…der Aufmerksamkeitsgier

Twitter, Facebook, Instagram und die ganze virtuelle Welt der Social Media sind für viele das echte Leben. Intimes ist gedankenlos und impulsiv per Tastendruck im Äther verewigt, beliebig für Unbekannte verfügbar und der Kontrolle des Versenders entglitten. Kürzlich wurde bekannt, dass kaum vorstellbare Mengen an Datensätzen mit privaten Informationen von und über Millionen von Bürgern […]

Twitter, Facebook, Instagram und die ganze virtuelle Welt der Social Media sind für viele das echte Leben. Intimes ist gedankenlos und impulsiv per Tastendruck im Äther verewigt, beliebig für Unbekannte verfügbar und der Kontrolle des Versenders entglitten.

Kürzlich wurde bekannt, dass kaum vorstellbare Mengen an Datensätzen mit privaten Informationen von und über Millionen von Bürgern und Unternehmen systematisch verkauft, gescannt, ausgewertet und abgespeichert werden. Und niemand scheint sich daran zu stören. Warum?

Wir denken: Die Menschen von heute sind so stark mit dem eigenen Narzissmus beschäftigt, dass sie ein solcher Eingriff in die Privatsphäre kalt lässt oder ihnen unter Umständen sogar willkommen ist.

Und durch die tägliche Zwangstransparenz, überwacht durch Kameras, segmentiert im Konsumverhalten, nacktgescannt und kredit-gerated, sind wir so abgestumpft und zermürbt, dass es uns nicht mehr kümmert, ob auch noch jemand in Maryland (The Free State) mitliest… Auf dem Weg zur schönen neuen Welt oder «1984» ist damit ein Zwischenziel erreicht; Aldous Huxley und George Orwell würden sich erstaunt die Augen reiben…

Wir vermuten, dass die unbegriffene Sehnsucht nach der sorgenden Mutter und dem beschützenden Vater so gross ist, dass wir den Staat immer mächtiger werden lassen. Unser aller Bedürfnis nach Beachtung und Anerkennung ist derart brennend geworden, dass wir nichts unversucht lassen, um im Fokus zu stehen. Das alltägliche Leben wird als so dröge erlebt, dass wir selbst die profansten und intimsten Dinge austauschen und mit Big Brother Staat teilen. Die Folge: oberflächliche und behördliche Aufmerksamkeit als Ersatz für die unwiederbringlich verlorene Intimität.

Die Zersetzung der Privatsphäre und die Grenzenlosigkeit der Einmischung anderer in den Intimbereich beschädigt langfristig unseren ureigenen Innenraum, die Subjektivität des unverwechselbaren Einzelmenschen. Wir müssen der Annektierung der Intimität Einhalt gebieten und die persönliche Bewusstseinsbildung wieder in den Mittelpunkt rücken, kurz: lernen, es besser mit uns selbst auszuhalten. Dies wird uns auch die Kraft geben, die bevormundende Obrigkeit, die diese Sucht ausnutzt, in die Schranken zu weisen.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»