Der aktuelle Stand des Irrtums

Wer «die Wissenschaft» unkritisch zur Rechtfertigung politischer Entscheide heranzieht, hat sie nicht ­verstanden. Denn wissenschaftlicher Fortschritt lebt gerade davon, Erkenntnisse in Frage zu stellen.

 

Nongqawuse war fünfzehn Jahre alt, als sie im Mai 1856 an ­einem Teich in Südafrika drei Geister sah. Das Mädchen ­erzählte, die Geister hätten ihr gesagt, dass die Toten auferstehen würden, wenn ihr Volk sein gesamtes Vieh töten würde. Es sei verhext. Auch die gesamte – ebenfalls verhexte – Ernte sollten die Xhosa vernichten. Am Tag nach der Zerstörung würden die toten Xhosa wiederauferstehen, um bei der Vertreibung der Weissen zu helfen. Die Xhosa schlachteten etwa 400 000 Tiere ihres Vieh­bestands. Doch die Toten erschienen nicht und damit auch keine gesunden Tiere. Zehntausende Xhosa verhungerten.

Junge Mädchen, die in unseren Tagen ein Volk oder gar die ganze Welt dazu veranlassen wollten, die Fundamente des Wohlstands von Grund auf zu verändern, könnten sich nicht mehr auf Geister berufen. Aufgeklärte, an der Wissenschaft orientierte moderne Menschen glauben nicht mehr an Geister. Wir glauben an Theorien, Experimente, Beobachtungen und Computermodelle.

Seit etwa 200 Jahren sind es die Wissenschaften, die den politischen Entscheidungsträgern Sprachregelungen und Deutungsanweisungen als Zugang zur «objektiven Wahrheit» bieten und ihnen den Weg in die Zukunft weisen. Wir folgen der Wissenschaft – manchmal so blind, wie die Xhosa den Anweisungen ihrer Geister gefolgt sind.

Terror der «sozialen Physik»

Die Ursprünge der wissenschaftlichen Soziologie gehen auf das 19. Jahrhundert zurück. Denker wie Henri de Saint-Simon, Auguste Comte oder auch Herbert Spencer verstanden die Gesellschaft als einen Organismus, der durch wissenschaftliche Methoden verstanden werden konnte. So wie sich die Bewegungen am Himmel und auf der Erde mit Newtons Mechanik verstehen, beschreiben und auch vorhersagen liessen, so sollten sich auch die Entwicklung und das Verhalten ganzer Gesellschaften mit Hilfe soziologischer Gesetze beschreiben und lenken lassen. Comte sprach von einer «sozialen Physik», die all dies ermöglichen sollte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren aus diesen Anfängen zwei wissenschaftliche Ideologien entstanden, die ganze Gesellschaften ins Unglück rissen. Beide behaupteten von sich, sie könnten die Zukunft einer Gesellschaft vorhersagen. Beide beriefen sich auf die Wahrheit der Wissenschaft und deterministische Gesetze. Beide fanden viele Anhänger, die bereit waren, für ihre Theorien über Leichen zu gehen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Eugeniker davon überzeugt, dass die Natur durch menschliches Handeln aus dem Gleichgewicht geraten sei. Mit Hilfe der Selektionstheorie Darwins glaubten sie beweisen zu können, dass Gesellschaften degenerieren und am Ende aussterben werden, die es ihren minderwertigen Mitgliedern erlauben, sich fortzupflanzen. Degeneration und Entartung von Gesellschaften konnten zwar nicht empirisch belegt werden, aber das machte nichts, denn sie konnten ja dank der Selektionstheorie sicher prognostiziert werden.

«Die wissenschaftliche Wahrheit» machte es möglich, Vermögen umzuverteilen, Heiratsverbote zu verhängen, Unschuldige auszugrenzen, einzusperren, zu sterilisieren, zu ermorden. Die Tötung von «Erbkranken» wurde nicht von den Nazis erfunden, sie wurde von Wissenschaftern und Politikern propagiert, die um das Wohl der Menschheit besorgt waren, noch bevor es Nazis überhaupt gab. Im freiheitlichen, demokratischen Schweden wurde ein Gesetz, das auf dieser «Wahrheit» basierte, erst im Jahr 1976 offiziell abgeschafft. Bis zu 30 000 Menschen waren zwangssterilisiert worden, um die Zukunft der Schweden zu retten.

Die zweite Ideologie,…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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