Denkpause unter der Dusche

«Freude herrscht!», rufe ich aus, wenn ich Post von Lesern dieser Kolumne erhalte. Ein geistreicher Leser schrieb mir, der Manager habe gar keine Zeit zum Reflektieren, weil er täglich Leistungen erbringen müsse; das mit dem Nachdenken werde leider oft wiederholt und sei «kalter Kaffee». – «Ja, kalter Kaffee soll schön machen», schrieb ich zurück, fügte […]

«Freude herrscht!», rufe ich aus, wenn ich Post von Lesern dieser Kolumne erhalte. Ein geistreicher Leser schrieb mir, der Manager habe gar keine Zeit zum Reflektieren, weil er täglich Leistungen erbringen müsse; das mit dem Nachdenken werde leider oft wiederholt und sei «kalter Kaffee». – «Ja, kalter Kaffee soll schön machen», schrieb ich zurück, fügte jedoch hinzu, dass ich tatsächlich der Meinung, ja der Überzeugung bin, dass es jedem Manager zu empfehlen sei, ganz bewusst nachzudenken, wenigstens ab und zu. Jede Führungskraft muss viele Leistungen erbringen, das heisst – und hier stimme ich unserem Leser zu – unter anderem die Erwartungen aller Anspruchsgruppen, von den Mitarbeitern bis zu den Aktionären, erfüllen. Das bedeutet, dass wir täglich 16 000 bis 20 000 Entscheidungen treffen. Nun ist wissenschaftlich erwiesen, dass wir mehr als 90 Prozent aller Entscheide intuitiv, also erfahrungsbasiert fällen. Aufgrund unserer Kenntnisse und Erfahrungen im Umgang mit Menschen und Sachfragen entscheiden wir in der Regel «bauchgestützt», auch wenn wir die Entscheidung im Nachhinein mit rationalen Argumenten begründen. In der Mehrheit der Fälle liegen wir richtig. Manchmal aber, und dies kann vor allem im ermüdeten Zustand, unter Stress oder Zeitdruck geschehen, können wir falsch liegen. Deshalb ist es erstens wichtig, dass wir zuvor ein (Unternehmens-)Klima geschaffen haben, das es anderen Personen in unserem Umfeld ermöglicht, uns zu widersprechen. Und zweitens tut es not, gelegentlich unsere Aktivitäten zu unterbrechen und nachzudenken. Hanna Arendt hat darauf hingewiesen, dass das Denken alle Tätigkeiten unterbricht. Nachdenken, also reflektieren oder sich besinnen, gibt dem einzelnen den Raum, Optionen zu analysieren und Handlungsstränge nach möglichen Chancen und Risiken zu untersuchen. Dieses Denken erfordert Ruhe und Konzentration. Ich kenne die Hektik des Alltags aus eigener Erfahrung und fordere deshalb nicht, das täglich zu tun, sondern dann, wenn es möglich ist, beispielsweise im Flugzeug, während einer längeren Zugfahrt, nach dem Sport und der wohltuenden Dusche oder auf einem Spaziergang. Dieses bewusste Denken ist nötig, hat mit Esoterik nichts zu tun und würde viel Unheil auf dem C-Level von Unternehmungen vermeiden.

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«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
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