Der Beitrag des Islam zur Kultur Europas

Abwehr und Kulturaustausch Islam und Christentum sind sich im Lauf der Geschichte nicht nur im Geist der Aggression, der Eroberung und Bekehrung begegnet. Neben der Bedrohung gab es wichtige Phasen des Dialogs und der gegenseitigen Faszination, an die heute wieder anzuknüpfen wäre. Dazu braucht es auf beiden Seiten Selbstbewusstsein und den Verzicht auf Schuldzuweisungen und Selbstbezichtigungen.

Vom belgischen Historiker Henry Pirenne stammt die These: «Sans Mohammed, pas de Charlemagne». Karl der Grosse wäre ohne die Auseinandersetzung mit dem Islam nicht zum Begründer des christlichen Abendlandes geworden. Diese Auseinandersetzung hatte zwei völlig unterschiedliche Aspekte, einen defensiven und einen dialogischen. Der Vormarsch des Islam nach Europa wurde nach der Eroberung von Spanien im Jahre 711 von Karl Martell diesseits der Pyrenäen zunächst einmal gestoppt. Sein Enkel, Karl der Grosse, hat dann die weiteren Eroberungsgelüste mit einer Doppelstrategie bekämpft, die auch für unsere Zeit sehr relevant ist: Er hat gleichzeitig Krieg gegen den Islam geführt und den Dialog mit dem Islam gesucht und gefunden. Der Islam war damals gespalten in einen Ost-Islam mit dem Zentrum in Bagdad und einen West-Islam mit dem Zentrum in Cordoba. Harun al Raschid, der grosse islamische Herrscher, hatte nicht den Plan, ganz Europa zu erobern. Er pflegte vielmehr durch die Aussendung und den Empfang verschiedener Delegationen einen fruchtbaren kulturellen Austausch mit Karl dem Grossen, von welchem hauptsächlich das damalige Abendland profitierte. Der islamische Beitrag zur europäischen Renaissance ist der Höhepunkt der Faszination. Europa hat sich also damals gleichzeitig gegen die gewaltsame Islamisierung gewehrt, aber doch auch wesentliche kulturelle Impulse von dieser Seite empfangen.

Die heutige Situation ist in mancherlei Hinsicht durchaus mit der damaligen vergleichbar. Europa sollte weiterhin einen Dialog mit dem Islam führen und ein friedliches Zusammenleben anstreben. Gegenüber allen Versuchen, Europa zu islamisieren, darf und muss es sich aber zur Wehr setzen.

Wegebereiter der Säkularisierung

Nach der von Karl dem Grossen erfolgreich praktizierten Doppelstrategie der Abwehr und des Kulturaustausches gab es eine zweite wichtige Epoche, in welcher der Islam einen nachhaltigen Einfluss auf Europa ausübte: der Vorabend der Renaissance. Der islamische Rationalismus, eine Strömung, die zur Zeit leider nicht mehr im Vordergrund steht, spielte bei der Geburt des europäischen Rationalismus eine entscheidende Rolle. Zwischen dem neunten und zwölften Jahrhundert haben die Muslime das Erbe der griechischen Antike entdeckt, und die Hauptwerke des Hellenismus ins Arabische übersetzt. Auf dieser Grundlage gedieh ein islamischer hellenisierter Rationalismus, der allerdings seinerseits in einen internen Kulturkampf gegen den auf die Scharia gestützten Gesetzesislam verwickelt war.

