…der «Gutmenschen»

Was sagen wir, wenn wir jemanden als «Gutmenschen» apostrophieren, ihm die Wertung «gut» gewissermassen auf den Leib schreiben? Wir ironisieren: Wir finden ihn alles andere als gut, aber er ist dafür umso mehr von seiner eigenen Güte überzeugt. Gehen wir der Sache auf den Grund: Oft stellen wir fest, dass Menschen vieles gut meinen, aber […]

…der «Gutmenschen»

Was sagen wir, wenn wir jemanden als «Gutmenschen» apostrophieren, ihm die Wertung «gut» gewissermassen auf den Leib schreiben? Wir ironisieren: Wir finden ihn alles andere als gut, aber er ist dafür umso mehr von seiner eigenen Güte überzeugt.

Gehen wir der Sache auf den Grund: Oft stellen wir fest, dass Menschen vieles gut meinen, aber – in unseren Augen – nicht so handeln. Gut gemeint ist dann, finden wir, meist nicht wirklich gut (gemacht). Wir erspüren skeptisch diesen missionarischen Eifer, die moralinsaure Rechthaberei, die ätzende Missbilligung und die Klassifikationswut, «bessere» und «schlechtere» Lebensformen (und damit Menschen) zu unterscheiden.

Beispiele gefällig? Gegen Atomenergie, die USA oder Russland sein ist «gut», ebenso für Multikultur, für Bioprodukte, für Toleranz gegenüber politischem Radikalismus, für Verständnis gegenüber angeblich sozial benachteiligten Gewalttätern. «Gutmenschen» solidarisieren sich reflexartig mit (vermeintlichen oder wirklichen) Opfern, sie stellen sich rhetorisch auf die Seite der Schwachen und entrüsten sich über die Aggression der grossen Bösen (Banken, geldgierige Manager, korrupte Politiker). Sie verlangen und deklamieren Solidarität, verbunden mit jeglichen Ansprüchen an die Allgemeinheit.

Kurzum, es geht um eine Selbstinszenierung, die nicht viel kostet, aber Anerkennung und Schutz einfordert. Das Aggressive am «Gutmenschen» ist, dass er bei sich selbst jegliche niedere Beweggründe, Egoismus, Aggressionslust, Boshaftigkeit leugnet, diese aber stets beim anderen verortet.

Wir sehen darin einen Ausdruck von Verantwortungs-losigkeit und Dekadenz, denen ohne Nachdenken und persönliche Folge gefrönt wird. Denn: wenn der Böse immer der andere ist, bin ich immer auf der guten, sicheren Seite.

Wir sind überzeugt: Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es. Gerne auch im Stillen und aus innerer Überzeugung, konsequent. Wer eine Linie hat, braucht kein Megaphon, um andere umzuleiten, sondern geht unbeirrt von äusseren Widerständen seinen Weg.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»