pissoir weit erfolgreicher als alle Verbotsschilder. Bild: mauritius images / Eddie Gerald / Alamy.
Vom Schubsen und Stolpern

Über die gängigsten «Entscheidungsfehler» des Homo sapiens – und was die Privatwirtschaft damit anfängt.

Der Knatsch mit dem Nudge
David Halpern, zvg.
Der Knatsch mit dem Nudge

Der Liberale steht mit dem Nudge auf Kriegsfuss: Paternalismus auf leisen Sohlen! Eine unerhörte Anmassung, dass der Staat glaubt, besser zu wissen, was gut und schlecht für uns ist! Hinterhältige Entmündigung! Unser Redaktor Lukas Rühli meint: Unsinn. Es wird nicht zu viel, sondern zu wenig genudgt. Eine Provokation.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»