Der Finanzplatz wird langsam gekocht

Bis zur Finanzkrise war der Finanzplatz international ein Vorzeigeobjekt der Schweiz. Die Banken wurden bewundert, wenn auch nicht geliebt. Dann stürzte die UBS und wurde vom Staat zweimal gerettet. Die erste Rettung war eine wohl nötige Meisterleistung und hat der Schweiz im nachhinein sogar Milliardengewinne beschert. Die zweite war unnötig und ein Debakel für das […]

Bis zur Finanzkrise war der Finanzplatz international ein Vorzeigeobjekt der Schweiz. Die Banken wurden bewundert, wenn auch nicht geliebt. Dann stürzte die UBS und wurde vom Staat zweimal gerettet. Die erste Rettung war eine wohl nötige Meisterleistung und hat der Schweiz im nachhinein sogar Milliardengewinne beschert. Die zweite war unnötig und ein Debakel für das Land. Die früheren Deklamationen von Banken und Politikern zum Schutz der Privatsphäre waren Sprüche von Schönwetterkapitänen. Im Sturm sieht alles ganz anders aus.

Und trotzdem gibt es den Finanzplatz fünf Jahre später noch. Auf ihm arbeiten mehr Leute als vor der Krise, Zürich und Genf gehören noch immer zu den wettbewerbsfähigsten Finanzplätzen der Welt. Doch die Entwicklung erinnert an die Geschichte vom gekochten Frosch. Wirft man einen Frosch ins siedende Wasser, springt er in Todesangst sofort heraus. Erhitzt man das Wasser langsam, verharrt er wohlig im Kochtopf, bis er elendiglich stirbt. Es fällt der Schweiz schwer, klug auf die gefährlichen Entwicklungen zu reagieren. Der Finanzplatz wird langsam gekocht. Zurzeit lebt er noch.

Der Bundesrat hat sich beim Fröschekochen aktiv engagiert. Er will mit seiner Finanzplatzstrategie «einen glaubwürdigen, steuerlich konformen und wettbewerbsfähigen Finanzplatz Schweiz» schaffen. Der Absender unterliegt einem schweren Irrtum. Die Regierung hat keine Pharmaplatzstrategie, keine Medtechstrategie, keine Uhrenstrategie. Darum geht es diesen Branchen wohl so gut. Es ist nicht Aufgabe des Staates, für die Wirtschaft Strategien zu entwickeln. Der Wettbewerb kann es besser, falls er funktioniert.

Der Staat soll für einen funktionierenden Wettbewerb sorgen und für günstige Rahmenbedingungen. Mit rückwirkenden Gesetzesänderungen, Jekami-Vorschlägen und Kurvenschneiden ist das sicher nicht möglich.

Wie geht es weiter? Mit Selbstdemontage und langsamem Erhöhen der Wassertemperatur? Oder mit einem prosperierenden internationalen Finanzplatz? Für letzteres bräuchte es ein Umdenken. Banken und Politik müssen vor allem über eines nachdenken: die internationalen Kunden. Denn ohne Kunden braucht es auch keinen Finanzplatz.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»