Demographie und Politik

Emmanuel Todd L’illusion économique Gallimard 1998, deutsche Übersetzung mit unzulänglichem Titel und teilweise unsorgfältig lektoriert: «Die neoliberale Illusion. Über die Stagnation der entwickelten Gesellschaften. Zürich: Rotpunktverlag, 1999. Emmanuel Todd Weltmacht USA. Ein Nachruf München: Piper, 2004. Emmanuel Todd gilt den Rechten als Linker und den Linken als Rechter. Gleichwohl sitzt er nicht zwischen Stuhl und […]

Emmanuel Todd

L’illusion économique

Gallimard 1998, deutsche Übersetzung mit unzulänglichem Titel und teilweise unsorgfältig lektoriert: «Die neoliberale Illusion. Über

die Stagnation der entwickelten Gesellschaften. Zürich: Rotpunktverlag, 1999.

Emmanuel Todd

Weltmacht USA. Ein Nachruf

München: Piper, 2004.

Emmanuel Todd gilt den Rechten als Linker und den Linken als Rechter. Gleichwohl sitzt er nicht zwischen Stuhl und Bank. Im Verkauf erreichen seine Bücher – zuletzt «Weltmacht USA. Ein Nachruf» – Bestseller-Auflagen. Seine ökonomischen Ansichten, vor allem die vielkolportierte These vom unwiderruflichen Niedergang der USA auf Grund ihres Handelsbilanzdefizits, stehen auf eher schwachen Füssen. Sein anthropologisch-demographischer Ansatz aber hat inhaltlichen Tiefgang und kann die historische und zeitgenössische Debatte durchaus befruchten.

Todd thematisiert anthropologische Grundbedingungen, die individuellen Entscheidungen etwa bezüglich Geburt oder Heirat zugrunde liegen, aber überindividuell und auf Grund des Gesetzes der grossen Zahl für eine ganze Gesellschaft aussagekräftig sind. Als «grosse bewegende Kräfte» sieht er Demographie und Bildung. Jene ist unbewusst und überindividuell, wirkt über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende und vor allem in der Familie. Die Bildung wiederum ist unterbewusst, gilt für Generationen und in nationalem Rahmen. Die heute überbewertete Ökonomie ist bewusst reflektiert und global, aber von kurzfristigem Einfluss.

Schlüsselvariable im Kontext der Anthropologie ist die Familienstruktur. Geprägt wird sie nach Todd erstens durch die Eltern-Kind-Beziehung, die nach Massgabe ihrer Intensität und dem Verbleib in der Familie offen und liberal («Kernfamilie») oder autoritär («Stammfamilie») sein kann; zweitens durch die vor allem in den Erbbräuchen sich ausdrückenden Geschwisterbeziehungen (Alleinerbe oder Gleichbehandlung, Unbestimmtheit durch die den Eltern überlassene Testierfreiheit); drittens durch die Regeln bezüglich der Heiratsmöglichkeit zwischen Cousins und Cousinen (exogam oder endogam).

Die jeweilige Zuordnung dieser Kriterien ergibt folgende Familientypen und deren geographisch-nationale Hauptverbreitung: (siehe Tabelle)

Die Aufstellung zeigt einige nationale Flickenteppiche, die mitunter politisches und gesellschaftliches Konfliktpotential enthalten oder traditionell auch entfalten. Selbstverständlich finden auch Abschleifungen und Verbindungen statt. Die erstaunlichsten ereignen sich wohl mit den verschiedenen Integrationswellen in den USA, wo beinahe «hysterische(r)» Anpassung(sdruck) herrscht. Dort vollzieht sich besonders stark – innerhalb von drei Generationen – eine Absorption, nicht selten aber auch ein Amalgam gegensätzlicher Familientypen. Im Falle Japans hat der westliche Modernisierungsdruck im 20. Jahrhundert zu einer stärker exogamen Familie geführt. Auch die ohnehin offenere jüdische Familie legt ihren endogamen ebenso wie ihren inegalitären Zug mehr und mehr ab.

Bildung und revolutionäres Potential

Die diversen Familientypen unterscheiden sich nach ihren Bildungsgewohnheiten. Die stärker integrativen Stammfamiliensysteme bevorzugen längere Studienzeiten, während die individualistischere Kernfamilie zu kürzeren Leistungen und Unterstützungen tendiert. Das hat nicht zuletzt demographische Auswirkungen. Mit dem hohen Bildungspotential der Stammfamilien geht tendenziell eine niedrige Fruchtbarkeitsrate einher; für Todd besteht eine «strukturelle Einheit» zwischen den beiden charakteristischen Elementen der Stammfamilie.

