Der Aufstieg der  Enfants terribles
Alessandro Nai, zvg.

Der Aufstieg der
Enfants terribles

Politiker und Parteien setzen zunehmend auf negative Kampagnen. Dadurch wird das Vertrauen der Bevölkerung in die Demokratie untergraben: Apathie und Zynismus machen sich breit.

 

Politik ist Konflikt. Parteien konkurrieren über unterschiedliche politische Plattformen, die Wähler sind uneinig darüber, welche Kandidaten sie am besten vertreten, und oft geht es in Demokratien im wesentlichen um die Verteilung knapper Ressourcen (z.B. eine beschränkte Anzahl Sitze für viele Kandidaten). Müssten ausserirdische Beobachter das Wesen der irdischen Politik beschreiben, würden sie wohl kaum Konsensfindung und überlegte Deliberation als zentrale Elemente identifizieren.

Wahlkampagnen stellen den Höhepunkt politischer Auseinandersetzungen dar. Dabei zeigt sich zum einen eine Tendenz, anstelle der eigenen Stärken die Gegenseite in den Fokus zu rücken. Mit Angriffen auf den politischen Gegner – von inhaltlichen Auseinandersetzungen bis zu grobschlächtigeren persönlichen Attacken, wie sie soziale Netzwerke zu durchdringen scheinen – versuchen Politiker und Parteien, die Stimmbürger zu überzeugen. Zum anderen wird die Sprache von Wahlkampagnen zunehmend unhöflich und «negative» Emotionen wie Angst und Wut kommen in der heutigen politischen Rhetorik regelmässig zum Einsatz. Eines der naheliegenden Beispiele ist Donald Trump. Während seines Präsidentschaftswahlkampfs 2016 und auch nach der Wahl liess er kaum eine Gelegenheit aus, seine Gegner zu kritisieren, zu attackieren, herabzusetzen oder zu beleidigen. Hillary Clinton ist in seinen Augen «betrügerisch» («crooked») und ihre Intelligenz «überschätzt»; seinen potentiellen Gegenkandidaten Joe Biden bezeichnete er als «ein weiteres Individuum mit tiefem IQ». Doch auch diesseits des Atlantiks gibt es zahlreiche Beispiele. Man erinnere sich an das Wahlkampfposter der britischen Konservativen, die 1997 den damaligen Labour-Chef Tony Blair mit Dämonenaugen zeigten, begleitet vom Slogan «New Labour, New Danger». Oder, in der jüngeren Vergangenheit, die Kampagne der SVP vor den Wahlen 2019, welche die anderen Parteien als Würmer darstellte.

Doch wie gut funktionieren negative Kampagnen? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Zwar gibt es wissenschaftliche Studien, gemäss denen solche Kampagnen den erwünschten Effekt haben, nämlich eine sinkende Unterstützung für den Gegner. Allerdings weisen andere Untersuchungen darauf hin, dass Angriffspolitik eine riskante Strategie ist. Im allgemeinen scheinen Bürger übermässige Negativität nicht zu goutieren – zumindest geben sie das in Umfragen an.1 Kandidaten, die ihre Gegner kritisieren oder gar herabsetzen, laufen Gefahr, dass sich das Blatt gegen sie wendet und die Wähler sich von ihnen abgestossen fühlen.2

Ob sich negative Kampagnen politisch lohnen oder nicht, hängt vom Kontext ab. In der Wissenschaft hat sich ein Konsens herausgebildet, dass gewisse persönliche oder politische Eigenschaften die Inhalte von Wahlkämpfen beeinflussen – das bedeutet, dass manche Kandidaten und Parteien eher negative Kampa­gnen fahren als andere. So tendieren Oppositionsvertreter stärker als Amtsinhaber dazu, ihre Gegner mit negativen Botschaften anzugreifen.3 Letztere können (und müssen) den eigenen Leistungsausweis präsentieren und gehen ein grosses Risiko ein, dass eine negative Kampagne nach hinten losgeht. Oppositionspolitiker dagegen haben nichts zu verlieren – jedenfalls kein Regierungsamt. Für sie können Schmutzkampagnen zudem ein probates Mittel sein, um Medienaufmerksamkeit zu gewinnen. Ebenfalls haben Parteien und Kandidaten, die in Umfragen zurückliegen, einen starken Anreiz, Negativkampagnen einzusetzen – sie brauchen eine mögliche kontraproduktive Wirkung nicht zu befürchten, da sie ohnehin mit einiger Wahrscheinlichkeit die Wahl verlieren.4  Schliesslich gibt es Hinweise darauf, dass weibliche Kandidaten einen strategischen Nachteil haben: Aufgrund traditioneller sozialer Normen und antiquierter Geschlechterstereotypen wird von Frauen eher ein passives, zuvorkommendes und freundliches Verhalten erwartet als von Männern. Politikerinnen, die ihre Gegner mit negativen Botschaften angreifen, gehen ein grösseres Risiko ein, dass ihnen dies schadet.5

«Negativität verkauft sich, und die Faszination heutiger Medien für Sensationalismus und Konflikt ist ein grosser Anreiz für Kandidaten, ihre Kontrahenten mit Negativkampagnen zu überziehen.»

Betrunkene Tischgäste

Zu diesen «klassischen» und ziemlich gut untersuchten Erklärungsfaktoren hinzu kommen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit. Da ist zunächst der Aufstieg populistischer und euroskeptischer Parteien in vielen Ländern. Diese «Anti-Establishment»-Bewegungen verwenden…

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