Der Eiserne Vorhang, die Liebe und des Lesers Hirn

Nach 20 Jahren Sendepause meldet sich Schriftsteller Rolf Niederhauser mit einem fulminanten Gesamtkunstwerk zurück, das Versatzstücke aus Road Novel, Wissenschaftsprosa und Philosophie kombiniert. Ein Ausflug ins Basellandschaftliche – und in unser aller Bewusstsein.

Der Eiserne Vorhang, die Liebe und des Lesers Hirn
Rolf Niederhauser, photographiert von Michael Wiederstein.

Herr Niederhauser, mit dem Roman «Seltsame Schleife» melden Sie sich als Schriftsteller nach zwanzig Jahren zurück im Literaturbetrieb. Der über 700seitige Roman ist ein intellektueller Road Trip, mitreissend und anspruchsvoll. Warum aber diese lange Schreibpause?

Ich habe keine Schreibpause gemacht. (lacht)

Sondern?

Ich hatte Anfang der 90er Jahre zwei grössere Erzählungen angefangen, mit denen ich aber nicht recht vorwärtskam, bis ich realisierte, dass ich nach dem Fall der Berliner Mauer nicht so weitermachen konnte wie zuvor. Der Zusammenbruch der Sowjetunion markierte das Ende einer Epoche. Wo vorher zwei grosse Blöcke waren, in deren Polarisierung man sich weltanschaulich orientieren musste, tat sich nun eine grosse, globalisierte Welt auf. Es waren auch tolle Jahre des Aufbruchs, die 1990er, die mich aber zwangen, die Welt neu sehen zu lernen, mit ihren neuen Medien, der alles verändernden Computerisierung, der totalen Ökonomisierung. 1992 kam zum Abschluss, was 1492 mit der Entdeckung Amerikas begonnen hatte, und der Horizont, der sich da auftat, forderte einen neuen Blick.

Wie bekommt man denn diesen besagten Aufbruch überhaupt mit, wenn man – wie Sie – ein Leben als, verzeihen Sie den Ausdruck, «Eremit» in einem kleinen, grünen, aber abgelegenen Dorf im Kanton Baselland führt?

Ich sehe mich überhaupt nicht als Eremiten. In den 1990ern lebte ich zeitweise in New York und war mehrfach in Südamerika unterwegs. Viele ökonomische, technologische und politische Umbrüche habe ich auch als Journalist recherchiert, am MIT in Cambridge, Massachusetts, oder am Santa Fe Institute in New Mexico, an der texanisch-mexikanischen Grenze oder in Kolumbien. Im Roman, den ich in dieser Zeit zu schreiben begann, wollte ich einen Protagonisten in dieses Spannungsfeld extremer Gegensätze führen, vielleicht auch um herauszufinden, was die plötzliche Grenzenlosigkeit mit den Menschen macht. Dabei bekam das Romanprojekt selber etwas Grenzenloses, und entgegen jeder Absicht ist jetzt ein Wälzer daraus geworden.

Und was für einer! Die «Seltsame Schleife» ist ein kühnes Gesamtkunstwerk, wie es in der neueren Literatur der Schweiz einzigartig ist. Inhaltlich ist der Roman eine Art «Road Novel», in der ein 32jähriger Schweizer Computernerd durch Südamerika vagabundiert. Der Roman experimentiert mit Erzählperspektiven und mit der Sprache. Er verbindet zudem Erkenntnisse aus der IT-Forschung mit einer Philosophie des menschlichen Bewusstseins. Mehr noch: der Roman ist für sich genommen eine eigene Theorie des Bewusstseins. Das klingt kompliziert. Trotzdem fügen sich alle Versatzstücke zu einem Ganzen, zu einem Konzeptwerk zusammen, das, wie ich finde, aufgeht. Lassen Sie uns also die «Seltsame Schleife» etwas auffädeln.

Gern.

