Debatte (2) – Europa im Herzen

Roger Gaston Sutter weist Urs Schoettlis asiatische Europaschelte zurück und meint vielmehr, Europa sei lange schon das bessere Reich der Mitte, der Weltbalance und Weltbewältigung.

«Was Europa von Asien lernen könnte», und dies gar ziemlich ultimativ als Antwort auf «Das Ende der christlich-sozialistisch-abendländischen Dogmatik» – unter diesem Doppeltitel lud in der April-Ausgabe des «Schweizer Monats» Eurasienpendler Urs Schoettli ein, auf dem westöstlichen Diwan Platz zu nehmen, der sich dann einerseits als Anklagebank für einen so unverbesserlichen Europäer wie den Schreibenden und andererseits als Schoettlis Shuttle(y) für den ach so beflügelnden ökonomischen Aufstieg Asiens erweisen sollte: allein es blieb beim «sollte»; der Konjunktiv liess sich nicht durch den Indikativ zwingender Indikatoren ersetzen. Am Ende kam der geneigte Leser fast nur noch als der vergeigte Leser wieder aus Schoettlis Pentatonik heraus und schwang mit dem doppelten europäischen Dreiklang siebengescheit wieder obenaus.

Zunächst aber begann die Lektüre des Essays unseres Asienanalysten mit einem solchen Impetus und Enthusiasmus, dass man sich nachgerade von Prometheus zu Prometheus in Schoettlis Shuttle setzen musste; der Schreibende fühlte sich nachgerade dioskurenhaft mit diesem Autor verbunden, um in der Folge dann allerdings etwas «dioskurios» feststellen zu müssen, dass der Autor seine Versprechen teilweise nur mit Versprechern einlöste; dieser andere Prometheus hielt seine Rolle also nicht durch, wurde vom Aufklärer zum Verklärer, ja die Fackel in der Hand dieses Prometheus wurde gar zur Box des Epimetheus – und diese Box, Helena und ihre Hellenisten wissen das, ist die Büchse der Pandora, diesmal natürlich gefüllt mit asiatischen Übeln und Zumutungen.


Goldesel versus Denkeresel
Umso prometheischer wiederum muss nun diese Replik ausfallen! – Asien vs. Europa 5:3, so etwa sieht Schoettli Fernosts Pentatonik, Asiens Palast der fünf Winde über die alte abendländische Trinität triumphieren. Schoettli kann rechnen und verrechnet sich gleichwohl, denn wir stellen mit doppeltem Dreiklang auf 6:5 für Good Old Europe gegen das neureiche Asien. Dort in Fernost mag es von Tokio über Mumbai bis Shanghai mittlerweile gar Esel geben, die Gold scheissen; darob muss ich alter Freigeist aber nicht auch noch zum Geldsack werden – und ziehe hosianna jenen Esel vor, der einen Denker (und leider auch noch Beter) ins damals wie heute so unhimmlische, weil mörderische Jerusalem trug. Aber dieser Guru sei Schoettli geschenkt (und alle Yogis obendrein), wenn unser Prometheus unter dem etwas bizarren Titel «Das Ende der christlich-sozialistisch-abendländischen Dogmatik» zunächst mal dem christlichen Monotheismus den Garaus macht und kategorisch festhält, dass eine monotheistische Denk(un)art in monomanischer Hybris ihrer selbst jeglicher freiheitlicher, pluralistischer Verfassung oder Verfasstheit des Menschen diametral zuwiderlaufe und heute Europa gängele angesichts eines in Götterdingen und mithin auch in allen übrigen Dingen viel wendigeren, flexibleren Asiens. Prometheus Schoettli spottet deshalb nicht aller Götter, sondern verfällt ganz im Gegenteil in ein «Lob des Polytheismus» asiatischer Prägung, was aber wohl kein atavistischer Rückgriff, sondern eine moderate, neuzeitliche Lockerungsetüde für verbiesterte Monotheisten sein sollte.


