Debattieren für Profis

Von den Hobbyrhetorikern im Debattierclub Winterthur könnten sich Politiker und PR-Berater noch eine Scheibe abschneiden.

 

Ein Dienstagabend in Winterthur, 18.45 Uhr. In der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften treffen sich Berufstätige aus der Region – einer ist gar aus Schaffhausen angereist –, die ihre Debattierfähigkeiten schärfen möchten. Ziel des Clubs ist es, so heisst es auf der Webseite, die Argumentationsfähigkeit «auf sportliche, humorvolle Weise» zu trainieren. Um den eigenen Standpunkt im Alltag besser durchzusetzen, um in Sitzungen besser mitreden zu können, um Ideen mehr Gehör zu verschaffen: «Oder auch einfach, weil es Spass macht, verbal in den Ring zu steigen.»

Im Raum O4.23 des SI-Gebäudes der ZHAW müssen zuerst mal die Tische umgestellt werden: Aus den Frontalunterrichtreihen wird ein Viereck, das vom Diskussionsleiter präsidiert wird und an dessen Seiten sich zwei Debattierteams à 3 Personen gegenübersitzen: zwei Lehrpersonen, eine Betriebspsychologin, ein Finanzberater, ein Buchhalter, ein Akademiker. Finanzberater Jan Koller war bereits Mitglied im Rhetorikclub in Winterthur, und weil er seine Debattierfähigkeiten verbessern wollte, ist er seit Gründung ein Mitglied des DC Winterthur: «Ich dachte zunächst, das sei eine Übung, die irgendwann abgeschlossen wird. Aber…», lacht er, «…es ist zu einem Sport ausgeartet!» Um das eigene Niveau zu halten oder es zu erhöhen, müsse man immer wieder üben. Es sei eine ziemliche Herausforderung, sich in kurzer Zeit in ein Thema einzuarbeiten und dabei nicht nur eine Position zu vertreten, sondern auch auf die Gegenargumente einzugehen: «Die Debatte ist die Königsdisziplin der Rhetorik. Man muss eine Rede halten, beobachten, was beim Gegner passiert, aufnehmen, was gesagt wird, und widerlegen.»

Wir debattieren nach den Regeln der «offenen parlamentarischen Debatte», in der jeweils eine praktische Entscheidungsfrage gestellt wird. Heute: «Sollen Kinder per Gesetz vor Prügeleltern geschützt werden?» Nach einer Auslosung, wer im Team Pro und wer im Team Contra sein wird – Debattieren ist ein Teamsport –, treten Silvio, Jan und Monika (dafür) gegen Lukas, Noemi und Doris (dagegen) an. Leiter der Diskussion ist Peter Brechbühler, er ist verantwortlich für die Einhaltung der Regeln, entscheidet über ihre Auslegung in Zweifelsfällen und ergreift Massnahmen zu ihrer Durchsetzung. Mittels der App «Debatekeeper» wacht er über die jedem Redner zugeteilten sieben Minuten Redezeit, wovon jeweils die erste und die letzte Minute geschützt sind vor den sonst erlaubten Zwischenfragen und Zwischenrufen.

Zuerst wird die Eröffnungsrede der Befürworter gehalten, gekontert von der Eröffnungsrede der Gegner. Dann fügen je ein Ergänzungsredner weitere Argumente hinzu oder vertiefen die bereits vorgebrachten Gesichtspunkte. Als «freier Redner» darf ich die Argumente und Widerlegungen prüfen und Zwischenfragen stellen, worauf je ein Schlussredner die Debatte beschliesst. Die Befürworter von Massnahmen, die Prügeleltern bestrafen sollen, argumentieren, dass zwischen Kindern und Erwachsenen ein grosses Machtgefälle existiere und dass einem expliziten Züchtigungsverbot die gesetzliche Grundlage fehle. Sie fordern Nulltoleranz für Prügel, scheitern aber daran, auszuformulieren, wie so ein Gesetz aussehen könnte. Die Gegner dagegen finden, dass Kinder von der aktuellen Gesetzeslage ausreichend geschützt seien, ihre Erziehung von weiteren gesetzlichen Massnahmen verunmöglicht würde.

Diskussionsleiter Brechbühler kam 1997 in Südkorea das erste Mal in Kontakt mit dem 1924 gegründeten Toastmaster International Club (toastmasters.org). Während für ihn anfänglich der Kampfgeist und die Freude am Wettbewerb ausschlaggebend dafür waren, beim Debattieren mitzumachen, ist ihm heute der Lerneffekt, der Erkenntnisgewinn wichtiger: «Mir hilft es dabei, die Gedanken zu schärfen; heute erkenne ich emotionale Argumente rascher als früher. Ausserdem habe ich gemerkt, dass sehr viel mehr hängen bleibt in meinem Gedächtnis, wenn ich die Argumente selbst vertreten habe.» Wer hinzustossen und mitdiskutieren will: Der erste Termin im März ist am 3.3., und dann werden alle zwei Wochen argumentativ die Klingen gekreuzt. www.debattierclubs.ch

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»