Gegenüber dem Gesetzesislam blieb das christliche Europa relativ immun, während der islamische Rationalismus den Europäern den Weg zum Geist des antiken Athen erschlossen hat. Ohne den Impuls des islamischen Rationalismus und der Wiederentdeckung der griechischen Antike durch arabische Gelehrte und Übersetzer wäre die Säkularisierung der Wissenschaft, welche die Renaissance und die Reformation wesentlich geprägt haben, nicht möglich gewesen. Leider steht der islamische Rationalismus im heutigen Islam nicht hoch im Kurs. Dieselben Exponenten, welche ihn kritisieren, behaupten aber gleichzeitig, Europa hätte sich ohne den Islam nicht entwickeln können. Die Situation ist paradox: Europa hat ausgerechnet von jener Strömung des Islam am meisten empfangen, die im heutigen Islam nicht mehr gut angesehen ist. Möglicherweise könnte Europa heute dadurch seinen Dank für die damaligen Impulse abstatten, indem es versucht, dem Islam jenen Rationalismus zurück zu vermitteln, den es seinerzeit von dieser Seite empfangen durfte. Aber dazu braucht es auch die Bereitschaft auf der anderen Seite, und die Bedingungen hiefür sind zur Zeit alles andere als günstig. Es ist leider eine Tatsache, dass sich die meisten an den islamischen Rationalismus anknüpfenden Islamreformer in Westeuropa oder in Nordamerika aufhalten, und nicht in der Welt des Islam. Denn für einen Muslim, der in dieser Richtung denkt, ist es heute sehr schwierig – und bisweilen auch lebensgefährlich – in der islamischen Welt zu leben.

Reformmuslime in der Isolation

Es gibt in Paris, in London, in Deutschland und den USA Reformmuslime, die versuchen, den alten Rationalismus des Islam neu zu entdecken, zu rehabilitieren, zu revitalisieren, mit europäischem Denken zu verbinden und daraus Reformen zu entwickeln. Der Kulturaustausch in der Geschichte kann mit solchen «Injektionen» verglichen werden. Ein Dialog der Kulturen ist heute überlebenswichtig. Aber die Islamisten und die orthodoxen Muslime (Scharia-Muslime) von heute schirmen sich ab und praktizieren damit das Gegenteil. Sie haben eine eigentliche Strategie der Entwestlichung entwickelt.

Der konstruktive Umgang mit westlichen Einflüssen war beispielsweise im 19. Jahrhundert an der Tagesordnung. Der europäische Liberalismus des 19. Jahrhunderts hat auch den Islam beeinflusst. Der geistig führende liberale Moslem war Rifaa al-Tahtawi. Im frühen 20. Jahrhundert folgte Ali Abdelraziq, der in Cambridge studierte; er ist Verfasser eines bedeutenden reformislamischen Werkes mit dem Titel «Der Islam und die Grundlagen der Macht» (1925). Darin deutet er den Islam als eine Religion, die kein bestimmtes Regierungssystem voraussetzt, woraufhin er allerdings seinen Lehrstuhl an der al-Azahr Universität in Kairo, dem Sitz des sunnitischen Islam, verlor. Durch die rein defensiv-kulturelle Haltung der Islamisten und der orthodoxen Muslime, welche mit allen Mitteln ihr isolationistisches Programm der Entwestlichung durchsetzen, wird zur Zeit ein Dialog der Kulturen unterbrochen (oder doch stark behindert), der über Jahrhunderte allen Beteiligten wertvolle Impulse vermittelt hat.

