Der Kampf um die Unversehrtheit des Balls

Bald geht’s los. Die EM-Vorfreude steigt – und mit ihr die Lautstärke der kritischen Stimmen. Die Kulturkritik der Fussballnörgler kommt freilich einem intellektuellen Eigentor gleich. Warum der Fussballsport intelligenter ist als seine Gegner

Das menschliche Leben wäre schöner, besser, erhabener, wenn der Fussball nie erfunden worden wäre. Das jedenfalls ist die Ansicht vieler Intellektueller oder solcher, die sich dafür halten. Für die Humanisten unter den Verächtern haben Spieler und Anhänger des Fussballs ihre Menschenwürde allein schon deshalb verspielt, weil sie den animalisch-instinktiven Aspekt des Menschseins höher gewichten als den rational-reflexiven. Ideologiekritiker wiederum prangen den Fussballsport als neue Form von panis et circenses an, die die Massen ruhigstellt, als zeitgemässes «Opium des Volkes» (Karl Marx). Die zahlreich vertretenen Kompensationstheoretiker bringen immerhin so viel Verständnis für ihre fussballversessenen Mitmenschen auf, dass sie deren Sehnsucht nach Authentizität und Übersichtlichkeit in einer komplexen, anonymen Gesellschaft als zwar bedauerliches, aber legitimes Bedürfnis anerkennen. Bloss einige milde gestimmte Philosophen verweisen auf die positive reinigende Wirkung für die Psyche, die von der Teilnahme an Fussballspielen ausgehen kann.

Was Friedrich August von Hayek über die Intellektuellen im Zeitalter des Kapitalismus sagte, gilt auch hier: sie sind «second-hand dealers in ideas». So erstaunt es nicht, dass den verschiedenen Ansichten der gebildeten Fussballverächter eine Prämisse zugrundeliegt, die jeder sogleich als falsch durchschaut, der schon einmal sein Glück mit dem Ball versucht hat: der behauptete Gegensatz von Fussball und Leben. Fussball ist nicht das falsche Leben im richtigen, und deshalb sind die, die gegen den Fussball sind, noch lange nicht für das Leben. Ganz im Gegenteil – der Fussball ist das Leben. Woraus sich ableiten lässt: wer den Fussball begriffen hat, hat auch das Leben begriffen. (Und woraus der Fussball-Liebhaber folgert: wer dem Fussball nichts abzugewinnen vermag, hat auch vom Leben nichts verstanden.)

Fussball ist nicht Krieg, wie Sportkommentatoren durch die Verwendung von antiquierter Kampfrhetorik immer wieder suggerieren, sondern Frieden. Das Wohl der beiden Mannschaften hängt entscheidend von der Unversehrtheit des Balls ab – gespielt werden kann nur, solange der Fussball unversehrt ist. Daraus folgt notwendigerweise auch das Bemühen um die Unversehrtheit des Gegners, der eigentlich ein gegnerischer Mitspieler ist. Ludwig von Mises bringt es auf den Punkt: «Wer sein eigenes Leben und die Unversehrtheit seines Leibes, so gut und so lange es geht, erhalten will, muss sich darüber klarwerden, dass die Achtung vor dem Leben und der Unversehrtheit der Mitmenschen der Erreichung seiner Absicht besser dient als das gegenteilige Verhalten.» Das ist in der Tat jedem Fussballer sofort klar. Es geht nicht um die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, wie Nietzsche sie beschrieben hat («Wer davon lebt, einen Feind zu bekämpfen, hat ein Interesse daran, dass er am Leben bleibt»), sondern um die tiefere Einsicht in das wechselseitige Aufeinanderangewiesensein der Menschen zur Mehrung des allseitigen Wohlbefindens. Jeder Mensch ist potentiell Genosse einer möglichen Zusammenarbeit. Darin liegt das Wesen der modernen arbeitsteiligen Tauschgesellschaft begründet: wer den anderen schont, fördert damit sein eigenes Wohl.

