Der Berg, sieben Sennen, siebzig Stück Vieh

Die Geschichte beginnt mit einem denkbar alltäglichen Vorgang, einer Gemeindeversammlung in einem namenlosen Walliser Bergdorf. Gestritten wird um die Bewirtschaftung einer über zweitausend Meter hoch gelegenen Alp. Die Alten im Dorf sind dagegen, weil es dort vor zwanzig Jahren ein Unglück und mehrere Tote gegeben hat. Die Jungen rechnen unbeeindruckt den Gewinn vor, der sich dort oben erwirtschaften liesse. Bei der Abstimmung siegt erwartungsgemäss der Kommerz über abergläubischen Kleinmut, und im Frühjahr ziehen sieben Sennen und siebzig Stück Vieh hinauf auf die Alp. Schon der Aufstieg gleicht dem Übergang in eine andere Welt. Der Weg führt durch eine dunkle Schlucht, deren Schwärze sich auf die Männer legt «wie Walderde» und ihnen das Gefühl gibt, «lebendig begraben» zu werden. Eine Vorausdeutung, die sich am Schluss des Buches im Ausmass einer apokalyptischen Katastrophe bewahrheiten wird. Gleich den Kieseln und Steinchen, die Ramuz im Verlauf des Romans immer wieder unheilvoll den Hang hinabrollen lässt, vollzieht sich das Unheil zunächst in scheinbar zufälligen Episoden. Ein Maultier stürzt ab, ein Gewehr explodiert und zerfetzt einem der Männer die Hand, und zu allem Unglück bricht unter der Herde die Maul- und Klauenseuche aus. Allmählich ergreift auch die Fortschrittsgläubigen die dunkle Ahnung, sich womöglich «mit einem Stärkeren» ein-gelassen zu haben und in Bereiche eingedrungen zu sein, «wo er nicht will, dass man hinkommt».

Mit dem kühlen Blick des Chronisten zeigt Ramuz, wie sich die Angst unter den Männern ausbreitet und wie diese zuletzt mit sprachlosem Entsetzen wie gehetzte Kreaturen auf den Holzpritschen ihrer Hütte kauern. Zu retten ist da längst nichts mehr. Denn mit der Angst, von den Aussätzigen auf der Alp angesteckt zu werden, zerbröselt auch unten im Dorf der Putz der Zivilisation. Am Ende hat die aufgebrachte Menge gerade noch Zeit, die vermeintlichen Urheber des Unheils zu massakrieren, bevor vom Berg herab eine riesige Steinlawine zu Tal fährt und Menschen und Tiere unter sich begräbt. Ob Ramuz blindes Schicksal, menschliche Hybris oder eine numinose Gewalt der Natur für das Gesche-hen verantwortlich macht, bleibt letztlich offen. Unmissverständlich jedoch ist seine wort- und bildgewaltige Kritik menschlicher Allmachtsphantasien und der Zurichtung der Natur unter den Zweck ihrer Verwertbarkeit.

Man hat den 1898 in Lausanne geborenen Ramuz oft als Regionalisten und Heimatdichter bezeichnet; dabei ist sein Werk nie heimattümlich, sondern eng mit der Tradition der europäischen Moderne verbunden. Schon mit Anfang zwanzig floh er die provinzielle Enge seiner Schweizer Heimat und liess sich im weltoffenen Paris nieder. Hier lernte er unter anderem Igor Strawinsky kennen, mit dem er das Musiktheaterwerk «Die Geschichte vom Soldaten» schrieb. «Die grosse Angst in den Bergen», erstmals 1926 im Pariser Verlag Grasset erschienen, ist eines der ambitioniertesten Bücher des Autors. Im Gegensatz zum archaischen Geschehen ist Ramuz’ Erzähltechnik ganz und gar modern und erinnert in oftmals verblüffender Weise an die Schnitt- und Montagetechniken des Films. Und es spricht gewiss für die literari-schen Qualitäten des Autors, dass seine moderne Alpensaga den Leser auch heute noch mit einer Wucht zu treffen ver-mag, die so mancher nur noch der Bildgewalt des Kinos zugetraut hätte.

vorgestellt von Georg Deggerich, Krefeld

Charles-Ferdinand Ramuz: «Die große Angst in den Bergen». Zürich: Nagel & Kimche, 2009

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»