Debatte II:
Suffizienz statt Überfluss!

Mehr Effizienz und technischer Fortschritt reichen nicht. Es braucht auch eine Selbstbeschränkung der Konsumenten. Eine Gegenrede.

Über Jahrtausende wurde die Geschichte der Menschheit und ihrer Ernährung durch Hunger geprägt. In den 1960er Jahren aber kam der globale Durchbruch: Zum ersten Mal gelang es, mehr Lebensmittel zu produzieren, als nötig gewesen wären, um alle auf diesem Planeten sattzumachen. Ein Meilenstein in der Historie und eigentlich eine Erfolgsstory der industriellen Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion. Dass wir diese Lebensmittel aufgrund von Krisen und Konflikten bis heute aber nicht ordentlich verteilt bekommen, ist ein Skandal und ein politisches Versagen! Rund 821 Millionen Menschen auf diesem Planeten hungern noch immer – während umgekehrt 1,9 Milliarden an Übergewicht und krankmachender Fettleibigkeit leiden.

Die Erhitzung unseres Planeten durch den Klimawandel, woran die Nahrungsmittelproduktion wiederum einen erheblichen Anteil hat, verschärft dieses Ungleichgewicht weiter. Immer mehr Menschen wollen also immer mehr Kalorien. Der Wohlstand wächst, die Menschen bekommen die Chance, ihre Ernährungsgewohnheiten in Richtung des scheinbar privilegierten westlichen Speiseplans umzustellen. Im Klartext: mehr tierische Produkte, mehr eingesetzte Ressourcen pro Nahrungskalorie und mehr industriell verarbeitete Produkte. Gleichzeitig ist laut Studien des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) bis 2050 mit Effizienzverlusten der landwirtschaftlichen Produktion durch Wasserknappheit, Klimawandel, Bodendegradation und invasive Tierarten in erheblichem Ausmass zu rechnen. Laut aktuellem Report des Weltartenschutzrates könnten bis zu einer Million Arten demnächst verschwinden.

Überzogene Erwartungen an die Perfektion von Produkten

Das liebgewonnene Prinzip der unglaublichen Angebotsfülle (mit ihrer Kehrseite: der Verschwendung) wird sich bei wachsender Weltbevölkerung nicht umweltverträglich durchhalten lassen. Die überzogenen Erwartungen an ein perfektes Aussehen, Frische, Vielfalt und an eine permanente Verfügbarkeit sind Zeichen einer geringen Wertschätzung gegenüber dem einzelnen Lebensmittel. Sie führen zu achtlosem Einkauf und am Ende in den reichen Ländern zum Wegwerfen essbarer Nahrung im grossen Stil. Weil wir unseren Frischebegriff auf das Aussehen alleine reduziert haben, schafft es eine Tomate nur über perfekte Optik ins Supermarktregal. Vor nicht allzu langer Zeit war es in Italien noch üblich, dass Brot, das auf den Boden fiel, aufgehoben, geküsst und gegessen wurde.

Eine Untersuchung mit Konsumenten zeigt, dass Menschen, die selbst noch häufig kochen oder einen Garten haben, unter «Frische eines Lebensmittels» die Prozessqualität wie «frisch vom Baum» verstehen und Obst auch dann essen, wenn es etwas unregelmässig beschaffen ist. Menschen dagegen, die sich hauptsächlich von Convenience Food ernähren, neigen dazu, Lebensmittel schneller wegzuwerfen, weil sie ihre Entscheidung anhand der Optik und der Bilder auf der Verpackung treffen. Mittlerweile ebenfalls unstrittig bewiesen ist, dass übermässiger Fleischkonsum sowohl dem Klima als auch dem Menschen selbst schadet. Der westliche Speiseplan ist vom Idealfall zum Problemfall geworden.

In Nord- und Mitteleuropa scheint vieles gut zu laufen. Gemessen am Angebot und der Werbung mit Fleischersatzprodukten ist gefühlt jede zweite Frau Veganerin und jeder dritte Mann ein Food Sharer. Und dann gibt’s auch noch Bioprodukte beim Discounter! Doch der schöne Schein trügt: Biolebensmittel machen lediglich 5 Prozent des gesamten Lebensmittelmarkts in Deutschland aus, in der Schweiz sind es immerhin knapp 10 Prozent. Schätzungen zufolge ernähren sich gerade mal 1,6 Prozent der Deutschen vegan. Was heisst, dass sich das Ernährungssystem trotz gefühlter Fortschritte nur marginal verändert hat. Doch ist vegan und bio denn überhaupt gesund und nachhaltig?

Wie nachhaltig sind vegan und bio?

Die Antwort darauf ist komplex: Vegan ist eine Ernährungsweise, die für uns Menschen als geborene «Allesesser» eine Einschränkung in der Lebensmittelauswahl bedeutet. Die Ernährungsorganisationen sind sich weltweit einig, dass eine abwechslungsreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse gesund ist. Das schliesst tierische Produkte nicht aus, die einige essentielle Nährstoffe, wie das Vitamin B12, beitragen können. In einer veganen Ernährung müssen diese Nährstoffe mitunter gezielt ergänzt werden. Die ethische Dimension des Tierwohls bei veganer Ernährung ist eine Debatte, der sich jeder einzelne und eine Gesellschaft unabhängig von Ökologie und Gesundheit stellen…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»