Die Hauptfigur des Romans, Pit Dörflinger, forscht als Mathematiker am MIT in Cambridge in Sachen Robotik. Sein Leben verläuft in geordneten Bahnen. Der etwas unterkühlte Dörflinger nimmt dann aber Knall auf Fall Reissaus, lässt seine Freundin sitzen und verliebt sich im Dschungel Kolumbiens in eine schöne Ex-Guerillakämpferin…

(Lacht) Er lernt, sich von gewissen Automatismen zu befreien! Allerdings ahnt Dörflinger ja schon früher, dass an seiner Lebensgeschichte etwas nicht stimmen kann. Seine bubenhafte Sehnsucht nach Amerika, das Gefühl, eigentlich woanders hinzugehören: Gerade indem er aus dem Korsett seiner Routinen ausbricht, holt ihn ja seine Vorvergangenheit ein und er realisiert, dass er nicht der ist, der er sein Leben lang zu sein glaubte.

Dörflingers Vater hat ihm lang seine wahre Herkunft verschwiegen, und mir scheint überhaupt, dass in Ihrem Roman die Familie als Ort des Rückhalts regelrecht dekonstruiert wird. Das Idyll entpuppt sich als Horror, nicht nur bei Dörflinger, auch bei der zweiten Hauptfigur, der Ex-Guerillera Flor Marina. Es wird gelogen und vergewaltigt: die Familie erscheint als Hort der Geheimniskrämerei, und am Ende glaubt Dörflinger sogar, Inzest begangen zu haben. Ist die Familie als identitätsstiftende Institution am Ende?

Dörflinger sagt ja zu Beginn, er könne «mit Familie nicht viel anfangen». Aber dann erweist sich der Familienzusammenhang als sein Schicksal, gerade weil er ihn zum Teil verleugnet, nämlich jede Erinnerung an seine Mutter verdrängt hat. Zuerst tut er so, als habe er sich darüber einfach nie Gedanken gemacht, und am Ende bildet er sich ein, er habe seine Mutter wiedergefunden. Wir wissen zwar nie recht, was wir von der Geschichte halten sollen, trotzdem ist er am Ende zweifellos ein anderer.

Was heisst also «Identität» überhaupt noch?

Die moderne Gesellschaft unterscheidet sich von allen traditionalistischen Ordnungen dadurch, dass nicht mehr die Herkunft das Schicksal der Menschen bestimmen soll, sondern das, was sie wollen und können, ihr Vermögen, ihre Potenz, ihre Zukunft. Nicht die Zugehörigkeit zu Familien, Clans oder Klassen soll entscheiden, wer wir sind, sondern «the family of man», wie es in der Erklärung der Menschenrechte heisst: die Gesellschaft auf der Basis von staatlicher Ordnung und Marktwirtschaft. In Form der Globalisierung sehen wir, dass sich dieses Menschenbild weltweit durchsetzt. Aber wenn wir die Herkunft und die Geschichte dabei ganz aus den Augen verlieren, rächt sich das mitunter schicksalhaft.

Die zentralen Themen des Romans sind, kommen wir darauf zurück,die Zerrissenheit der Hauptfigur wie auch die philosophische Frage nach dem menschlichen Bewusstsein. Früher beschäftigten Sie vor allem politische und soziale Themen. Sie haben in den 70er Jahren kommunitäre Lebens- und Arbeitsformen ausprobiert und diese literarisch verarbeitet. Die «Seltsame Schleife» bricht mit dieser Tradition. Warum?

Die «Seltsame Schleife» steht durchaus in einer gewissen Kontinuität mit meinen früheren Texten. Die Bottom-up-Intelligenz der modernen Informatik…

Moment, was muss sich der Laie darunter vorstellen?

