Der Dichter des  geglückten Seins
Wolf Scheller, zvg.

Der Dichter des
geglückten Seins

Nobelpreisträger Peter Handke will kein Conférencier des Schreibens sein, der Stoff nur aufbereitet, sondern ein Autor, der sucht und aufpasst, dass der Kopf klar bleibt. Am 6. Dezember feiert er seinen 80. Geburtstag.

In seinem Roman «Der Bildverlust» erinnert sich Peter Handke an den traurigen Don Quijote. Er zitiert dessen Erfinder Miguel de Cervantes und gelangt mit dessen Hilfe zu einer romantischen Beweglichkeit von Sprache und Sprachsinn, indem er die Wanderung seiner besonnenen Heldin – einer Wirtschaftsagentin – durch die Sierra de Gredos im Herzen von Spanien beschreibt. Es handelt sich um eine Bildungs- und Entwicklungsreise, wie man sie – wenn man höhergreift – seit den Tagen «Wilhelm Meisters» nicht mehr erfahren hat. Dabei bedient sich Handke, den man nicht von ungefähr einen «Mönch ohne Kloster» nennen kann, eines Sprachstils, der von der Spannung zwischen dem ganz Averbalen – dem Blick – und dem rein Verbalen – den Wörtern – lebt. Diese Spannung prägt seinen Erzählstil. So können zwischen dem «Sprach-Ich» und der Welt verschiedene Beziehungsmuster bestehen: Stummheit, Widerhall, eigenes Erzählen und, als Höhepunkt, etwa im Stadium der «klaräugigen Müdigkeit», jene Welt, die «unter Schweigen, vollkommen wortlos, sich selber erzählt».

Handke, an der österreichischen Grenze zu Slowenien in einem Gelände voller Höhlen und Grotten aufgewachsen, hat seinen Erzählstil als ein Stocken, als begriffsstutzig und als Bild gegen die Bilderflut bezeichnet. «Die Bilder sind nicht am Ende», heisst es in «Mündliches und Schriftliches», einer 2002 erschienenen Aufsatzsammlung. Als Erzähler will Handke das Wahrgenommene zur Sprache bringen, durch «umwegiges» Sprechen, in grenzüberschreitenden Bildwelten und Formulierungen. So denkt er in seinem «Versuch über den geglückten Tag» (1991) nicht über den glücklichen, sondern über den geglückten Tag nach. Alles bleibt bei ihm im Fluss, alles wechselt das Gesicht; Episode reiht sich an Episode. Vom glücklichen Tag unterscheidet sich der geglückte Tag in der Weise, dass er eine Tätigkeit einschliesst. Aber es bleibt offen, ob es sich um die Tätigkeit des Autors handelt, der sich an den Tag verschenkt. «Je älter ich werde», bekannte Handke einmal, «desto mehr gehe ich Verästelungen, Seitensträngen nach. Es ist schön, wenn der Bleistift so schwingt, es gibt dem Leser, glaube ich, auch Vertrauen, dass ich kein Conférencier des Schreibens sein will, einer, der den Stoff nur aufbereitet, sondern ein Autor, der sucht, aufpasst, stilistisch, dass der Kopf klar bleibt. Wie sagt Goethe: Den edlen Seelen vorzufühlen, ist wünschenswerter Beruf.»

Auf dem Weg zum Weltruhm

1966 erschien Handkes erster Roman «Die Hornissen». Im selben Jahr wurde sein Schauspiel «Publikumsbeschimpfung» uraufgeführt. Bei der Tagung der «Gruppe 47» im amerikanischen Princeton sorgte er für Aufsehen, als er den zeitgenössischen deutschen Schriftstellern «Beschreibungsimpotenz» vorwarf. Seit diesem klassischen Popauftritt sind seine Romane und Erzählungen in der Öffentlichkeit so präsent wie kaum ein anderes Werk der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Sie verknüpfen das Handeln mit dem Anschauen, die Unmittelbarkeit des Erkennens mit dem Reflektieren.

Als im Februar 2002, elf Jahre nach dem Zerfall Jugo­slawiens und den nachfolgenden Kriegen, in Den Haag vor dem Internationalen Strafgerichtshof der Prozess gegen Slobodan Milosević wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord, Kriegsverbrechen und Angriffskrieg begann, erklärte Handke das einstige jugoslawische Staatsoberhaupt für «nicht schuldig im Sinne der Anklage». Im Sprechen und Schreiben über das ehemalige Jugoslawien verrannte sich Handke dann ins Verquere, wenn er im ­Diktator jemanden sah, der «notgedrungen» zum «kleinen tragischen Schurken» geworden sei.

In solchen Momenten zeigt sich, dass der Schriftsteller in einer Welt von magischer und allegorischer Wirklichkeit verharrte. Es ist eine Welt, die den hohepriesterlich raunenden Sprechdenker Handke zur Einsicht kommen liess, dass nichts am Ende der Ratlosigkeit entrinnen kann. Seiner Mutter schrieb er in jungen Jahren: «Ich werde sicher weltberühmt.» Und in der Tat wurde Handke für seine Theaterstücke, Romane und Erzählungen mit Literaturpreisen überhäuft, 2019 sogar mit dem Nobelpreis. Gleichwohl blieb er dem frühen Ruhm von Beginn an skeptisch gegenüber. «Wenn ich nicht Ich wäre, dann…

«Abwechslungsreich,
neugierig und unberechenbar.»
Oliver Zimmer, Historiker,
über den «Schweizer Monat»