Dialog mit wechselnden Vorzeichen

Ein fruchtbarer Dialog besteht aus Phasen des Gebens und des Nehmens, des Lehrens und des Lernens, des Äusserns und des Zuhörens. Zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert war, wie der grosse Schweizer Historiker Jacob Burckhardt gezeigt hat, Europa auf der Empfängerseite. Die Renaissance in Italien wäre ohne den geistigen Kulturtransfer des Islam nicht denkbar gewesen. Im 17. Jahrhundert kam es 1683 vor Wien und – noch einschneidender – 1696 bei der Niederlage in Karlowitz zu einer Wende. Damals mussten die Muslime die wissenschaftlich-technologische Überlegenheit der Europäer zur Kenntnis nehmen und selbst in die Position der Lernenden hinüberwechseln. Dies erfolgte zunächst ohne eine aggressive antiwestliche Mentalität und auf dem friedlichen Weg der Ideen-Rezeption durch Übersetzungen, aber auch durch «Importing the European Army», so der Historiker Ralston. Im 19. Jahrhundert kamen viele Muslime nach Europa. Der wichtigste dieser Kulturvermittler war Tahtawi. Er kam 1826 nach Paris und bemerkte den Entwicklungsvorsprung der europäischen Christen. Durch seine Übersetzung der Werke von Montesquieu und Rousseau ins Arabische wurde er zum Begründer des arabisch-islamischen Liberalismus, einer Strömung, die es bis ins 20. Jahrhundert gab, und die seither untergegangen ist. Immerhin gibt es auch Komponenten des heutigen Islam, die für Europa wegweisend sein könnten. Die Muslime haben ein stark entwickeltes Selbstbewusstsein, eine Identität, die auf gemeinsamen Werthaltungen beruht. Demgegenüber haben die Europäer eine sehr schwache zivilisatorische Identität. Das äussert sich auf allen Ebenen; zum Beispiel in der Kultur und in der moralischen Praxis, vor allem durch kulturrelativistische Selbstverleugnung. Die Europäer stehen nicht voll zu ihren Werten. Es ist kein Zufall, dass sie auch unter einem Bevölkerungsrückgang leiden. Eine starke, auf gesundem Selbstbewusstsein und gemeinsamen Werthaltungen beruhende Identität ist nichts Negatives. Im Gegenteil, man kann zu seinen eigenen Werten stehen und trotzdem Fremdem gegenüber offen bleiben. Eine starke Identität ist eine Voraussetzung für den Erfolg des Dialogs zwischen den Zivilisationen.

Weniger Arroganz, mehr Selbstbewusstsein

Die Europäer neigen gegenüber dem Islam dazu, von einem Extrem ins andere zu fallen. Sie schwanken zwischen Arroganz und Selbstverleugnung. Ein Europäer, der arrogant ist, löst Angst aus; ein Europäer, der sich schlecht macht und seine Zivilisation verleugnet, weckt Mitleid. Es gibt zwei Formen des Dialogs, die heute überall in Europa stattfinden und die problematisch sind: Das eine Dialogmuster beginnt damit, dass die Muslime sagen: «Uns geht es heute schlecht, und ihr Europäer seid schuld daran.» Das ist eine ungerechtfertigte Schuldzuweisung. Die Europäer hören in diesem Falle zu und wehren sich nicht. Sie geben sogar zu, dafür verantwortlich zu sein, dass es den Muslimen schlecht gehe. Ungerechtfertigte Schuldzuweisung wird mit ungerechtfertigter Selbstbezichtigung beantwortet. Das ist kein Dialog.

Ein anderes Dialogmuster, dasjenige der Kirchen, führt ebenfalls in die Irre. Sie vollziehen zwar gemeinsame Rituale, zelebrieren die Gemeinsamkeit im Kultischen und Zeremoniellen, beten und schlachten auch Tiere, aber sie meiden den wirklichen Dialog der Standpunkte und Argumente. Ein echter Dialog muss sich darum bemühen, Konflikte zu analysieren und so zu formulieren, dass sie durch wechselseitiges Lehren und Lernen lösbar werden. Neben der Funktion der Konfliktlösung soll der Dialog zwischen den Zivilisationen der Suche nach einem gemeinsamen Werte-Konsens dienen.

Bassam Tibi wurde 1944 in Damaskus geboren. Er studierte in Frankfurt am Main Sozialwissenschaften, Philosophie und Geschichte. Seit 1973 ist er Professor für

Internationale Politik in

Göttingen und hatte von 1998 bis 2000 eine Forschungs-professur in Harvard inne. Er ist Mitbegründer der arabischen Organisation für Menschenrechte und gehört zu den Mitträgern des islamisch-jüdischen Dialogs.

Im Zusammenhang mit diesem Beitrag sind folgende Publikationen hervorzuheben: «Europa ohne Identität?», Siedler Taschenbuch 1998 (neu 2001); «Kreuzzug und Djihad», Goldmann Verlag 1999 (neu 2002); «Islamische Zuwanderung, Die gescheiterte Integration», DVA 2001, 2. Aufl., 2002.

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