Das Christentum ist kein Monotheismus
Damit aber rennt Schoettli nirgendwo so offene Türen ein wie just grad beim Christentum, denn eben dieses mag sich noch so absolutistisch gebärden, genau besehen ist es gar kein Monotheismus, was ihm ja auch Judentum oder Islam immer wieder vorgeworfen haben. Mit der Dreifaltigkeit aus Gott Vater, Gott Sohn und Heiligem Geist sowie der ebenfalls anbetungswürdigen Gottesmutter hat zumindest der Katholizismus vier Hauptgötter und darüber hinaus mit einer ganzen Heerschar von angebeteten Heiligen bzw. Schutzheiligen und noch mehr Seligen, die ebenfalls angerufen werden können, jede Menge Nebengötter. Auch der Schreibende, zumal als «Sankt» Galler noch mehr von Betern umzingelt als andere Denkspieler, ist ein illusionslos pointierter, prononcierter Kritiker des Christentums, warnt aber umso gewitzter davor, dass am Ende nicht just das Christentum noch wieder eine Spur raffinierter und maliziöser dasteht als seine Kritiker. Das Lamm Gottes ist eben auch nur ein Wolf im Schafspelz: Dieses Christentum, mein lieber Schoettli, ist raffinierterweise gar kein Monotheismus, sondern ein ziemlich polyphoner Theismus, ein maliziöser Polytheismus, der nichtsdestotrotz (und umso brüskierender) ein Absolutismus und mithin ein Ausbund an Intoleranz und Vereinnahmung sein kann, wie eben auch Schoettlis ach so gepriesenes hinduistisches Indien keineswegs ein liberales Dorado ist, sondern mit seinem Kasten(un)wesen den Menschen tribalisiert, determiniert und seine Freiheit beutelt wie kaum ein anderes Sozialsystem der Menschheitsgeschichte, was Schoettli indes mit keinem Wort erwähnt. Wenn aber das Kastenwesen bei Indiens Aufstieg eine Quantité négligeable ist, warum reitet Schoettli dann so penetrant auf einem sogenannten Monotheismus herum, der Europa so sehr behindern und versäubern soll. Haben denn nicht ganz andere Dioskuren (Goethe und Schiller!) schon in herzlicher Abneigung über das Christentum gespottet!?

Mit seinem Lob eines doch wohl nicht atavistischen, sondern eines moderaten, modernen, abstrakten, intellektuellen Polytheismus läuft Christentumkritiker Schoettli just dem Christentum in die offenen Arme, während es in Asien ausser in Indien, Bali oder Tibet mit Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus oder Schintoismus viel weniger bis gar keinen Polytheismus gibt als im maliziösen Christentum. Gleichwohl, die betont freiheitlich-freigeistige Ablehnung der christlichen Trinität, diesen aufgeklärten Heidenspass teilt der Schreibende vorbehaltlos mit Schoettli, auch wenn dieser das Christentum mehr schlecht als recht durchschaut hat. Mehr schlecht als recht «versündigt» sich Schoettli dann halt auch noch an jener zweiten, ganz und gar säkularen Trinität, jenem neuzeitlichen Dreiklang, der den Trumpf und Triumph Europas ausmacht: Es ist die Liberté, Egalité et Fraternité jener Jakobiner, die ja auch schon das Christentum abschaffen wollten und stattdessen in der Terreur doch nur sich selbst und ihre Kinder gefressen haben.


Der Jakobiner am Jakobsweg
Der Schreibende indes bleibt Jakobiner am Jakobsweg (nicht auf dem Jakobsweg), denn hätten die Liberalen ihre Liberté und die Sozialen ihre Egalité nur halb so gewitzt und illusionslos durchschaut wie diese Betbrüder ihre Fraternité schon mit «Kain und Abel», dieser säkulare abendländische Dreiklang wäre nicht so faschistisch, so pseudomessianisch zersprungen wie im 20. Jahrhundert jener Achsenmächte, die alles auf Achse, aber nichts mehr auf die Reihe einer genuin menschlichen Weltbewältigung kriegten. Dass die einen, etwa die Sozialisten, nicht über ihre Egalité hinausdenken können, entschuldigt in keiner Weise jene anderen, etwa die Liberalisten, welche kaum weniger widerstrebend über ihre Liberté hinauskalkulieren wollen. Und es kommt dann gar einer keineswegs mehr religiösen, sondern einer nunmehr säkularen intellektuellen Todsünde gleich, wenn man auf dem westöstlichen Diwan etwa ein völlig losgelöst libertäres asiatisches Wirtschaftsfuror-Wunder gegen die sozialstaatliche Paralyse à l’européenne ausspielt. Wo sind wir denn hier: In der Pathologie!?

Europas Stier ist nicht stier, sondern immer noch auch so liberal genug, dass er der neureichen indischen Kuh spottet, welche ihr Volk auch als goldenes Kalb bis dato nicht richtig satt und warm gemacht hat. Liberté ohne Egalité (der Constitution humaine) ist so fahrlässig und laisser faire wie Egalité ohne Liberté; es kommt auf die Balance dieser dioskurischen Werte an; Balance ist alles, ohne Balance ist alles nichts bzw. dioskurios vertan! Es ist die Egalité, welche die Liberté in Schach hält und vice versa; gemeinsam erst begründen sie allenfalls eine Fraternité jenseits billiger Vetternwirtschaft, jenseits dünkelhafter Kleptokratie. Wer wie Schoettli dann mit dem bizarren Kurzschluss «christlich-sozialistisch» auf die Egalité zielt, der macht mehr noch die Liberté kopflos. Entsprechend kopflos argumentiert sich Schoettli am Ende gar ins Abseits jener Chinesen, wo dann vielleicht auch noch Menschenrechtsverletzungen winken.