Ähnliche Überlegungen sind auch im Hinblick auf die Befindlichkeit der eigenen Mannschaft relevant. Denkt jeder der elf Spieler einer Mannschaft an das sogenannte «Gemeinwohl», das in diesem Fall mit dem Sieg einer Partie, eines Turniers oder einer Meisterschaft zusammenfällt, so vernachlässigt er seine spezifische Leistung, und die Niederlage ist programmiert. Aufopferung für das Kollektiv ist vielleicht bewundernswert, aber kontraproduktiv. Die Gewinnchancen erhöhen sich, wenn jeder einzelne seine Qualitäten nutzt – und wenn er anerkennt, dass seine Mitspieler andere Qualitäten haben als er selbst. Um es mit den Worten des Sozialphilosophen Anthony de Jasay zu sagen: wichtig ist nicht die Maxime der Anhänger der «sozialen Gerechtigkeit», nämlich «Jedem dasselbe», sondern die Maxime der liberalen Gerechtigkeitsauffassung, nämlich «Jedem das Seine». Erblickt also jeder Spieler in der Unterschiedlichkeit der spielerischen Anlagen, Qualitäten und Positionen den Mehrwert seiner Mannschaft, steigen die Gewinnchancen des Kollektivs. Wenn sich dann der Gewinn tatsächlich einstellt, profitieren alle davon – wenn auch nicht zwangsläufig alle in gleichem Masse. Die Dynamik in einer einfachen Fussballmannschaft zeigt, dass die abstrakte Gegenüberstellung von Eigeninteresse und Gemeinwohl falsch ist. Sie diskreditiert Menschen, die ihr legitimes Eigeninteresse verfolgen, und schadet damit dem Gemeinwohl.

Um das Spiel zu ermöglichen, braucht es keinen ausufernden Gesetzeskatalog, sondern einige wenige Regeln, in der Volkswirtschaftslehre «Rahmenbedingungen» genannt. Es scheint paradox, ist aber nicht von der Hand zu weisen: je geringer die Anzahl der Bedingungen, desto offener, aber auch desto flüssiger und harmonischer das Spiel; je mehr Eingriffe durch den Schiedsrichter, desto chaotischer der Spielfluss. Es braucht ein Mindestmass an Regeln, damit Ordnung zustande kommt; ein Übermass hingegen zerstört sie. Hayek spricht in diesem Zusammenhang von «spontaner Ordnung»: «Diese Geordnetheit kann nicht das Ergebnis einer einheitlichen Lenkung sein, wenn wir wollen, dass die einzelnen ihre Handlungen den besonderen Umständen anpassen. … Ordnung bedeutet daher im wesentlichen, dass das individuelle Handeln von richtiger Voraussicht geleitet ist und dass die Leute nicht nur wirksamen Gebrauch von ihrem Wissen machen, sondern auch mit grossem Vertrauen voraussehen können, welche Zusammenarbeit sie von anderen erwarten können.» Es gewinnt die Mannschaft, die sich besser organisiert. Sosehr die Trainer bemüht sein mögen, den Spielern eine einheitliche Spieltheorie einzubleuen, die Ordnung entsteht spontan, oder im Fussballjargon: «Die Wahrheit liegt auf dem Platz.» Es ist mitunter das Wunder dieser spontanen Ordnung, das die Faszination des Spiels ausmacht – und die Zuschauer jeden Samstag aufs neue ins Stadion oder vor den Bildschirm lockt.

Bleibt eine, ja die entscheidende Frage: Wer wird nun Europameister? Das lässt sich nur schon deshalb nicht sagen, weil nicht der abstrakte Buchwert, sondern das konkrete Handeln der einzelnen Spieler und Mannschaften im Laufe des Turniers ausschlaggebend sein wird. Die Fussballer mögen sich nun den Kopf zerbrechen, doch hat die Unvorhersehbarkeit auch etwas Beruhigendes. «Denn wüssten wir im voraus, was die Zukunft bringt, dann könnten wir nicht mehr handeln», dann wären wir «entseelte Mechanismen ohne Mitwirkung menschlichen Wollens und Wählens» (Mises). Vielleicht können wir dennoch eine Prognose wagen. Gewinnen wird jene Mannschaft, deren Spieler das Prinzip der Arbeitsteilung am besten begriffen haben. Wie viele von ihnen Hayek und Mises gelesen haben, ist hinwiederum eine andere Frage.

Die Zitate stammen aus Anthony de Jasay: «Jedem das Seine» («Schweizer Monatshefte», Nr. 958); August Friedrich von Hayek: («Die Verfassung der Freiheit» (1960); Ludwig von Mises: «Nationalökonomie» (1940).

RENE SCHEU, geboren 1974, war bis vor wenigen Jahren als Fussballspieler aktiv.

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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»