Bottom-up bedeutet Organisation von unten nach oben. Im Kontext der Informatik heisst das, dass Informationen dezentral verarbeitet werden, nicht von einem «Rechenhirn», sondern von kleinen Einheiten. Diese Bottom-up-Architektur wird bei der Konstruktion autonomer Roboter oder für Computersimulationen angewendet, mit denen sich biologische Vorgänge rekonstruieren lassen. Auch der humanoide Roboter, der Mitte der 90er Jahre am MIT realisiert wurde und an dem mein Romanheld angeblich mitgearbeitet hat, war ein solches Artificial-Life-Projekt. Dasselbe Prinzip der Selbstorganisation hat mich in den 1970er Jahren auf sozialer Ebene beschäftigt, ob als Gründungsmitglied der Genossenschaft Kreuz in Solothurn oder später in Nicaragua, wo ich in einem kleinen Projekt zur Unterstützung kommunaler Selbstverwaltung mitgearbeitet und dann die Wahlniederlage der Sandinisten literarisch dokumentiert habe.

Ihr 32jähriger Romanheld Dörflinger baut am MIT einen Roboter mit den kognitiven Fähigkeiten eines Säuglings. Dörflinger ist besessen davon, herauszufinden, wie das menschliche Bewusstsein, «das verfluchte Programm zwischen den Schläfen», funktioniert. Sie selbst haben in den USA Forschungsprogramme verfolgt, die eine Art von menschlichem Bewusstsein mit Computern zu simulieren versuchen. Was gewinnen wir, wenn wir IT und Mathematik zur Hilfe nehmen, um das Bewusstsein zu verstehen?

Schon Mitte der 1970er Jahre begannen Wissenschafter zu erforschen, wie man mit Computermodellen und Robotern elementare Formen intelligenten Verhaltens simulieren kann, wie sie die biologische Evolution in allen möglichen Organismen hervorgebracht hat. Dabei fand man zum Beispiel heraus, dass sich das Schwarmverhalten der Vögel mathematisch exakt beschreiben lässt. Vier Parameter genügen, um die Art, wie sich jedes der Tiere nach den andern ausrichtet – Abstand, Blickwinkel etc. –, so zu codieren, dass sie im Flug automatisch einen Schwarm bilden. Das heisst, auch sehr komplexe Vorgänge können auf einem simplen Regelwerk beruhen. Umgekehrt lässt sich jedes komplexe System als Einheit von Untersystemen verstehen, die miteinander interagieren: sogenannte Zellulärautomaten. Jede Zelle funktioniert autonom, aber wenn sie ins Stocken kommt, ihre Routine ausfällt, wird auf höherer Ebene eine Alternative aktiviert. So verarbeitet das System in jedem Moment nur die minimal nötige Information und funktioniert effizienter, als wenn ein zentraler Prozessor ständig alle denkbaren Varianten durchrechnen müsste. Aber wenn nun alle Organismen, also auch der menschliche, so funktionieren, müsste es im Prinzip möglich sein, auch die menschliche Interaktion bis hin zum Sprechen und Denken auf diese Weise zu rekonstruieren. Damit wäre der menschliche Geist auf eine materielle Basis zurückgeführt – und das Rätsel des Bewusstseins gelöst.

Kurz gesagt, arbeitet die Robotik also an einer Kopie des Menschen. Mehr noch: sie glaubt, sie perfektioniere das Konzept Mensch, indem sie einen intelligenten Automaten ohne menschliche Makel erschafft?

So ist es. Das Automatendenken ist eine der treibenden Kräfte der Moderne. Die Idee, den Menschen als Maschine auferstehen zu lassen, existiert schon seit über 400 Jahren. Der Philosoph La Mettrie entwickelte in der Zeit der Aufklärung die Idee des «Homme Machine», wonach der Mensch nichts anderes sei als eine «aufrecht kriechende Maschine». Zur selben Zeit konstruierte der französische Ingenieur Vaucanson eine automatische Ente, die ein Vorläufer der Artificial-Life-Roboter ist. Hobbes hat im «Leviathan» sogar den ganzen Staat als Automaten konzipiert, der aus Menschen besteht. Die Utopie dahinter lautet: Wenn wir nur alle Automatismen der Welt und des Lebens verstehen würden, wäre das Bewusstsein überflüssig. Wir bräuchten nicht mehr zu zweifeln, müssten keine unangenehmen Entscheide mehr fällen, alle Unsicherheit wäre verflogen, kurz, das Paradies wäre wiederhergestellt.