Agnostisch-antagonistischer Sozialismus
Anders, als Schoettli unterstellen will, ist der Sozialismus nicht auch noch eine Ausgeburt des Christentums, sondern ganz im Gegenteil als Produkt der Aufklärung gar noch im atheistischen Widerstreit (Marxismus) gegen jedwelche religiöse Verbrämung und Vereinnahmung entstanden (ohne dass man dann allerdings die eigene Vereinnahmung bis in pseudomessianische Exzesse hinein durchschaut hätte). Während Christentum und auch Islam die Agape ziemlich ostentativ beim einzelnen Menschen als barmherzigem Samariter belassen, will der Sozialismus völlig entgegengesetzt die soziale Frage kollektivieren, ja (zwangs)verstaatlichen. Schoettli irrlichtert: Christentum und Sozialismus sind keineswegs aus einem Guss oder Abguss (und also auch nicht im selben Abguss aus der Geschichte zu entsorgen), sondern sie sind ziemlich antagonistische Konzepte, verbunden lediglich durch einen schmalen, nie besonders tragfähigen Steg des religiösen Sozialismus.

Der Sozialismus ist also nicht auch noch die Magd des Herrn (Monotheismus) bzw. der Fraternité, nein, er bringt mit der Egalité die Trikolore der Aufklärung aus «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» erst vollständig zum Leuchten und als Dreiklang zum Erklingen, wobei die Egalité als Absolutismus, als Hybris genauso sehr zum Scheitern, zum Versäubern verurteilt ist (siehe Marxismus) wie Liberté oder Fraternité in deren monomanischen Ausprägungen. Dass der ausufernde Sozialstaat à gogo europäischer Prägung eine Hybris und also zu kurieren wäre, liegt wohl auf der Hand, wobei um die Balance von Liberté, Egalité und Fraternité auch ganz grundsätzlich und stets von neuem zu ringen ist – mit streitbaren Geistern auf allen Seiten dieses gleichschenkligen (!) magischen Dreiecks. Ebenso grundsätzlich aber hält wohl nichts so sehr die Welt in Balance wie diese aufklärerische, prometheische europäische «Trinität» aus Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. In diesem Sinn wird Europa, zumal gar ein im Rahmen der EU ganz potent neu konditioniertes und vereint schlagkräftige(re)s Europa, erst recht ein Reich der Mitte in der Balance dieser Welt zwischen der asiatischen Herausforderung und der südamerikanischen Emanzipation von Brasilien und Co. sein.


Faschistoide Pflichtübungen
Dagegen hat Asien-Tycoon Schoettli kaum was Nennenswertes anzubieten als Antwort auf seine Kardinalfrage, was Europa denn von Asien lernen könnte, jedenfalls nichts, was einen von der Egalité verfolgten europäischen Liberalen aufatmen liesse, sondern ihm eher noch die Haare zu Berge stehen lassen. Schoettli residiert in Tokio und Mumbai, aber nicht ein einziges asiatisches Sprichwort fällt unserem Samurai ein, um seine dürftige Palette vorbildlicher asiatischer Werte zu illustrieren. Er hausiert ziemlich enttäuschend im Wesentlichen gerade mal mit zwei Allerweltswerten: Es geht um die Familienbande und um ein nicht weniger ausgeprägtes asiatisches Pflichtbewusstsein auf gesellschaftlicher Ebene schlechthin (kontra ein liederliches Anspruchsdenken europäischer Haushalte). Zu lernen ist also im Originalton: «In der (asiatischen) Familie gibt es nur Pflicht und über diese wird nicht verhandelt oder disputiert.» Schoettlis Trinität heisst dann also wohl noch monomanischer und antiliberaler als ein simpler Monotheismus: Pflicht, Pflicht und nochmals Pflicht. – Wer aber nur Pflichten und keine Rechte haben soll, der endet im Faschismus und keineswegs im Liberalismus, welcher um der individuellen Freiheit und Entfaltung willen auch noch die einengende Familienbande sprengt, bevor die Familie zur Bande geworden ist und in einer korrupten Vetternwirtschaft mit ihrem familiären Korsett intern wie aussen herum die Freiheit ein- und abgeschnürt hat.

