Der Dazwischer

Es darf als programmatische Pointe gelten, dass der Umschlag des neuen Gedichtbandes von Felix Philipp Ingold eine berühmte mathematische Figur zeigt: das Möbiusband. Diese seltsam verschlungene Figur hat – obwohl dreidimensional strukturiert – keine Rückseite. Ein poetologischer Glücksfall für einen durch und durch sprachreflektierten Autor wie Ingold. Denn die Poesie, wie er sie anstrebt, verwirklicht sich als vokabulare Möbiusschleife – als ein Sprachkörper, der in seinen semantischen und syntaktischen Verschlingungen immer wieder in sich selbst übergeht und in seiner nicht fixierbaren Mannigfaltigkeit immer neue Bedeutungen aus sich hervorbringt. Die Poesie beginnt für Ingold erst da, wo der Sprechende das altvertraute System der «langue» aufbricht, sich aus der «Knechtschaft der Zeichen» (Roland Barthes) löst und kein Wort mehr in seinen vertrauten semantischen Verankerungen belässt.

So ist es nur konsequent, wenn der Autor in seinem Band «Tagesform», dem Schlussstück einer im Jahr 2000 mit dem Band «Auf den Tag genaue Gedichte» begonnenen Trilogie, ein furioses Klangspiel ans Ende setzt. Er führt einmal mehr virtuos vor, wie sich lautverwandte Wörter, die semantisch wenig miteinander gemein haben, «als selbständige Attraktoren gegenseitig verbinden».

Für das Sprachexperiment des Ingoldschen Typs ist ein seltsamer Künstler nötig: «der Dazwischer». Dieser seltsame Grenzgänger im «Dazwischen» übt sich beständig in innersprachlichen Verschiebungen: «Das Unerhörte wäre / ­– wo’s hoch kommt – dazwischen.» So kommt es zum beständigen Drehen und Wenden der Wörter und Wortverbindungen in der lyrischen Möbiusschleife. In kleinen verrückten Paradoxien, Anagrammen, Kalauern und doppelten Negationen bewegt sich das lyrische Subjekt, das sich ganz der eigendynamischen Sprachbewegung hingibt, durch den Text. Die Sprachschleife führt von «tragen» zu «ragen», von «gilt» zu «tilgt», von «Stille» zu «stellt» und «Stirn» – bis der Text in seinen eigenen Widersprüchen und assoziativen Verschlingungen zu vibrieren beginnt: «Wohin / das Wunder tragen wenn es plötzlich / ragt und gilt und also / tilgt was stimmt. Wie Witz. Ist Sturm / die Frage die die Stille / stellt und ruft er auf so manche Stirn / herab ein Glück. Wofür / wenn nicht für keinen Urzustand / ist diese Unruh gut.»

Diese «Unruh», wie Felix Philipp Ingold sie immer wieder poetisch inszeniert, ist nicht für ein schnelles Verstehen gut. Eher für eine beständige Entautomatisierung der Sprache. Ingold will uns aufwecken aus unseren bewusstlosen Routinen der alltäglichen Rede. Und manchmal gelingt ihm eine poetische Utopie, die er einer Bemerkung des russischen Dichters Ossip Mandelstam entnommen hat: das «beglückende Wort ohne Sinn».

vorgestellt von Michael Braun, Heidelberg

Felix Philipp Ingold: «Tagesform. Gedichte auf Zeit». Graz–Wien: Literaturverlag Droschl, 2007.

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den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»