Der Bodensee sog – bis ins Montafon und ’s Ländle

Die nicht erst seit gestern weitverbreitete Sehnsucht nach einem Aufenthalt am Bodensee hat, und zwar über Jahrhunderte hinweg, bedeutende Literatur hervorgebracht. Vieles davon versammelt die eng bedruckte und schön gestaltete Anthologie «Im Sog des Bodensees», in der Herausgeber Klaus Isele auf Gedichte ganz verzichtet und damit Raum für Prosatexte von nicht weniger als 82 Schriftstellern schafft, von dem vor 2000 Jahren wirkenden Strabon bis hin zu Gegenwartsautoren wie Gianni Kuhn, Christoph Hamann, Ulrike Längle oder Alissa Walser. Nicht alle erliegen dem offenkundigen Charme des Sees und preisen ihn und seine Ufer; es gibt auch Warnungen vor der narkotisierenden Wirkung der Bodenseelandschaft, zum Beispiel von Martin Walser. Doch die Faszination überwiegt, und etwas von diesem Sog verdankt sich auch dem Länderübergreifenden des Sees. «Während die Landesgrenzen zwischen der Schweiz, Österreich und Deutschland exakt vermessen und festgelegt sind, schafft das Wasser etwas Verbindendes jenseits der Nationalstaaten», schreibt der Herausgeber, der wohl kaum ahnen konnte, wie nötig wir heute die Reflexion auf dieses Verbindende brauchen.

Diese Anthologie legt ihren Schwerpunkt ganz zu Recht auf das 20. Jahrhundert und die Gegenwart. Und sie fasst, ebenfalls ganz zu Recht, den Begriff «Literatur» weit und lässt Heimat- und Landeskundlichem ebenso Platz wie einer kulturhistorischen Reflexion von Egon Friedell über das Konstanzer Konzil. Selbstverständlich findet man Erasmus von Rotterdam oder Michel de Montaigne, natürlich kommen Goethe und Hebel zu Wort, sogar Victor Hugo oder Theodor Fontane, der 1875 vom Rheinfall berichtet: «Die Natur ist in einem steten Donner, und wenn es donnert, schweigt der Mensch.» Doch seinen Reiz bezieht das gediegene Buch aus der Vielfalt späterer literarischer Äusserungen; denn in der Bodenseeliteratur der letzten hundert Jahre ist der Herausgeber in bemerkenswertem Ausmass fündig geworden – auch wenn man sich natürlich fragen kann, was Ernest Hemingways Aufenthalt in Schruns im Montafon mit dem Bodensee zu tun hat. Auch wenn man den einen oder anderen Text vielleicht zum zweiten oder dritten Mal liest, man schmökert in dieser Sammlung ohne Zweifel mit Genuss und Gewinn. Denn die Prosahappen, manche von nur einer Buchseite Umfang, haben es fast alle in sich. Zudem sind einige überraschende Entdeckungen zu machen. Wer weiss schon, dass Karl Valentin 1921 bei Blitz und Donner von Lindau nach Romanshorn übersetzte und dem schaukelnden Schiff «blass wie eine Kernseife» entstieg? Oder dass René Schick-ele zum Löwen auf der Lindauer Hafenmole bemerkt: «Nie ist ein bevorstehender Schlagfluss überzeugender in Stein gemeisselt worden»? Ob alle Liechtensteiner davon begeistert sein werden, was Ernst Glaeser 1932 über das Fürstentum schrieb? Ob alle Thurgauer die «sanfte Heiterkeit» ihres Kantons spüren, die ihm Dino Larese 1967 attestiert hat? Und dennoch Niklaus Meienbergs Arbon-Reportage schätzen? Ob die Bewohner von Ermatingen allesamt glücklich sind über Gerold Späths grandiosen Romanauszug «Hochzeit im Fetten Fladen»? Wir wissen es nicht – und sind trotzdem sicher, dass man ihnen und einem noch viel weiteren Lesepublikum mit dieser anregenden Anthologie eine Freude machen kann.

vorgestellt von Klaus Hübner, München

Klaus Isele (Hrsg.): «Im Sog des Bodensees. Eine Anthologie». Eggingen: Edition Isele, 2009

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»