Als nicht mindere intellektuelle Fehlleistung erscheint das Bestreben, dass man den rasanten ökonomischen Aufstieg neureicher Asiaten als Verklärer auch noch mit einer moralischen Überlegenheit dieser Parvenus aus Fernost assoziieren will. Der Aufklärer erschrickt und vermutet vielmehr das Gegenteil: Dieser forcierte Aufstieg gewisser asiatischer Nationen wird wohl eher mit einer Riqueur, ja Terreur so rücksichtslos vorangetrieben, dass die Moral samt Menschenrechten oft genug auf der Strecke bleibt und Menschen am Ende gar noch so sehr verheizt und ausgebeutet werden wie anno dazumal in der industriellen Revolution Europas des 19. Jahrhunderts. Warum verschweigt eigentlich Schoettli in seiner Asien-Ode mögliche Schattenseiten der asiatischen Furor und Furore so konsequent, als wäre er ein chinesischer Zensor? Mein lieber Schoettli: am Ende lernen wir von diesen neureichen Asiaten gerade noch, dass sie selbst nichts gelernt haben aus den Schrecknissen etwa des europäischen Aufstiegs im 19. und des so faschistisch versäuberten 20. Jahrhunderts. Der rasante Aufstieg gewisser asiatischer Nationen hat wohl wenig mit einer moralischen Überlegenheit oder gar mit gegenüber Europa fortschrittlicheren, avantgardistischeren Weltanschauungen zu tun; er wird vielmehr eher durch rückständige, repressive, menschen(rechts)verachtende, antiliberale Sozialstrukturen von Mumbai bis Shanghai begünstigt und da und dort gar schamlos auf die Spitze getrieben worden sein.


Kontinent der Epigonen
Immer noch rotieren in Europa Hunderte chinesischer Gruppen, welche auch in der Schweiz unzählige Modelle von der Abfallverwertung bis zur Schul- oder Gemeindeverwaltung studieren, während umgekehrt die Schweiz von chinesischen Epigonen noch kaum was anderes übernommen hat als Billigartikel, denen wohl am Ende auch noch der Ausverkauf der Menschenrechte in der Schweiz folgen könnte. Asien, mein lieber Schoettli, ist immer noch der Kontinent, das Kontingent der Epigonen, die Pioniere müssen Sie anderswo suchen … Wie kann ein Liberaler ausserdem von Indien schwärmen, wo ein noch lange nicht überwundenes Kastenwesen den einzelnen Menschen so massiv determiniert wie kaum eine andere Sozial(un)ordnung; wie kann ein Liberaler auf Japan schwören, wo nur schon die Bevölkerungsdichte selbst eine «Privacy» in den eigenen vier Wänden bereits illusorisch macht. Und wo ist es nur, dieses von Schoettli heraufbeschworene Leadership der Asiaten? Wo sind all die asiatischen Nobelpreisträger, welche die Europäer und Amerikaner heute schon Jahr für Jahr leer ausgehen lassen; hat auch nur einer dieser neureichen asiatischen Milliardäre einen neuen Nobelpreis des 21. Jahrhunderts gestiftet?

Europas Stier lässt auch eine noch so neureiche indische Kuh an sich abprallen, ganz zu schweigen von jenem Alpenkalb im Reduit hinter den sieben Bergen, welches sich das Leadership im Rahmen einer europäischen Einigung und konzertierten Ertüchtigung so phantasie- wie bewusstlos entzieht. Vor lauter Schweizer Reduit sieht auch Schoettli extrapoliert auf Europa daselbst lauter Elfenbeintürme einer angeblich länderübergreifend «selbstzufriedenen europäischen Intelligenz» aus dem Boden wachsen. Einer solchen Fehleinschätzung kann dann wahrlich nur ein eben noch selbstgerechteres Reduit in seiner Doppelmoral unterliegen: Nichts da mit europäischer Selbstzufriedenheit! Europa ringt im Einigungsprozess der EU wie kein zweiter Kontinent spektakulär mit sich selbst und findet ganz sicher nicht im Reduit jene Ertüchtigung und Selbstbehauptung auf breitester Front, welche die asiatische Herausforderung im Osten, aber auch die amerikanische Emanzipation von Brasilien und Co. im Westen so geeint, konzentriert und konzertiert angehen lässt, dass Europa am Ende einmal mehr als Reich der Mitte, der Weltbalance und Weltbewältigung nicht (imperialistisch) obsiegen, aber leuchten wird. Nicht von Elfenbeintürmen, sondern von Leuchttürmen ist dieses groteske Reduit im Alpenschrund umzingelt. Leadership aber führte direkt aus diesem elenden Abseits in medias res einer ganz neuen europäischen Konsistenz, die natürlich nur im Rahmen einer EU konditioniert, voll ausgebildet und entfaltet werden kann.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»