Demgegenüber haben Grossbritannien und die USA nicht nur höhere Geburtenraten (selbst in den weissen Bevölkerungsteilen), sie befinden sich vor allem auch – Todd ist hier in guter Gesellschaft mit einigen eher konservativen amerikanischen Autoren, belegt seine Thesen aber eindrücklich auf eigene Weise – in einem kulturellen Niedergang, und zwar seit den fünfziger Geburtenjahren des 20. Jahrhunderts. Der grossflächige Studieneignungstest SAT in sprachlichen und mathematischen Fächern, die Anzahl der Hochschulabschlüsse allgemein, vor allem aber die Anzahl der naturwissenschaftlichen und technischen Diplome sprechen hierzu eine eindeutige Sprache. Die USA werden heute namentlich von Stammfamilien-Bildungsnationen überholt, die der Neuen Welt früher durch ihre Immigrantenströme deutliche Vorsprünge ermöglicht hatten.

Es ist noch auf einen weiteren, für Todd historisch und weltweit relevanten Bildungsaspekt hinzuweisen. Der Fortschritt, die geistige (und politische) Modernisierung sind geprägt durch Alphabetisierung und Verbreitung der Geburtenkontrolle, die im übrigen sehr oft zusammengehen – denn die Geburtenkontrolle greift dann, wenn auch Frauen lesen, schreiben und rechnen können. Allerdings verläuft diese Entwicklung nicht einfach im Sinne einer Einbahnstrasse, sondern ist zwingend geprägt von «Übergangskrisen» im Zuge der Zerstörung des früheren Gleichgewichts von Analphabetismus, hohen Geburtenzahlen und hoher Sterblichkeit. Dies erklärt auch die notgedrungen damit einhergehende Entwurzelung des Einzelnen und damit eine temporäre Destabilisierung der Gesellschaft(en), die in politischen und ideologischen Aufruhr münden, ja die Haupterklärung für Revolutionen seit der englischen im 17. Jahrhundert abgeben. Die beim Individuum ablaufenden Phasen der Revolution sind: erstens, Entwurzelung (etwa wenn ein Kind plötzlich mehr weiss als seine Eltern, sogar – horribile dictu – eine Tochter mehr als ihr Vater) und, zweitens, Neubestätigung und Festhalten an Familienstrukturen.

Natürlich laufen die jeweiligen Ver-änderungen unterschiedlich ab, im Verarbeiten des Individualisierungsschubs etwa, und gibt es anthropologisch bedingte Besonderheiten sogar in den «Vereinten Nationen von Europa» – vor allem in den tiefen Geburtsraten von Deutschland, Italien und Spanien, die Todd aus einer aus dem früheren Autoritarismus erhaltene, passivere Einstellung zum Leben erklärt, aber auch durch die aufgewertete Stellung der Frau im Berufsleben, vornehmlich in Italien. Dennoch entwickelt sich die «demokratische Konvergenz», bei aller Vielfalt der Spielarten, fast als geschichtliches Gesetz (Todd hat denn auch eine hohe Meinung von Fukuyama, zeiht ihn aber der völligen Ausblendung von Bildung und Demographie).

Wirtschaft als Reflex von Familien-

strukturen

Die heute globalisierte, kurzfristige, bewusst wahrgenommene und den Alltag immer mehr prägende Wirtschaft ist durch Bildung, vor allem aber durch die zugrundeliegenden Familienstrukturen bedingt. Für Todd leidet die Weltwirtschaft an einer ungenügenden Nachfrage. Die Krisen des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts waren insbesondere solche der stark industriell-produktiven Stammfamiliengesellschaften Japan und Deutschland. Der Kapitalismus von Stammfamiliengesellschaften neigt zu Protek-tionismus und autoritären Firmenstrukturen; solche Gesellschaften haben aber auch, wie durch einen eingebauten genetischen Code bestimmt, ein instinktives Verständnis für (ursprünglich bäuerlich-)ausgewogenes Wirtschaften. Ihr grosses Problem ist und bleibt das Defizit beim Bevölkerungswachstum.

Die USA und ihr individualistischer Kapitalismus erscheinen dagegen nur vordergründig als Sieger. Die extrem auf Dienstleistung ausgelegte Wirtschaft hat mit den meisten Ländern der Welt eine negative Handelsbilanz und ist recht eigentlich auf (Über-)Konsumtion, ja Ausbeutung nicht nur der natürlichen Ressourcen, sondern auch der übrigen Weltwirtschaft ausgelegt. Die USA verlieren – infolge der obenerwähnten Bildungskrise – immer mehr auch im technologischen Spitzenbereich (Ausnahme Waffentechnologie). Ihre Dienstleistungen, oft auch Ausfluss gesellschaftlicher Dysfunktionen (Ausgabenanteil für Gesundheitswesen ohne konkrete Ergebnisse, horrende Anwaltshonorare, private Sicherheitsdienste) sind auf dem Weltmarkt nicht eigentlich handelbar; in Entsprechung dazu sind auch die makroökonomischen Kennzahlen, verstärkt noch durch die gigantischen Buchungsbetrügereien, ohne wirkliche Aussagekraft. Letztlich, meint Todd – der sich verschiedentlich zu einer Präferenz für einen «intelligenten», nämlich innernational liberalen Protektionismus, einem Revival von Friedrich List, bekennt –, gebe es kein wirklich gut funktionierendes Wirtschaftssystem.

