Den Wind im Rücken

Wie die zunehmende Verzahnung von Wissenschaft und Technologie unseren Fortschritt beschleunigt – und warum das kein Grund zur Sorge, sondern für rationalen Optimismus ist.

Den Wind im Rücken
Joel Mokyr, zvg.

Nichts versetzt Ökonomen schneller in einen depressiven Zustand als eine Rezession. Ähnlich wie zum Ende der 1930er Jahre sind auch gegenwärtig wieder viele meiner Kollegen davon überzeugt, dass uns anhaltend traurige Zeiten bevorstehen.

Wachstumsraten, wie wir sie über weite Teile des 20. Jahrhunderts gesehen haben, so ihr Tenor, seien unwiederbringlich Vergangenheit – unsere Kinder, ergänzen sie, würden zum ersten Mal seit Jahrzehnten nicht reicher werden als ihre Eltern. Viele der besten Ökonomen unserer Tage, darunter Larry Summers, Paul Krugman oder mein Kollege Robert J. Gordon, stimmen in diesen Chor ein, wenn sie behaupten, die Weltwirtschaft habe es heute mit enormen Gegenwinden zu tun, die das Wachstum bremsten – und letztlich gar das Potenzial hätten, zu anhaltendem weltweitem Stillstand zu führen.

Auf den ersten Blick scheint viel für diese Theorie zu sprechen: die Weltbevölkerung wird zunehmend älter, während ihr arbeitender Anteil (der, der die Älteren einmal versorgen soll) immer kleiner wird. Die einzige Ausnahme von dieser Regel ist Afrika. Die grossen Wachstumsschübe nach 1945, möglich geworden durch Millionen Frauen, die endlich ins Arbeitsleben eintraten, und durch einen unglaublichen Zuwachs an gebildeten Schulabgängern, erscheinen heute als einmalige «Booms», deren Geschichten sich in absehbarer Zeit nicht wiederholen dürften. Tief spaltende ökonomische Ungleichheiten tun sich auf und verstärken dieses demographische Problem zusätzlich. Das langsame Wachstum, so sagen es die Untergangspropheten aus aller Welt, begleite uns auf unserem Weg in eine ungewisse Zukunft.

Was stimmt an dieser Geschichte nicht? Die Ein-Wort-Antwort lautet: Technologie. Die Aufgabe von Wirtschaftshistorikern wie mir ist es deshalb, die Welt an die Zeit vor 1800 zu erinnern. Was ist an ihr so besonders? Nun, das damalige Wachstum war so langsam, dass man es kaum feststellen konnte. Und ein Grossteil der damaligen Weltbevölkerung war so arm, dass auch nur der kleinste Unterbruch der Versorgungskette – etwa durch eine schlechte Ernte – zum Tod von Millionen führen konnte. Beinahe die Hälfte der damals neugeborenen Kinder erreichte das fünfte Lebensjahr nicht, und diejenigen, die das Glück hatten, erwachsen zu werden, waren nicht selten unterentwickelt, krank und ungebildet. Was diese Welt unwiederbringlich veränderte, war Wachstum – angetrieben von technologischem Fortschritt: Zu Beginn des 18. Jahrhunderts begannen Innovationen und das, was man damals «die sinnvollen Künste» (Verarbeitung und Handwerk) nannte, die Leben der Menschen zu verbessern. Sehr langsam zunächst, und zu Beginn auch nur in England, dann aber im Rest Europas – und schliesslich auf der ganzen Welt. Diese Geschichte ist schon tausendmal erzählt worden, sicher. Aber der Ökonomienobelpreisträger Robert Lucas hatte recht, als er einmal sagte: Sobald man begonnen habe, darüber nachzudenken, werde es schwierig, über irgendetwas anderes nachzudenken.

Die Frage ist also nicht, wann, sondern warum das passiert ist. Wieder die Kürzestform: wissenschaftlicher Fortschritt. Die Interaktion von Wissenschaft und Technologie ist eine raffinierte und komplexe Sache, abhängig von Zeit, Ort und Kultur. Es gibt nur wenige Zweifel daran, dass sich Technologien auch ohne wissenschaftliches Wissen um die ihr zugrunde liegenden Techniken entwickeln können. Aber ein solcher Fortschritt ist stockend und langsam – er resultiert unweigerlich in schwindenden Erträgen und kommt schliesslich gänzlich zum Erliegen. Nach 1750 allerdings weitete sich die erkenntnistheoretische Basis verschiedener Technologien. Es gab nicht nur neue Produkte und Techniken, es setzte sich auch ein Verständnis für die Funktionsweise älterer Techniken durch, die es möglich machten, den Wert raffinierterer, weniger anfälliger, also verbesserter Technik überhaupt zu erkennen. Diese deutlich verbesserten Techniken konnten sich daraufhin untereinander ergänzen und in neuen Kontexten benutzt werden, was deren Effektivität steigerte. Kurzum: wissenschaftlicher Fortschritt führte zu einem Produktivitätswachstum, und dieses wiederum führte ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem dramatischen Anstieg des Wohlstands weiter Bevölkerungsschichten. Dabei handelte es sich um einen langwierigen Prozess, weil die meisten…