Der Fluch der Loyalität

Wo Loyalität wirkt, setzt sich nicht der Bessere durch, sondern der Nächste. Die Folge? Anhaltende Verwerfungen in Politik, Wirtschaft und Kultur. Ein Ideal auf dem Prüfstand.

Station I: eine Fabrik im Staat New York, 1960er Jahre

Bei der Montage von Tragflächen für Kampfflugzeuge müssen Schrauben in vormontierte Muttern eingeführt werden. Durch Ungenauigkeiten im Fertigungsprozess gelingt das nicht immer reibungslos. Warum also keinen Gewindebohrer einsetzen, um ein wenig nachzuhelfen? Das ist natürlich strikt verboten, weil es dazu führen kann, dass sich die Schrauben leichter lösen – im schlimmsten Fall wäre der Absturz eines Flugzeugs zu befürchten. Trotz des Verbots wird der Bohrer eingesetzt. Jeder Arbeiter hat Zugang zu einem, die Hälfte von ihnen besitzt sogar ein eigenes Exemplar. Auch die hauseigene Qualitätssicherung duldet den Verstoss. Warum? Weil der Betrug es möglich macht, die strengen Zeitvorgaben zu erfüllen. Das einzige Problem? Die Kontrolleure der Luftwaffe (intern nennt man sie «Gestapo»): Tauchen sie auf, warnen die Arbeiter einander und lassen die Bohrer so lange verschwinden, bis auch die Kontrolleure verschwunden sind.

Die Geschichte der verbotenen Gewindebohrer ist eine Meistererzählung aus der Organisationssoziologie1, sie veranschaulicht das Muster von Fällen «nützlicher Illegalität» (Niklas Luhmann): Es geht dabei um Verstösse gegen interne Regeln einer Firma und, in schlimmeren Fällen, auch gegen staatliche Gesetze. Solche Verstösse sind «nützlich» und funktional im Sinne des Unternehmenszwecks – sie verkürzen Abläufe, sparen Geld. Oder anders: Man handelt zwar gesetzeswidrig, aber für einen «guten Zweck» (jedenfalls so lange, wie die Praxis nicht auffliegt). Die meisten Kollegen wissen davon, ahnen dumpf, dulden stillschweigend, anders als im Märchen gibt es deshalb keinen eindeutigen Schurken, den man hinterher verantwortlich machen könnte. Ein Unrechtsbewusstsein ist in so einer Welt nicht mehr vorgesehen – und folglich auch sehr selten.2 Das Überraschende: Fälle von nützlicher Illegalität sind nicht die Ausnahme, wie man gern annimmt, sondern eher die Regel. Weil aber nur wenige davon auffliegen, entsteht der Eindruck, sie existierten nicht.

«Die katholische Kirche will bedingungslose Loyalität,

kann diesen Anspruch allerdings heute kaum mehr durchsetzen.

Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.»

Wie kann es sein, dass selbst eklatanteste Fälle von Täuschung und Betrug lange unerkannt bleiben? Auf die scheinbar komplexe Frage gibt es eine einfache Antwort: Loyalität. Loyalität wirkt als soziales Bindemittel starker Verpflichtungen. Loyalitätserwartungen gelten in vielen Bereichen. «Man kennt sich, man hilft sich», heisst es im Kölner Klüngel, einem über Generationen vererbten Netzwerk im Bürgertum. Die italienische Mafia verlangt absolute Loyalität von ihren Mitgliedern, nicht ohne Grund nennt man sich «La Famiglia». Die katholische Kirche will bedingungslose Loyalität, kann diesen Anspruch allerdings heute kaum mehr durchsetzen. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen. Auch in Unternehmen sind implizite Erwartungen viel wirkmächtiger als die im Arbeitsvertrag formulierten expliziten Pflichten. Loyalität hat den Vorteil, dass man sie nicht anordnen muss, sie braucht keine schriftliche Anweisung. Letztere wäre sogar schädlich, sobald die Sache auffliegt: Nur das nichtwissende Wissen (ein «offenes Geheimnis») ermöglicht also die Verschleierung eindeutiger Verantwortlichkeiten.3 «Das will ich gar nicht so genau wissen», sagen Führungskräfte deshalb, wenn sie das Gespräch am entscheidenden Punkt abbrechen.

Station II: Deutschland, 1944

Wie ist es zu erklären, dass Menschen, die eigentlich von Natur aus am Leben hängen, im Zweiten Weltkrieg – und nicht nur da – bis zur letzten Minute erbittert gekämpft haben, selbst als offensichtlich war, dass der Krieg verloren ist? Solche Handlungen sind nicht mit der Angst vor dem Terror des Nazi-Regimes zu erklären. Die Deutschen fühlten sich vielmehr innerhalb ihrer «Volksgemeinschaft» einander und ihrem Führer verpflichtet. Das Regime Hitlers hatte die Bevölkerung auf subtile Weise «gekauft» und sich umfassende Loyalität gesichert4, zuvorderst unter Soldaten. Eine Kapitulation hätte viel Leid verhindert. Nur Loyalität stand dem entgegen. Wohlgemerkt: nicht «falsche» Loyalität. Denn es gibt keine «falsche Loyalität».

Der Zusammenhalt unter Soldaten, Kameradschaft genannt,…

Spiel mit gezinkten Würfeln
Katja Rost, fotografiert von Thomas Burla.
Spiel mit gezinkten Würfeln

Wem in unserer Gesellschaft der ganz grosse Wurf gelingt, der hat viel geleistet, Glück gehabt – oder gute Beziehungen. Netzwerke haben eine natürliche Tendenz zu verfilzen. Was kann man dagegen tun? Bewusst den Zufall mitspielen lassen!

Ein Interview von Laura Clavadetscher und Michael Wiederstein mit Katja Rost
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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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