Todd hat eine hohe Meinung von politischen Ideologien und führt auch sie letztlich zurück auf anthropologische Familienstrukturen: den Liberalismus auf die frühe wechselseitige Unabhängigkeit von Eltern und Kindern, die Französische Revolution auf den liberalen Austausch und die agrarische Geschwistergleichheit im Pariser Becken, den russischen, auch kommunistischen Autoritarismus auf die ewige Vatergewalt über den Sohn, bei gleicher Behandlung der Söhne, den Faschismus und Nationalsozialismus auf die autoritär-inegalitäre deutsche, (abgeschwächt) aber auch japanische und schwedische Familie, schliesslich bestimmte Aspekte des islamischen Radikalismus auf die endogam-egalitäre Gemeinschaftsfamilie.

Durch ein vor allem in Frankreich ausgeprägtes «Nulldenken» – die Verweigerung jeglicher Infragestellung und Akzeptanz sogenannter Sachzwänge selbst bei den Bildungseliten – sieht Todd heute Ideologien sterben, und dies mit verheerenden Konsequenzen für die Politik. Der neue Typus des Politikers ist völlig gehaltlos, getrieben von Meinungsumfragen – diese Leute sind «soziologisch reduziert zu Zwergen». Kaum haben sie durch vollmundige, von geölten PR-Maschinen propagierte Versprechen ihre Wahlkämpfe gewonnen, entpuppen sie sich als hoffnungslos gewöhnliche Menschen, die ebenso politisch unentschieden und unfähig sind wie ihre Wähler. Sie werden zu «hirnlosen Robotern» – eine metaphorische Fiktion, der Arnold Schwarzenegger nun realen Gehalt zu verleihen scheint –, als Regierungschefs aber zu «resignierten oder zynischen Beobachtern einer sie überfordernden Geschichte». Im besten Fall, der weitgehend auch Normalfall ist, bleibt dies wirkungslos und somit alles beim alten; in der schlechteren Spielart werden sie, selbst in der konstitutionellen Demokratie, hemmungslos weiter ihre eigenen, persönlichen Interessen verfolgen (Berlusconis Justiz- und Mediengesetze), ihre Phobien pflegen (wiederum Berlusconi, gegen die Justiz oder den Import von Spinnen) oder aber mit der Unberechenbarkeit einer «Strategie des Verrückten» (oder des «Alkoholikers») Kriege vom Zaune reissen (Bush).

Exemplarische Nationen:

Frankreich und USA

Todd hat in seinen Werken schon verschiedene Nationen analysiert. 1976 etwa sagte er in «La chute finale» auf Grund eines leichten Anstiegs der Säuglingssterblichkeit von 1970 bis 1974 den Untergang der alten Sowjetunion voraus. Russlands weiteres Schicksal bleibt in der Schwebe.

Frankreich hat auf Grund der Koexistenz zweier Familienstrukturen eine komplexe politische Parteienlandschaft. Beide Strukturen lehnen die im anglo-amerikanischen Bereich gängige Fragmentierung der Gesellschaft ab, stehen sich aber bezüglich (Un-)Gleichheit diametral entgegen. Le Pen ist zwar ein aus dem nationalen ideologischen System Ausgegrenzter, nimmt aber wirkungsvoll ein inegalitäres, tendenziell rassistisches degeneriertes Erbe des durch Dreyfus-Affäre und Vichy kompromittierten autoritären Katholizismus des peripheren Stammfamilientyps wieder auf. Massiv im Wählerreservoir der sukzessive zusammengefallenen kommunistischen und sozialistischen Linken wildernd, kann er als Ausgegrenzter ständig die Werte des Egalitarismus reklamieren und eben diese Werte gleichzeitig mit seinem Rassismus gegenüber Einwanderern pervertieren. «Die Unterstützung der einfachen Bevölkerung für den Front National stellt nichts weiter dar als eine Art harten Kerns der Entfremdung», und zwar prozentual bemerkenswert stark in der jungen Bevölkerung. Letztere kann mit dem weichen und oft auch selbstgefälligen Diskurs über Menschenrechte und Demokratie, bei gleichzeitig knallharter wirtschaftlicher Ausgrenzung durch die Eliten, nichts mehr anfangen.

