Dem Künstler gibt’s der Herr im Schlaf

Der Künstler: ein Leben zwischen Prekariat und Übersubventionierung, je nach Gesellschaft Aushängeschild oder Reizwort. San Keller nimmt sich des Berufsstandes künstlerisch an und überlegt, was Künstler und Dentalassistentinnen gemeinsam haben.

Dem Künstler gibt’s der Herr im Schlaf

San, du kommst gerade von der Berufsmesse Zürich, an der du den Beruf des Künstlers neben anderen Berufsbildern wie Dentalassistentin, Grafiker, Koch, Spengler oder Zimmermann präsentiert hast. Was macht dort die Kunst?

Die Aktion dient der Vorbereitung für meine kommende Einzelausstellung im Zürcher Helmhaus im Mai. Dort möchte ich mitunter den Beruf des Künstlers thematisieren. Zunächst dachte ich an eine Messe im Museum, aber so rum ist es noch konsequenter. Wir zeigen in der Ausstellung nun eine Dokumentation der Aktion an der Berufsmesse.

War es einfach, einen Stand an der Messe zu bekommen, musstest du die Messeleitung überzeugen?

Das war nur ein Anruf. Bezahlt haben wir wie ein «normaler» Beruf. Eine Woche davor kam dann aber doch die Rückfrage, was wir denn eigentlich wirklich machen würden.

Und was habt ihr gemacht?

Ich habe mich da nicht selbst ausgestellt, sondern war zusammen mit dem Kurator Daniel Morgenthaler von der Helmhaus-Ausstellung für Rahmen und Betreuung von fünf eingeladenen Künstlern und Künstlergruppen verantwortlich. In dem Sinne hatte ich auch eine Kurator-Aufgabe. An jedem Tag der Messe wurde eine andere künstlerische Position präsentiert: Pedro Wirz, Christian Vetter, Marina Belobrovaja, Marianne Oppliger und Sophie Hofer, die zusammen aufgetreten sind – sowie die Mediengruppe Bitnik. Bereits im Vorfeld haben wir mit allen ein Gespräch geführt, in dem es darum ging, was ihre Kompetenzen als Künstler sind. Diese Gespräche fanden dann eine Verlängerung an der Berufsmesse, an der interessierte Teenager die anwesenden Künstler über deren Beruf befragen konnten. Die Stimmung war da lockerer, als wenn wir das im Museum gemacht hätten.

Haben die Künstler auch etwas Physisches präsentiert oder mit den Besuchern gar Kunst produziert?

Das war ganz unterschiedlich. Christian Vetter hat mit den interessierten Schülern gemalt, Pedro Wirz liess sie spielerisch an einem Skulpturen-Grid partizipieren, Marianne Oppliger und Sophie Hofer sind mit einer Performance raus in die Halle und Marina Belobrovaja hat mich als berühmten Künstler inszeniert, verteilte Autogrammkarten und parodierte die Auratisierung des Künstlers als Star.

Wie viele Kids werden nach dieser Messe statt Krankenschwester oder Gipser nun lieber Künstler?

Keine Ahnung. Das war nie das Ziel der Aktion. Ich finde, es gibt schon genügend Künstler.

Wurden die Messebesucher also nur für deine neue Arbeit im Helmhaus «benutzt»?

Diesen Vorwurf höre ich öfters. Aber benutzt man die Schüler nicht auch, wenn man sie durchs Museum schleust? Werden sie dort nicht auch von etwas benutzt oder von einer Vorstellung, was jetzt wissenswert sei und vermittelt werden muss? Bei der Aktion an der Berufsmesse ging es mir nicht darum, Werbung für den Künstler zu machen, sondern den Beruf des Künstlers in Frage zu stellen und in der Diskussion zu halten. Und zwar in einem anderen Rahmen, als wenn die Schüler in der Zeitung über eine spektakuläre Kunstaktion oder eine teure Auktion lesen.

Du bist selbst mit spektakulären Dienstleistungsaktionen bekannt geworden. Etwa als du 2001 zu Füssen von Eva Wannenmacher während einer gesamten «10vor10»-Ausgabe im Fernsehen live geschlafen hast. Kannst du kurz diese Aktion erklären?

Sie thematisiert die Frage, wie ich als Performancekünstler mein Geld verdienen kann. Das war damals ein wichtiges Thema für mich. Ich habe mich als Künstler angeboten, am Arbeitsplatz von irgendeiner Person zu schlafen, die mich dazu anstellt und mich dann für meinen Schlaf während ihrer Arbeitszeit entlohnt, mit dem, was sie während dieser Zeit verdient. Die Schlafaktion thematisiert zum
einen die künstlerische Arbeit, zum anderen eine Dienstleistung mit Vertrag und vielleicht auch die Sehnsucht der Arbeitnehmer, sich im regulären Arbeitsverhältnis mal auszuklinken.

Neben Schlafen hast du als weitere Dienstleistungen auch für andere getanzt, demonstriert, deren Geld auf der Strasse liegen lassen, du hast dir ins Gesicht schlagen lassen oder hast…

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Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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