Der befreite Scanner

Werke von Christian Rohner & Claude Hidber

Der befreite Scanner

Ein gewöhnlicher Büroscanner hat einen monotonen Job. Tagaus, tagein nur bedrucktes Papier. Die Abdeckung wird geöffnet, das Dokument mit der Schrift nach unten auf die Glasscheibe gelegt, der Start-Knopf gedrückt. Einige Sekunden vergehen, bis alles gescannt und die Kopie digital abgespeichert ist. Die Vorlage wird entfernt, der Deckel wieder zugeklappt. Das war’s.

Doch was passiert, wenn dieser Deckel abmontiert, der Auslöseknopf auf Dauerbetrieb umprogrammiert und der Scanner ­­– gewissermassen mit nun stets wachem Blick ­­­­­­– aus dem Büro herausgetragen und an einem öffentlichen Platz hochkant aufgestellt wird? Unter diesen Umständen wird ein alltäglicher Scanner zum eigenwilligen Chronisten der Bewegungen seines Umfelds. Solch ein Scanner in Freiheit kann bis zur Unkenntlichkeit verschwinden lassen, was reglos ist, und er kann aufblähen, was sich bewegt. Laternenpfähle, Parkuhren oder eine stehende Person können zu kaum mehr wahrnehmbaren anorektischen Strichen schrumpfen, vorbeieilende Passanten sich zu Blasen verformen, Autos zu breiten Bändern. So entstehen elegische Bilder in Rot-, Rosa-, Purpur-, Violett- und Gelbtönen. Vor Hintergründen, die wie ein waagrechter Barcode oder wie unendlich viele übereinandergestapelte Horizontlinien wirken, scheinen ungezählte Giacometti-Skulpturen gemeinsam vor den Museen und Sammlern dieser Welt zu fliehen; scheinen die sich schmelzend verformenden Hände, Beine und Nasen vereinzelter Figuren Motive Dalís zu zitieren und scheinen menschliche Körper ihre Schatten in vielfacher Kopie hinter sich zu lassen. Könnten wir, bis an die Grenze der Lichtgeschwindigkeit beschleunigend, durch die Strassen rasen, dann würde uns dabei wohl mancher Eindruck an die Bilder des von der Büroarbeit erlösten Scanners erinnern.

«Zeitter» nennen die beiden diplomierten Interaktionsleiter Christian Rohner und Claude Hidber ihren alten Büroscanner, den sie, für solch ein Leben draussen auf den öffentlichen Plätzen der Städte, mit neuen Linsen und etwas Softwaretuning vorbereitet haben. Zu diplomierten Interaktionsleitern wurden die beiden Künstler an der Basler Medienschule in dem mehrjährigen Studiengang «Neue Medien» ausgebildet; die Idee zum befreiten Scanner stammt aus dieser Zeit. Ihr Zeitter ist ein Paradestück interaktionsgeleiteter Medienkunst, weil er als Kunst nur dann funktioniert, wenn im öffentlichen Raum der Passant oder Kunstkonsument ins Spiel kommt. Denn erst in den Momenten, in denen jemand vor die Linse des Zeitters tritt, entsteht Kunst – in einem Prozess des «partizipativen, koordinierten Zufalls», wie sich die beiden Medienkünstler ausdrücken. Jedesmal, wenn sich jemand vor dem Zeitter bewegt, den Arm hebt, auf ihn zeigt, gestikuliert, sich zufällig zur Seite dreht, passiv vor ihm stehen bleibt oder unachtsam an ihm vorübergeht, entstehen farblich und formal überraschende und ästhetisch überaus ansprechende Bilder.

«Den Zeitter haben wir so genannt, weil er zeittert. Er verdichtet die Zeit, er öffnet die Zeit, er schafft zeitlose Zeit» – so die Künstler zu ihrer Namengebung. Es ist schwer, nicht in metaphysisches Reden zu verfallen, wenn versucht wird, etwas über das Wesen der Zeit zu sagen. Daher nur noch soviel: in der klassischen Photographie werden, bei einer Dauerbelichtung von vielen Stunden, sich schnell bewegende Objekte nicht abgebildet, sodass etwa eine belebte Bahnhofshalle auf der Photographie schliesslich menschenleer erscheint. Bei einer Kurzzeitbelichtung in der Sportphotographie werden hingegen auch Dinge sichtbar, die wir ohne Hilfsmittel nicht wahrnehmen könnten, da sie für unser Auge zu schnell ablaufen. Der Zeitter macht weder das eine noch das andere, sondern er bildet Stillstand und Bewegung auf eine ganz neue und auch für die beiden Künstler nicht vorhersagbare Art und Weise ab.

Sollten nun noch Fragen offen geblieben sein oder Sie Lust bekommen haben, selber einmal gezeittert zu werden, dann empfiehlt sich eine Anfrage an die Adresse zeitter@xcult.org. Claude Hidber und Christian Rohner haben auch für Ausflüge des Zeitters vorgesorgt und ihm auf dem Flohmarkt einen stabilen Lederkoffer erstanden. Im Nu reist er daher an fast jeden Ort, rasch ist er aufgebaut und richtet sein…

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»