Vor allem in seinem letztjährigen Bestseller gilt die kritische, «deklinistische» Aufmerksamkeit Todds aber den USA. Er versteht seinen unlängst auf der Basis langjähriger anthropologischer Studien niedergeschriebenen Essay als eine Untersuchung zur Neuordnung des Verhältnisses von Amerika zur übrigen Welt und macht die «sichere Voraussage, dass es im Jahr 2050 die Weltmacht USA nicht mehr geben wird». Warum? Weil die Amerikaner heute der Kontrolle der planetarischen Ressourcen den Vorzug geben vor der Sicherung der Menschenrechte und darum gefangen sind in einem «theatralischen [Mikro-]Militarismus» – nicht aus einer Position der Stärke, sondern im Gegenteil der Schwäche, weil es nach dem weltweiten Siegeszug der Demokratie die Übermacht der USA nicht mehr braucht.

Den USA fehlen nämlich zwei entscheidende imperiale Ressourcen, die wahre Weltreiche wie Rom oder prätendierte wie die im lokalen Raum verwirklichte UdSSR auszeichneten. Einmal haben sie ungenügende Zwangsmittel, um den notwendigen Tribut – den phoros des Athenischen Seebundes – einzufordern. Dem Tributäquivalent am nächsten kommt noch die Bezahlung von Waffenexporten, doch erfolgen diese Zahlungen grundsätzlich liberal und auf spontanem Weg. Und zweitens mangelt es der amerikanischen Ideologie an Universalismus, konkret am Bestreben, alle unter die Reichsgewalt fallenden Menschen als Gleiche (und sei es nur gleiche Untertanen) zu betrachten – was historisch eine Stärke Roms oder der Sowjetunion, aber ein Unvermögen Athens darstellte. Hier kommen die zugrundeliegenden Familienstrukturen wieder zum Tragen, die im Falle von Polarisierung zu radikaler Differenzierung und Diskriminierung neigen, zur Ausgrenzung und grundsätzlichen Geringschätzung des Anderen, wobei «die Geschichte der Vereinigten Staaten wie eine Abhandlung über die Verschiebung dieser Grenze gelesen werden» kann.

Letztlich ist wohl gerade die Fixierung auf den Islam als Hauptfeind konsequent für diese Entwicklung. Amerika, oder zumindest seine politische Elite, ist zunehmend unfähig, die Araber überhaupt als menschliche Wesen wahrzunehmen. Es befindet sich in einem Kreuzzug gegen eine anthropologische Gegenwelt und spitzt einen anthropologischen Kon-flikt, eine irrationale Konfrontation über Familienstrukturen, deren Über- oder Unterlegenheit nicht beweisbar ist, zu einem kriegerischen zu. Während die amerikanische Familie um den Kern zentriert und individualistisch ausgerichtet ist (mit gehobener Stellung der Frau), umfasst die arabische eine erweitere Gemeinschaft mit patrilinearem Erbrecht und maximaler Abhängigkeit der Frau – und die in der angelsächsischen Welt besonders tabuisierten Eheschliessungen zwischen Cousins und Cousinen sind hier besonders beliebt. Für Todd ist es nicht zuletzt auch der amerikanische Feminismus, der zunehmend dogmatisch und gegenüber anderen Kulturen intoleranter wird und damit diese Haltung mitprägt.

Diese Bilanz zeigt, dass Todd ein ungemein stimulierender Denker ist. Immer wieder gewinnen wir mit seinem tiefschürfenden, demographisch-anthropologischen Ansatz einen ganz ungewohnten Blick auf scheinbar vertraute Dinge, die dann in einem neuen Licht erscheinen. Manchem wäre im Detail nachzugehen, nicht zuletzt einer Neigung zum Determinismus oder zu ökonomischen Vereinfachungen. Den Vor-wurf des Antiamerikanismus weist er weit von sich und ironisiert auch gerne die «notorischen» und «strukturellen» Antiamerikaner. In der Tat begeistert er sich selbst für das grosse Amerika von 1950–65 als «Reich des Guten», dort allerdings wieder McCarthy, den Klu Klux Klan oder jenen Präsidenten übersehend, der in der freien Welt das politische Idol einer ganzen Generation war, heute aber im Lichte der neueren Forschung wegen seiner täglichen Medizin- und Amphetamindosen und annähernd täglichen Versorgung mit Damen durch die Mafia als eines der grössten weltpolitischen Risiken des 20. Jahrhunderts erscheint. Solche Vorbehalte können der Stimulanz von Todds Werken aber nicht wirklich Abbruch tun.

«Die Zeitschrift für unabhängige
und selbstverantwortliche Individuen!»
Werner Kieser, Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»