der engel und die taube

plötzlich hörte die straße auf und ich entdeckte hinter mir ein haus. ich hatte keine ahnung, daß es mir gefolgt war. an die tür gelehnt stand ein engel – gelangweilt, und feilte sich die fingernägel. er fragte mich, wonach ich rieche.

jasmin oder minze, überlegte ich. minze ist besser. sie vertreibt auch schlangen. und diese weilen oft in der nähe der engel, sagt man.

kaum hatte ich das ausgesprochen, da läuteten glocken.

der engel nahm seine flügel ab, faltete sie ordentlich zusammen, legte sie vor die tür und sagte: «einen augenblick bitte!»

dann verschwand er im haus.

ich überlegte kurz, ob ich die flügel an mich nehmen sollte – zu lange.

die tür ging auf, ein anderer engel trat heraus: «sie wünschen?»

und er streckte die hand aus. wahrscheinlich wollte er mich nur einmal berühren; engel haben zuweilen solch kuriose wünsche.

ich machte den mund auf, aber hinter mir gurrte eine

taube.

ich drehte mich um, die taube flog auf.

als ich mich wieder umdrehte, war auch der engel verschwunden.

ich klopfte an die tür. keine antwort. ich öffnete die tür und stand auf einer brücke. auf der anderen seite der brücke standen die zwei engel mit meiner taube und blickten herüber. ich wollte grüßen. doch plötzlich kam aus meinem mund eine sprache, die ich nicht verstand.

mein erster gedanke war: wer hat mir das angetan?

(im september 2005)

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