Der grosse Bruder China

Die Chinesen drängen mit einer Agenda nach Afrika. Was treibt sie an? Und wie kommen sie an?

 

Die westliche Welt fühlt sich in ihrer Entwicklungspolitik oftmals von den Chinesen bedroht: Man wirft China eine «Schuldenfallendiplomatie» vor und unterstellt ihm unlautere Absichten bei Vergabe von Krediten. Afrikaner sehen das gelassener: Für afrikanische Regierungen und ihre Bürger ist China nur der jüngste in einer Reihe externer Akteure auf dem Kontinent.

Allwetterfreundschaft in drei Phasen

Als China begann, in Afrika zu investieren, geschah das eher aus politischen als aus wirtschaftlichen Gründen: In den frühen 1970er Jahren lieh China Sambia 400 Mio. Dollar, um den Bau einer Eisenbahnstrecke zwischen Sambia und Tansania zu finanzieren. China war damals auf der Suche nach politischem Goodwill: Das Reich der Mitte wollte unbedingt in die UNO aufgenommen werden. Viele der neuerdings unabhängigen afrikanischen Staaten stimmten schliesslich dafür, dass China dort Taiwans Platz einnehmen sollte. Sambia stellte diplomatische Verbindungen zu China her, als das Land gerade einmal fünf Tage unabhängig war. Dieses Narrativ vom «Allwetterfreund» und «wohltätigen Bruder» China prägt noch immer das chinesische Engagement in Afrika.

Die zweite Phase der Zusammenarbeit zwischen China und Afrika nahm ihren Anfang im Jahr 2000 anlässlich des ersten Forums für China-Afrika-Kooperation (FOCAC = Forum on China–Africa Cooperation). 44 afrikanische Länder entsandten Delegierte zur Konferenz, die zur wichtigen Plattform für chinesisch-afrikanische Beziehungen geworden war. Das koinzidierte mit Chinas Going-Global-Strategie und ermutigte chinesische Firmen – mit voller Unterstützung des Staates –, in neue Märkte vorzustossen. Chinas staatlich gelenkte Wirtschaft strebte nach Ressourcensicherheit und war daher bemüht, Zugang zur Wurzel der Wertschöpfungskette zu erhalten. Afrikas eigener Entwicklungsbedarf und die weitgehende Abwesenheit anderer grösserer Akteure machte die China-Afrika-Beziehung zur perfekten Paarung.

Ihr entschlossenes Handeln brachte den Chinesen den Vorwurf einer «Schuldenfallendiplomatie» ein, weshalb Xi Jinping 2018 im FOCAC ankündigte, keine reinen Prestigeobjekte mehr zu finanzieren – die Tage vom sprudelnden Geld aus China waren Geschichte. Es ist der Beginn der dritten Phase der chinesischen Investitionspolitik in Afrika: Von China als grösstem bilateralem Kreditgeber des Kontinents wird heute häufig – so zum Beispiel von Ghanas Finanzminister – entweder ein Schuldenerlass oder eine Aussetzung des Schuldendienstes gefordert.

Mit der Regierung verbandelt

Chinas Afrika-Engagement unterscheidet sich deutlich vom europäischen oder amerikanischen Ansatz. Westliche Länder trennen klar zwischen Staat und Privatwirtschaft, und die westlichen Hauptakteure in den Bereichen Handel und Gewerbe sind private Unternehmen. Die Ziele der Privaten stehen oftmals im Widerspruch zu den Interessen westlicher Regierungen. Im Fall der ersten chinesischen Unternehmen in Afrika gab es diese Unterscheidung nicht, da es sich fast ausnahmslos um staatliche Unternehmen handelte. Noch heute spielen staatliche Firmen eine überproportionale Rolle in Afrika. Selbst die wenigen chinesischen Privatunternehmen auf dem Kontinent sind für ihre Projekte auf staatliche Kreditgarantien angewiesen.

Westliche Firmen unterstehen, was korrupte Praktiken im Ausland angeht, meist den Gesetzen ihrer Heimatländer. Dadurch müssen sie sich daheim für in der Ferne begangene Taten verantworten. Ihre chinesischen Pendants sind weniger durch solche Regeln eingeschränkt, obwohl Xi Jinping kürzlich angekündigt hat, bei allen Belt-and-Road-Projekten Mitarbeiter zur Korruptionsbekämpfung einzusetzen. Chinesische und europäische Firmen haben für ihre Investitionen in Afrika jeweils unterschied­liche Gründe: Anders als westliche, rein private Unternehmen sind chinesische Staatsunternehmen nicht nur auf Gewinn aus. «Zentrale staatliche Firmen haben zwei Ziele: Gewinne erwirtschaften und Sicherheit erhöhen, unter anderem durch die Schaffung von Arbeitsplätzen, sozialer Stabilität und Innovationen.»1

Hinter den langfristig und strategisch denkenden chinesischen Unternehmen (oft mit direktem Zugang zur Regierungsebene) stand zudem die finanzielle Schlagkraft der chinesischen Regierung mit ihren Institutionsbanken – insgesamt eine Mischung von unschätzbarem Wert. China führte das «Angola-Modell» ein – Rohstoffe gegen Infrastruktur –, in dessen Rahmen China zu niedrigen Zinsen Kredite anbot, die durch Rohstoffe abgesichert wurden. Solche Kredite finanzierten den Bau von Infrastruktur durch chinesische Firmen. Anstatt mühsame Due-Diligence-Prozesse durchlaufen…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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