(4) Der Anpfiff ist das Ende

Männer lieben nicht nur Fussball, sie lieben auch Tabellen über Fussball. Denn diese stillen die Sehnsucht nach Gleichheit unter Ungleichen – jedenfalls solange, bis es losgeht. Dann geht die Nullstellung verloren, und am Ende gibt es nur einen: einen Tabellenführer, einen Star, einen Fussballweltmeister.

Von 9’100 auf 0. So soll’s sein. Nun die Gedanken langsam sortieren. Noch ist Platz, die Null fern, bloss nicht zu schnell das Pulver verschiessen. So lässt es sich gut an, aktueller Stand: noch etwa 8’900. Man sollte es nicht übertreiben mit der Präzision, schon gar nicht beim ersten Zwischenstand. Am Ende muss alles aufgehen, das zählt. 9’100 Zeichen darf dieser Text haben, damit er auf zwei Seiten dieses Heftes passt. Klare Ansage der Redaktion!

So ist das immer. Die Herrschaft über die Zeichenzahl bedeutet Herrschaft über Gedanken. Deshalb reden Redaktoren lieber über Zeichenzahlen als über Inhalte, obgleich sich ja die meisten bemühen, ein rechtschaffen gespaltenes Verhältnis zum Diktat der Zeichenzahl zu demonstrieren. Aber einzig sie verspricht messbare Resultate, wovon Kolumnisten ein Lied singen können. «Ihr Text ist gut, aber 400 Zeichen zu kurz.» So tönt es nicht selten. Alle Streiflichter auf der ersten Seite der «Süddeutschen Zeitung» zum Beispiel weisen ohne Ausnahme 72 Zeilen auf, und mancher Redaktor anderer Druckerzeugnisse, möglicherweise von der Güte des Streiflichts herausgefordert, lockt und verschreckt den von ihm so heiss begehrten Autor mit dem Versprechen und der Drohung: «Sie können in Ihrer Kolumne wirklich schreiben, was Sie wollen, nur die Zeichenzahl muss immer die gleiche sein.»

Mitunter stellt ein Autor fest, dass die Spalte bis zu ihrem natürlichen Ende beliebig viel Spielraum bietet, weil unter der Kolumne nur eine mehr oder weniger wichtige Meldung steht. Dann fragt er höflich nach, weshalb er sich nicht die Freiheit erlauben dürfe, seine Gedanken den eigenen Vorstellungen gemäss auszubreiten oder eben einzugrenzen. «Weil wir entschieden haben, dass die Kolumne so viele Zeichen haben soll», lautet die Antwort mit Hinweis auf Wiedererkennungswert, Layoutvorgaben etc. Da fragt man sich: Ist das noch Ästhetik oder schon Zahlenwahn? Aber über den Wahn, der dort beginnt, wo die Zahl zum Fetisch wird, ist ja hier an anderer Stelle schon geklagt worden.

Nun, da dieser Text bereits der alarmierenden Grenze von verbleibenden 7’500 Zeichen zustrebt, soll von der Schönheit der Zahlen in ihrer herrlichsten, weil nachvollziehbarsten Weise die Rede sein. Einer Schönheit, die leider auch dazu beitragen könnte, dass die Zahlenhörigkeit in der Wettbewerbswirtschaft allgemein und an der Börse im besonderen pathologische Züge annimmt, dass Nachrichtenmagazine wie «Focus» und «Spiegel» unermüdlich Rankings aufstellen, Ärzte, Anwälte und Universitäten nach undurchschaubaren Notenschlüsseln in Sieger und Verlierer einteilen. Es geht um den Zauber der Tabelle als Rangordnungssystem, um den Drang nach der beweisbaren und entsprechend abbildbaren Leist-ung, um den Mythos von der Chancengleichheit, die Illusion von Start und Ziel, von Anfang und Ende. Es geht um wirklichen Sport und das Bestreben, im Leben einen sportiven Wettkampf zu simulieren, gar zu imitieren. Es geht um die Sehnsucht nach der Nullstellung.

Der Reihe nach: für Mathematiker verbirgt sich hinter Zahlenkolonnen, Logarithmen, hinter Pi und Diskriminanten ein wahrer Kosmos; mathematisch durchschnittlich bis gar nicht Begabten bleibt die Leidenschaft für Zahl und Formel und die Welt dahinter gänzlich verborgen. In Österreich trifft sich regelmässig ein Verein mit dem Namen «Freunde der Zahl Pi» und Mathematiker der Technischen Universität Darmstadt ersinnen Gedichte auf Zahlen. Wer sein Herz an den Sport verloren hat, der weiss ebenfalls zu berichten von der Phantasie und Vorstellungskraft, die eine schnöde Zahlenkombination zu entfachen vermag. Neulich war ich in der fremdsprachigen Provinz, fern jeder Möglichkeit, eine deutsche Zeitung zu ergattern. So liess ich mir die Ergebnisse der Fussball Champions League per SMS senden. Welche Pracht entfaltete sich da plötzlich auf meinem kleinen Display: Lev.-Real 3:0. Was mag da wohl geschehen sein in der BayArena zu Leverkusen, wo die Heimischen das grosse Real Madrid offensichtlich entzaubert hatten? Ich malte mir ein kolossales Fussballspiel

\0aus und fühlte mich erinnert an die Zeit, da ich in südamerikanischen Wüsten und Regenwäldern blutblasige Märsche auf mich genommen hatte, um die Bundesligaergebnisse per Telefon in Erfahrung zu bringen.