Ein vollautomatisiertes Paradies? Wenn Sie mich fragen, sind es doch gerade das Fehlerhafte, das Irrationale und die Emotionen, die den Menschen als Wesen auszeichnen?

Richtig. Die Fähigkeit, Fehler zu machen, gilt allerdings auch im Rahmen der Artificial-Life-Forschung als Kennzeichen des Lebendigen! Aber nur der Mensch kann seine eigenen Fehler als solche erkennen. Und so scheinen Menschen seit Urzeiten das Bedürfnis zu haben, über alles Fehlerhafte hinauszuwachsen, sich selbst zu überwinden. Das Bewusstsein selbst ist nichts anderes als dieser Drang, sich ständig über sich selbst zu stellen, dem Fehlerhaften das Ideal entgegenzuhalten. Wir können nicht anders, als mit solchen Vorstellungen zu leben. Und wir dürfen nicht vergessen, dass es der Menschheit viel gebracht hat, die Automatismen der Welt zu verstehen; denken Sie an die Medizin oder an die Automatisierung schwerer Arbeiten. Trotzdem kommt es darauf an, die Spannung zwischen Imaginärem und Realem zu ertragen. Es geht nicht darum, entweder den Mangel oder das Ideal zu verdammen, sondern die lebendige Spannung auszuhalten. Und das Lebendige ist das Nichtautomatische.

Aber sehen das die Wissenschafter am MIT und anderen führenden Forschungseinrichtungen auch so? – In Ihrem Roman klingt das häufig doch ganz anders…

Die Artificial-Life-Forschung erschliesst faszinierende Einsichten. Bei seriösen Wissenschaftern führt das zu grosser Bescheidenheit: Sie erkennen vor allem, wie wenig wir mit Computertechnologie faktisch realisieren können, verglichen mit der unendlichen Mannigfaltigkeit der Natur. Aber auch diese können wir ja nur bestaunen, wenn sie uns bewusst wird. Gerade im Staunen über das Unendliche wächst das Bewusstsein über sich selbst hinaus. Und dieselbe Hybris kann auch wissenschaftlichen Grössenwahn produzieren, der wirklich meint, mit High-Tech-Mitteln das Paradies wiederherstellen zu können.

Genau in diesem Spannungsfeld macht in Ihrem Roman auch Dörflinger seine Entwicklung durch. Nachdem er die Rationalisierung und Automatisierung zu Beginn sehr geschätzt hat, merkt er im Verlauf des Buchs, dass da «mehr» sein muss.

Er begreift nach und nach das Abgründige an diesem Denken. Die Sehnsucht des Menschen, über sich hinauszuwachsen, ist der Wunsch, sich selbst loszuwerden. Und Dörflinger fährt ja im Auto von Boston los, um im Städtchen «Paradise», Texas, mit den Eltern seiner Freundin Weihnachten zu feiern, aber dann verwickelt er sich am Telefon in einen Streit mit seiner Freundin, verpasst die Ausfahrt und fährt geradeaus weiter (schmunzelt), um stattdessen einen alten Freund in Mexiko zu besuchen. So taucht er ein in die sinnliche und widersprüchliche Welt Südamerikas, die das pure Gegenteil seiner Artificial-Life-Umgebung ist. Und der Wunsch, diese Gegensätze zusammenzubringen, war wohl der ursprüngliche Antrieb zum Schreiben dieses Romans.

Wer ihn bei seinem exemplarischen Ausbruch von der rationalen in die sinnliche Welt begleiten will, muss selbst aus alten Lesegewohnheiten ausbrechen. Manche Wörter im Buch sind falsch geschrieben, Dörflinger selbst ignoriert die Grossschreibung, einige Kommata fehlen. Gleichzeitig sind da viele Anglizismen und spanische Ausdrücke, ein eigener Rhythmus. Wozu dieses sprachliche Potpourri?

