…der alltäglichen Mauscheleien

Mauscheln ist nicht das echte, grosse Betrügen. Mauscheln, das ist «ein bisschen betrügen in korrekter Verpackung». Der Klassiker ist vielen bekannt: Szenario 1: Herr Protz hat seinen für 10 000 Franken in Persien erstandenen Teppich fein säuberlich gefaltet in seinem Koffer und strebt im Pulk anderer Touristen mit auffällig unauffälliger Unschuldsmiene durch den grünen Ausgang […]

Mauscheln ist nicht das echte, grosse Betrügen. Mauscheln, das ist «ein bisschen betrügen in korrekter Verpackung». Der Klassiker ist vielen bekannt:

Szenario 1: Herr Protz hat seinen für 10 000 Franken in Persien erstandenen Teppich fein säuberlich gefaltet in seinem Koffer und strebt im Pulk anderer Touristen mit auffällig unauffälliger Unschuldsmiene durch den grünen Ausgang am Flughafen. Niemand hält ihn auf. Er hat soeben den Staat um einen grösseren Betrag betrogen. Es hätte für ihn aber auch schieflaufen können.

Szenario 2: Herr Mauschel macht es anders: Er bringt den Teppich zusammen mit einer aufwendig gestalteten Quittung für nur 2000 Franken mit, nimmt den roten Ausgang und lässt ihn mit treuherzigem Blick verzollen. Er erntet anerkennendes Wohlwollen, bezahlt (viel zu wenig) Zoll und verlässt den Flughafen mit der offiziellen Bestätigung seiner Rechtschaffenheit bei gleichzeitigem Genuss seines kleinen Betruges.

Die Lust am Verbotenen und Verborgenen ist genuin triebhaft, die Versuchung, einen heimlichen Vorteil aggressiv auszunutzen, urmenschlich. Der kleine Betrug am Flughafen, die am regulären Verfahren vorbeigeschleuste Bewerbung (bei korrekter Einhaltung des formalen Ablaufes), die politische Hinterzimmerabsprache sind Ventile dieses Geniessens.

Woher kommt die Lust am Doppelspiel, an der Heuchelei, der Vertuschung, an der bieder kaschierten Gaunerei? Naheliegend ist es, dass Herr Mauschel seinen Geldbeutel schonen will und deshalb in die Trickkiste greift. Aber nicht alles, was naheliegt, ist richtig.

Es geht wohl kaum primär um materielle Vorteile, sondern um das Gefühl, den eigenen Einfluss gegenüber übermächtigen Korrektivinstanzen zu behaupten. Mauscheln ist auch der Aufstand gegen die Allgewalt der Gesetze, des Apparates, ja letztlich unseres eigenen unbarmherzigen Gewissens. Mauscheln ist das Resultat der Manie, unsere Genussmöglichkeiten immer stärker zu reglementieren, den einzelnen bis ins Kleinste zu überwachen und ihm kein reifes und verantwortungsbewusstes Verhalten zuzutrauen.

Mauscheln erscheint in diesem Licht als Kompromiss zwischen Unterwerfung und Mündigkeit.

Mauscheln wir also weiter; noch besser aber: Werden wir mündig, behaupten wir uns selbstbewusst gegenüber unserem überstrengen Gewissen und setzen den politischen und administrativen Übergriffen in die individuelle Selbstverantwortung klare Grenzen.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»