Samstag für Samstag sass ich dann irgendwo in einer südamerikanischen Kneipe, inszenierte in meinem Hirnkästlein die Dramen zu den Zahlen und rechnete mir flugs die aktuelle Tabelle aus. Wie gross war die Freude, wenn die eigene Mannschaft sich im oberen Drittel festzusetzen schien, wie bitter die Enttäuschung, wenn sie zwei Wochen später im Mittelfeld zu verschwinden drohte mit schockierender Tendenz Richtung Abstieg. Gebannt starrte ich auf die Tabelle, so wie ich es stets tue, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Selbst in Ländern, deren Sprache ich nicht verstehe, suche ich in den Sportteilen der Zeitungen nach Sporttabellen: Fussball, Volleyball, gerne auch indisches Hockey. Aus diesem Grunde verfügen wir Sporttabellen-Liebhaber seit unseren Kindertagen über verblüffende Geographiekenntnisse, denn der Atlas hat uns bald die Welt der Tabelle eröffnet. So wussten nur wir mit zehn Jahren bereits, wo Jaroslawl liegt. An der Wolga zwischen Leningrad und Moskau und auf Platz fünf der russischen Meisterschaft.

Die Sporttabelle fesselt nicht von ungefähr Millionen, schliesslich ist sie ein objektives Ordnungssystem, das über eine Saison mit 34 Spieltagen hinweg die oft behauptete und selten dämliche Mär, wonach im Sport und besonders im Fussball alles möglich sei, auf ein Minimum reduziert. Die Tabelle bildet eine durch begreifbare und in ihrer Entstehung vielfach bezeugte Zahlen autorisierte Hierarchie ab. Und mögen Kritiker wie Klaus Theweleit zurecht bemängeln, dass der Sportjournalismus tabellenopportun-istisch über Trainer und Spieler urteilt und darüber die eigentliche Herrlichkeit des Fussballs vergisst, so lässt sich ja nicht leugnen, dass die Tabelle für sich betrachtet schon eine Schönheit entfaltet, die das eigentliche Spiel gar nicht braucht. Wie ich, tippen doch viele Enthusiasten vor Weltmeisterschaften und Meisterrunden alle Ergebnisse durch, um hernach eigene Tabellen zu erstellen, an denen sie sich nicht sattsehen können. Droht der Lieblingsmannschaft erst einmal Ungemach, rechnen wir Tabellen nach allen möglichen Ergebnis-Konstellationen aus. Tritt das günstigste Szenario dann tatsächlich ein, sprechen wir von einem Wunder.

Vor einer Meisterrunde oder einem Turnier be-sitzt die Sporttabelle nahezu magischen Charme. Es ist die oben bereits erwähnte Nullstellung, die dem bald beginnenden und finaldeterminierten Wettbewerb die Aura höherer Gerechtigkeit verleiht. Am Anfang dürfen sich alle Teams im Paradies wähnen, noch unberührt, mit 0:0 Toren und 0 Punkten. Vom ersten Spieltag an beginnt das Faszinierende: die Tabelle nimmt Gestalt an, langsam und unvermeidlich entwickelt sie eine dramatische Dynamik. Alle wissen, dass zu jeder Zeit jeder Platz der Tabelle belegt sein wird, dass es schliesslich drei Absteiger geben muss und nur einen Meister geben kann. Und doch schwingt in den Diskussionen der Fussballvölker allzeit der Mythos von der Entrinnbarkeit aus diesem unbezwingbaren System mit. Es ist die Sehnsucht nach der permanenten Nullstellung, nach der ewigen Gleichheit unter Ungleichen, die doch mit dem ersten Anpfiff schon an ihr Ende kommt. Anfang der 60er Jahre wies der Trainer des abstiegsbedrohten Fussballklubs 1.FC Nürnberg mit mathematischem Eifer auf dieses unlösbare Dilemma hin – er wurde verspottet und sofort entlassen.

Ist ja bloss Fussball, könnte man jetzt sagen. Leider aber beschränkt sich die Verführungskraft der Tabelle nicht auf den Sport. Denn wann immer der Hierarchisierung des Unvergleichbaren enorme Bedeutung beigemessen wird, nährt sie die Illusion vom gemeinsamen Ausgangspunkt: bei Universitäts-Rankings, Börsen-Listen, Arbeitsmarkterhebungen und ähnlich undurchschaubaren Leistungseinstufungen in der Wirtschaft. Dennoch wird unverdrossen die Chancengleichheit behauptet, der gerechte Markt beschworen. Der Ruf nach Befreiung von Wettbewerben und Leistungslohn legitimiert sich mit der Option auf den Sieg. Aus der logischen Konsequenz, dem Verlierer, leitet man wiederum die Notwendigkeit ab, den Wettbewerb noch mehr zu verschärfen. Derweil müssen sich die Gescheiterten gängeln lassen wie Fussballer nach verlorenen Spielen. Müssen sich rechtfertigen, weil sie angeblich nicht genügend oder nicht das Richtige leisten. Woran man das messen kann, weiss niemand. Im Fussball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit des Gegners, sagte Sartre. Das gilt auch für den Markt. In ihm jedoch bleibt die Nullstellung ein Traum. Ende! Verbleibende Zeichen: null.

(0) Zahlenwahn

350 Jahre sind vergangen, seit ein sichtlich enttäuschter Engländer Bilanz zog aus seinem Studium der Klassiker: es seien die alten, moralphilosophischen Werke halt nicht «scripta scientifica», sondern bloss «scripta verbifica», Wortgeklingel und Gerede. Was Wunder, wenn es keine Fortschritte gebe im Bereich der Philosophie, wenn die Menschen immer noch Kriege führten und allerorten Elend herrsche. […]

«Der Entkalker fürs Hirn:
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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