Offensichtlich ist Dörflinger selber eines dieser «komplexen adaptiven Systeme», also ein Roboter, der sich laufend an seine Umwelt anpasst, auch sprachlich. Nicht erst in den USA hat er als Informatiker ja meist nur englisch geschrieben, aber als er die Grenze nach Mexiko überfährt, aktiviert er das bisschen Spanisch, das er in der Schule nebenher gelernt hat. Später zeigt sich allerdings, dass Spanisch seine erste Sprache war. Das hat er allerdings verdrängt; er ist bei der Grossmutter aufgewachsen, und damit wird der Unterschied zwischen seiner Mutter Sprache und seiner Muttersprache existenziell. Irritiert durch die verschiedenen Sprachen, weiss er obendrein irgendwann nicht mehr genau, welche Wörter man im Deutschen zusammenschreibt oder trennt, aber in der Unordnung, die er beim Schreiben anrichtet, zeigt sich plötzlich eine andere Ordnung, im Abgrund zwischen den Wörtern taucht ein tieferer Grund auf. Als beim Lektorat die Frage auftauchte, ob diese sprachlichen Unarten wirklich sein müssen, und ich argumentieren musste, erst da fiel mir der zentrale Unterschied zwischen der Muttersprache und der Mutter Sprache auf.

Manchem Leser dürfte schon der Kopf schwirren, wenn er das Buch nur in die Hand nimmt…

Sie meinen die äussere Form?

Ja. Man liest jeweils nur die rechte Seite, die linke steht kopf. Und wenn man das Buch von vorne nach hinten gelesen hat, muss man es um 180 Grad drehen und von hinten nach vorne zurücklesen. Die «Seltsame Schleife» ist das einzige Buch dieser Saison, das Sie ohne Leseabstriche ungeniert drehen und wenden können, wie Sie wollen.

(Lacht) Es brauchte einige Anläufe und eine enge Zusammenarbeit, bis der Verlag davon überzeugt war, das Buch so zu gestalten. Aber nun stellt die Form des Buchs selber den Inhalt dar: ein Möbiusband! Ein Band, dessen Enden so verdreht sind, dass die Vorderseite nahtlos in die Rückseite überführt, Aussen und Innen sich vertauschen: eine «Seltsame Schleife» eben.

Dieser Kopfstand ist mehr als eine Spielerei. Die Form des Buches verweist auf ein zentrales Thema: das Ineinanderlaufen von Innen- und Aussenwelt…

…genau, von Imaginärem und Realem! Eigentlich werden ja zwei Reisen parallel erzählt: eine innere, in der Dörflinger berichtet, wie er von Boston, USA, nach Buenaventura, Kolumbien, geraten ist, wo er anfängt, in seinem Notebook festzuhalten, woran er sich noch erinnert; aber während er diese Aufzeichnungen macht, reist er von Buenaventura nach Bogotá und am Ende, zumindest in seiner Vorstellung, zurück nach Boston. Und in diesen Momenten sehen wir ihn von aussen – «wir», die eigentlichen Erzähler dieses Romans; wir begleiten ihn, während er in Ich-Form seine Erinnerung notiert. Und diese verschlungene Erzählstruktur kommt auch in der Form des Buchs zum Ausdruck: das Objekt Buch verkörpert das erzählende Subjekt, das versucht, sich über die Natur seines eigenen Bewusstseins klarzuwerden.

Über die «Natur des Bewusstseins» philosophiert Dörflinger im Roman immer wieder. Wie sieht diese genau aus?

Er entwickelt keine kohärente Theorie, erkennt aber ansatzweise: Bewusstsein ist nicht Kognition, wie die Neurowissenschafter meinen, sondern Rekognition, also ein Erkennen, das durch und durch auf sich selbst zurückgerichtet ist. Was uns bewusst wird, was wir «Welt» nennen, basiert letztlich auf unserer alltäglichen Erfahrung der Differenz von «Innenwelt» und «Aussenwelt». Und eben diese Differenz, so viel realisiert Dörflinger mit der Zeit, wird im Kern durch die menschliche Sprache generiert: sie ist das Programm, dessen Output sich Bewusstsein nennt.

Konkreter?

