Der Agent der kleinen Dinge

SINFONIA Immer wieder hörte er «Die Schuldigkeit des ersten Gebots», Mozart musste es mit 11 Jahren schreiben, ein göttlicher Befehl möglicherweise. Was glaubte er in dieser Musik zu finden? Eine Lösung? Eine Erlösung? Angelo war in dieser Zeit an einem Punkt angelangt, von dem aus er geneigt war, die Ereignisse als eine Reihe von Folgen […]

SINFONIA

Immer wieder hörte er «Die Schuldigkeit des ersten Gebots», Mozart musste es mit 11 Jahren schreiben, ein göttlicher Befehl möglicherweise.

Was glaubte er in dieser Musik zu finden? Eine Lösung? Eine Erlösung?

Angelo war in dieser Zeit an einem Punkt angelangt, von dem aus er geneigt war, die Ereignisse als eine Reihe von Folgen anzusehen, obwohl jede Begebenheit einzeln und zufällig stattfindet und keine innere Logik aufweist. Es war sein Hirn, das das Ganze als eine Aneinanderreihung von einzelnen Augenblicken vorschlug und bloss behauptete, es gebe eine Vorbestimmung. Er empfand die Schuld der Geburt, die ihn seiner Meinung nach zu einem so vorgezeichneten Leben geführt hatte.

Angelo sass im Regionalzug, der ihn zu seinem neuen Wohnort, zu seiner kleinen Wohnung führen sollte.

Nach der heftig verlaufenen Trennung von Frau und Kindern – ihm waren die Sicherungen durchgebrannt –, die ihm unter anderem ein Begegnungsverbot für vier Monate eingebrockt hatte, beschloss er, sich zurückzuziehen. Zurückzuziehen in ein kleines Dorf im Emmental, denn dort schien ihm seine neue Einsamkeit erträglicher zu sein, da dem Emmental die Einsamkeit schon rein wortmalerisch eingeschrieben ist. Auch seine Stelle hatte Angelo verloren, und zuletzt gar jene unbestimmbare Kraft, die aus einer schlecht ausgeleuchteten Stelle seines Universums stammen musste, dieser Antrieb, der ihn stets zum Schreiben brachte. Kurzum: Angelo war am Rand angelangt. Und an diesem Rand erfuhr er vom Tod des Schriftstellers Jakob Arjouni und – damit verbunden – auch vom Tod dessen Privatdetektivs Kajankaja.

In der lokalen Wochenzeitung hatte er aus Jux (welch ein fröhliches Wort!) ein Inserat veröffentlichen lassen:

«Suche meinen ersten Fall. Arbeite ernsthaft, diskret und natürlich günstig. Angelo, Agent der kleinen Dinge: 502 40 22»

Wenn es eine Konstante in meinem Leben gibt, ist es die, dass ich immer zu spät komme. «Angelo kommt zu spät.» Meine Mutter erzählte mir, dass ich schon bei der Geburt Verspätung hatte. Ich lag, wie man sagt, auf dem Trockenen und wollte nicht raus.

Schon vor Jahren hatte ich davon geträumt, ein Agent zu werden, ein Privatdetektiv, ein cooler Siech, einer, der alles lösen kann. Dafür hätte ich sogar das Schreiben geopfert, meine Seele hergegeben, mein innerstes Licht. Und nun, da ich endlich den Schritt wage, realisiere ich, dass eigentlich schon alle Agenten sind – einige Kollegen haben diese Phase gar schon hinter sich gebracht und sind wieder zum Schreiben zurückgekehrt. Ich komme mir vor wie die alte Fasnacht.

Die löblich’ und gerechte Bitte

Aus dem Rot-Grün von Sloterdijks «Zorn und Zeit» drohte der Einkaufs-Post-it mit drei Wörtern: «Du wirst sterben.» Darunter: das Unicef-Logo.

Barbara sass am anderen Ende des Tisches und versuchte, Reaktionen auf dem Gesicht des Detektivs zu entdecken. Er hatte keine. Auch nicht, als sie ganz nahe kam, als er ihren warmen, angenehmen Atem spürte.

Auch Angelo hatte gehört, dass man auf die Mikrobewegungen im Gesicht achten muss, um die Wahrheit herauszufinden. Doch auch er konnte nur ausgeglichene Züge erkennen.

– Und natürlich wissen Sie nicht, woher die Botschaft da stammen könnte?

– Keine Ahnung, ich habe das Buch in der Brockenstube des Frauenvereins gekauft. Der Zettel war schon drin, auf Seite 46. Ich konnte ihn nicht wegwerfen.

Pause.

– Und dann fing es an, mich zu bedrohen. Es liess mir keine Ruhe mehr!

Es?

– Es, die Drohung!

Erneute Pause. Weiterhin keine Regungen in den Gesichtern.

– Kennen Sie das Buch?

– Ich lese keine Bücher, ich lese nur Packungen, wenn ich frühstücke. Käse, Milch, Butter.

Ein Lächeln umgab seine Lippen, er dachte an seinen berühmten Kollegen in Frankfurt. Diese Antwort hätte auch von ihm stammen können. Und dann: Endlich! Schaute sie ihn an, als sei er…

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»