Der Gegenstand abstrakter Kunst

Zum Begriff des «Symbols» in der Ästhetik der Bildenden Kunst Die abstrakte Kunst befindet sich in einem Interpretationsnotstand, da sie weder abbildet noch darstellt. Der Autor des folgenden Beitrags argumentiert, dass die ästhetische Kategorie des «Symbols» bei der Deutung weiterhelfen kann, und holt dafür bis in die ästhetische Theorie Kants aus.

Seitdem in der Klassischen Moderne die Kunst abstrakt geworden ist, hat die Ästhetik der Bildenden Kunst ein schwerwiegendes Problem: Was ist der Inhalt oder der Gegenstand der Kunstwerke, wenn nicht mehr religiöse, historische oder naturale Szenen abgebildet werden, aber auch nicht nichts dargestellt wird? Man hat sich mit Metaphern aus anderen Bereichen beholfen und die Sprache übernommen, die für die längst als ungegenständlich anerkannte Musik gefunden wurde; oder man hat die Form zum Inhalt erklärt und damit das Problem schlicht umgangen. Eine Interpretation zweier Kunstwerke, von James A. M. Whistler («Nocturne: Blue and Gold – Old Battersea Bridge») und Jackson Pollock («One (Number 31)»), zeigt, dass es lohnt, bei dem Begriff des «Symbols» anzusetzen – zumal dieser Ansatz auch zur Beurteilung der «alten», gegenständlichen Kunst taugt.

Der zerbrochene Ring

Die Bedeutung des Symbolbegriffs lässt sich durch eine Erinnerung an den Wortsinn im Griechischen veranschaulichen. Mit «Symbol» wird – ein wenig unbestimmt – ein konkretes sinnliches Zeichen benannt, an das ein geistiger Bedeutungsgehalt oder ein Begriff geknüpft ist. Diese enge Zusammengehörigkeit und innere Beziehung von sinnlichem Zeichen und ab-strakter Bedeutung ist von entscheidender Wichtigkeit. Ernst Cassirer hat bei seiner Definition der «symbolischen Form» davon gesprochen, dass hier der «geistige Bedeutungsgehalt … (dem) Zeichen innerlich zugeeignet wird» (Wesen und Wirkung des Symbolbegriffs, S. 174 f.). Im Griechischen ist diese enge Beziehung in einer besonderen Bedeutung des Wortes -noch spürbar: mit smbolon wird nämlich auch der kleine Gegenstand – häufig ein Würfel oder ein Ring – bezeichnet, der bei einem Gastbesuch auseinandergebrochen wird und dessen eine Hälfte der Gast, dessen andere Hälfte der Gastgeber erhält. Das Aneinanderhalten und Zusammenpassen der beiden Stücke bei einem Wiedersehen soll beide an die Freundschaft erinnern, die sie bei dem ersten Gastbesuch miteinander verbunden hatte. In der real stattfindenden Zusammenfügung der beiden Hälften beim Wiedersehen, aber auch in der fiktiven Ergänzung der anderen Hälfte, auf die man angewiesen ist, solange man voneinander getrennt ist, springt der Geist gleichsam von dem halben Ring oder Würfel zum symbolisierten Bedeutungsgehalt der Freundschaft über. Denn die Zusammenfügung oder die Ergänzung im Sinnlichen erzwingt eine Reflexion auf ihren Sinn, die dann aber mühe- und zwanglos auch zu diesem Sinn führt: zu dem Gedanken der Zusammenführung der Freunde. So wird beim Symbol auch die Kluft zwischen sinnlichem Zeichen und bezeichnetem Abstraktum im Nu überbrückt. Wie die beiden materiellen Hälften gehören nicht nur die Freunde zusammen, sondern auch das Symbol und seine Bedeutung, das zweiteilige, eine materielle Ding und die eine Bedeutung, dass es zwei sind, die in einer unverbrüchlichen Freundschaftsbeziehung zueinander stehen. Weil im Symbol Zeichen und geistige Bedeutung so eng und innerlich miteinander verbunden sind, haben vor allem Künstler in ihren Kunstwerken auf Symbole zum Ausdruck ihrer ästhetischen Ideen zurückgegriffen.

Die auseinandergerissenen Liebenden

Ein für die Bedeutungsgeschichte des ästhetischen «Symbols» besonders wichtiger Fall findet sich schon in der Antike: Im «Symposion», dem Dialog Platons, in dem sich die am Gastmahl beteiligten Personen damit unterhalten, reihum Lobreden auf den göttlichen Eros zu halten, trägt der Komödiendichter Aristophanes eine Geschichte vor, die die erotische Anziehungskraft zwischen zwei Liebenden mit künstlerisch-poetischen Mitteln erklärt. Aristophanes erfindet für das Verhältnis der Liebenden das Bild zweier auseinandergerissener Hälften, die ehemals eine Einheit gebildet haben und sich zur Reparatur ihrer Unvollständigkeit wieder vereinigen wollen. Das Besondere an diesem Fall ist nun, dass Aristophanes (bzw. Platon) diese Hälften mit dem Namen smbolon bezeichnet, und zwar indem er sie nicht etwa nur mit einem smbolon, einem auseinandergebrochenen Würfel oder Ring, vergleicht, sondern ohne Vergleich, also metaphorisch, smbolon nennt. Er charakterisiert seine anschaulich-poetische Vorstellung vom halben Kugelmenschen mit dem Begriff des «Symbols», weil er das von ihm konstruierte…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»