Der alte Mann und das Taxi

Intelligenz ist relativ.

 

Ein ausländischer, absoluter Topmathematiker beendete seinen Aufenthalt an der Gastuniversität. Abreisebereit und erwartungsfroh fragte er einen gerade am Institut anwesenden Doktoranden am Sonntagnachmittag, ob dieser ihn jetzt bitte mit dem Auto zum Flughafen fahren könne. Der Doktorand erklärte, dass er noch eine Arbeit beenden müsse und keine Zeit habe. Aber das sei kein Problem: Man habe hier einen hervorragenden öffentlichen Verkehr, der einen in weniger als einer Stunde zum Flughafen bringe.

Diese Antwort passte dem Gast gar nicht, er wirkte kurz beinahe katatonisch. Die Idee, ein Taxi zu nehmen, führte auch nicht zu mehr als leichten Zuckungen. Langsam erkannte der Doktorand, dass der Topmathematiker mit dieser Generalstabsübung leicht überfordert war. Die ohne Care-Team gefundene Lösung bestand darin, dass der Doktorand ihm ein Taxi bestellen, ihn bis zum Taxi begleiten und dem Taxifahrer genau erklären würde, wo der Patient einzuliefern sei. Zudem gab er ihm sicherheitshalber seine Telefonnummer. Das Taxi fuhr mit dem Professor von dannen; der Doktorand schaute ihm lange nach, Stossgebet gen Himmel. Er ging zurück ins Büro. Nach einer Stunde klingelte nun in der Tat das Telefon – am Display erkannte er eine Nummer vom Flughafen. Das war ja schon mal gut. Es war dann weder die Flughafenpolizei noch -sanität, -feuerwehr, -seelsorge oder Terrorabwehr. Nein, es war der Professor selber – er kann ein Telefon bedienen! «Ich bin am Flughafen, es ist alles gut gegangen!»

Dass intellektuell brillante Leute bei der Bewältigung des Alltags Mühe bekunden, ist keine Seltenheit. Oft wird gar argumentiert, dass in den Menschen eine Stärke an einem Ort zwingend eine Schwäche an anderen Orten nach sich ziehe. In den politisch korrekten und auf Ausgleich bedachten 1990er Jahren ging das so weit, dass als Ergänzung zum Intelligenzquotienten IQ der emotionale Quotient EQ begründet wurde, mit der Konnotation, dass IQ+EQ wohl eine Naturkonstante sei: Je grösser das eine, desto kleiner das andere. Oder kurz: Alle Hochintelligenten sind emotional unterbelichtet – so viel zur politischen Korrektheit! Mir wurde der alte Mann durch seine Defizite einfach unglaublich sympathisch.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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