Die Sprache ist das einzige physikalische Phänomen, an dem sich vollumfänglich jene Selbstreferenzialität und Selbstexponentialität beobachten lässt, die das Bewusstsein kennzeichnet. Die Sprache kann nicht nur sich selbst zur Sprache bringen, sondern dadurch zu sich selbst auf Distanz gehen. Sprechen heisst unbestimmte Impulse sublimieren, unmittelbares Agieren umleiten in Sprachhandlungen. Damit wird das Reale der Wahrnehmung, das Hegel «das unbestimmte Unmittelbare» nannte, negiert und suspendiert. Bewusstsein ist die Fähigkeit, aber auch der Fluch, zu allem Unmittelbaren auf Distanz zu gehen.

Habe ich das richtig verstanden: Bewusstsein ist das Wissen darum, dass man das, was man wahrnimmt, nicht genau in Sprache

fassen kann?

Bewusst-Sein heisst Wissen, dass es ein Sein ausserhalb des Bewusst-Seins gibt, ein Wissen um etwas, das jenseits der Wahrnehmung ist. Bewusstsein ist Wissen von Nichtwissen. Und die Sprache bewahrt dieses Nichtwissen, sie hebt es in der Differenz zwischen Gemeintem und Gesagtem auf.

Nun sind wir dem Gesamtkunstwerk «Seltsame Schleife» etwas näher gekommen. Eine Frage will ich Ihnen aber schon seit Beginn des Gesprächs stellen: Warum haben Sie all Ihre Erkenntnisse und Gedanken in einen Roman verpackt? Anstelle eines Romans hätten Sie ja auch ein Sachbuch schreiben können. Oder einen Artikel über den Biologen Humberto Maturana oder den Philosophen Niklas Luhmann, die beide in verschiedenen Disziplinen zwar, aber in eine ähnliche Richtung dachten.

Das habe ich ja alles nicht gewusst, als ich zu schreiben begann; ich wollte einfach einen spannenden Roman schreiben. Andererseits, wenn das Bewusstsein wirklich so strukturiert ist, wie Dörflinger glaubt, scheint mir der Roman – als literarisches Genre – tatsächlich die einzig adäquate Form, um jene wissenschaftliche Theorie des Bewusstseins darzustellen, die er da bruchstückhaft entwickelt. Die Biologie von Humberto Maturana, Luhmanns Vordenker, hat mich dabei zwar sehr inspiriert. Einen zentralen Widerspruch in seiner Theorie hat er allerdings nicht gesehen. Zwar hat er die zentrale Rolle der Sprache begriffen, nicht aber den strukturellen Kern, aus dem heraus sie das widersprüchliche Wesen des Bewusstseins konstituiert. Wenn Kinder lernen, dass sie nicht blindlings irgendwelchen Impulsen gehorchen, sondern reden sollen, zum Beispiel fragen, bevor sie etwas tun, so erschliesst sich ihnen Wort für Wort jener Kosmos von benennbaren Objekten, die ihnen zahllose Möglichkeiten eröffnen. Das Unmittelbare aber, jenes Wirrwarr ursprünglicher Impulse, das die Griechen «Chaos» nannten, bleibt im Hintergrund ständig präsent als das Jenseits dieser Realität. Indem das Sprechen das Reale negiert, bringt es ein Bewusstsein von Realität hervor, deren Struktur wir auch wissenschaftlich bis ins Innerste durchdringen können. Der Roman dagegen, als literarische Form, geht genau umgekehrt vor: er negiert das Bewusstsein von Realität, um bewusst reine Imagination hervorzubringen, die aber an ein Reales rührt, jenes «unbestimmte Unmittelbare» eben, aus dem wir alle ursprünglich kommen. Aber zu dieser Einsicht bin ich nur gekommen, indem ich Dörflinger auf seinen Wegen und Irrwegen gefolgt bin, eigentlich ist nur er zu dieser Erkenntnis gekommen, und vieles spricht dafür, dass man Dörflinger nicht alles glauben kann, was er erzählt.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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