Demokratie. Der Gott, der keiner ist

Warum sieht es in einem normalen Vorgarten ordentlicher aus als in einer verschmutzten U-Bahnstation? Die Antwort ist einleuchtend: Der Vorgarten ist Privateigentum. Die U-Bahnstation ist öffentlich zugänglich. Im Gegensatz zu «öffentlichen Gütern» findet man bei privaten Besitztümern jemanden, der klar verantwortlich ist, der ein Interesse am Erhalt hat und der andere von der Benutzung ausschliessen […]

Warum sieht es in einem normalen Vorgarten ordentlicher aus als in einer verschmutzten U-Bahnstation? Die Antwort ist einleuchtend: Der Vorgarten ist Privateigentum. Die U-Bahnstation ist öffentlich zugänglich. Im Gegensatz zu «öffentlichen Gütern» findet man bei privaten Besitztümern jemanden, der klar verantwortlich ist, der ein Interesse am Erhalt hat und der andere von der Benutzung ausschliessen kann, womit er «Übernutzung» verhindert. Der aus Deutschland stammende und heute in Las Vegas lehrende Ökonom Hans-Hermann Hoppe hat in seinem Buch «Demokratie. Der Gott, der keiner ist» diese jedem Wirtschaftswissenschafter geläufige Einsicht mit geradezu gnadenloser Konsequenz auf den Staat an sich – genauer: den demokratischen Staat – angewandt.

Man könnte dieses Thema zahm angehen, indem man auf die Tendenz in Demokratien hinwiese, dass die politische Klasse Stimmen kaufen müsse, um zu überleben, was zu hohen Steuern und vielen Schulden führe. Dem würden Vorschläge folgen, wie man durch Verfassungsschranken einige dieser Missbräuche abmildern könne. Hoppe, von seiner ganzen Natur her ein Radikaler und Provokateur, findet diesen Ansatz nicht tiefgehend genug. Er stellt das Spiel der Demokratie prinzipiell in Frage, weil in ihr eben per se die klaren Verantwortlichkeiten, die bei individuellem privatem Eigentum selbstverständlich sind, zur kollektiven Verantwortungslosigkeit degenerierten.

Um die von der Mehrheit der Liberalen aufrechterhaltene Idee gründlich zu desavouieren, dass Liberalismus und Demokratie irgendwie eng zusammengehörten, erläutert Hoppe erst einmal ausführlich, warum er glaubt, dass selbst die Monarchie liberaler sei als jede Demokratie. Der Monarch sei immerhin individueller Eigner seiner Macht, er habe Interesse an Erhalt und Pflege seines Landes, und er sei persönlich zur Verantwortung zu ziehen. Während in demokratischer Politik grundsätzlich einer kurzfristigen Perspektive gefolgt werde, habe ein Monarch viel eher das langfristige Interesse des Landes im Auge. Mit dieser These, die geradezu erschreckend gut begründet wird, ist der Leser erst einmal auf ungewohnte Lesekost eingestimmt. Indes, die Idee, dass die Monarchie der Demokratie in Sachen Effizienz und Freiheitsverträglichkeit überlegen sei, bildet erst die Überleitung zum eigentlichen Kern des Buches. Hoppe ist kein Monarchist; er hält die Monarchie für die zweitbeste Lösung. Die beste Lösung wäre für ihn der Anarchismus.

Den Anarchismus wird indes der Durchschnittsbürger eher mit extremem Linksradikalismus gleichsetzen. Allenfalls am radikalen Rand der Liberalen, bei den Libertären (aus deren Reihen Hoppe kommt), findet man bisweilen noch eine individualistische Variante des Anarchismus. Aber kann man auch Konservative für den Anarchismus gewinnen? Das Lob der Monarchie, so scheint es, soll genau zu dem Versuch überleiten, dies zu tun. In einer staatfreien Welt, argumentiert Hoppe, sei eben alles privat und nichts öffentlich. Dieser Ultrakapitalismus führe dazu, dass verantwortlich gehandelt würde. Alle Beziehungen beruhten auf Freiwilligkeit. Es gäbe keine staatlichen, sondern nur noch Vertragsgemeinschaften. Diese brächten eine «natürliche Ordnung» hervor, weil eine Privatgemeinschaft nicht jedermann aufnehmen müsse, wie die öffentliche, sondern völlig legitim ausgrenzen könne, wen sie wolle. Eine Welt wie der Vorgarten… Hier schwelgt Hoppe in Dimensionen, die wohl dem reaktionärsten unter den Wertkonservativen die Anarchie schmackhaft machen könnten. Keine Schwulen, Hedonisten oder Ausländer müsse man im anarchisch-libertären Zustand mehr unter sich dulden. Hoppe scheut keinen grausamen Tabubruch und verstösst gegen die political correctness bis zur Schmerz- und Ekelgrenze.

Allein diese sichtbare Wonne an der Rolle des en-fant terrible hat Hoppe und seinem Buch in Amerika zu Kultstatus verholfen. Man kann trotzdem seine Zweifel haben. In einer völlig privatisierten Welt – wenn sie denn möglich wäre – hätten doch wohl auch die «Auszugrenzenden» ihre Privatwelten. Der bisweilen zum Menschenverachtenden tendierende Ton des Buches mag zahlreichere liberal oder libertär gesonnene Leser verschrecken als konservative hinzugewinnen.

Trotzdem kann nicht bestritten werden, dass Hoppes Buch Fragen aufwirft, die ansonsten gerne vermieden werden, etwa die, dass zwischen Liberalismus und Demokratie tatsächlich ein tiefes Spannungsverhältnis herrscht. Oder vor allem, dass die Ausdehnung der öffentlichen Sphäre, die durch die Demokratie immens befördert wird, tatsächlich die Moral untergräbt. Das Privateigentum ist auch von seinen liberalen Befürwortern in seiner moralschaffenden Dimension noch nicht hinreichend erkannt worden. Darüber nachzudenken lädt Hoppes provokantes Buch gewiss ein.

Dr. Detmar Doering, geboren 1957, ist Leiter des Liberalen Instituts der Friedrich-Naumann-Stiftung in Potsdam.

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