Daseinsanalyse – Seelenkunde auf philosophischem Grund

Die Daseinsanalyse nimmt die psychologischen Entdeckungen Sigmund Freuds auf und interpretiert sie im Lichte von Martin Heideggers phänomenologischer «Daseinsanalytik». Sie wurde von Ludwig Binswanger und Medard Boss in unterschiedlicher Weise in den 1930er bzw. 1950er Jahren begründet.

Auch die Daseinsanalyse ist aus der Psychoanalyse entstanden. Dennoch lässt sie sich nicht in eine Reihe stellen mit anderen tiefenpsychologischen Schulen, die sich von der Freudschen Psychologie abgrenzten, wie etwa der Adlerschen Individualpsychologie oder der Jungschen Psychologie. Sie hat sich mit philosophischen Argumenten von Freud losgesagt, und die explizite Bezugnahme auf Philosophie macht bis heute ihre Besonderheit aus. Davon zeugt bereits der Name «Daseinsanalyse», ist er doch dem 1927 erschienenen Werk «Sein und Zeit» von Martin Heidegger entliehen. Heidegger ersetzt dort alle philosophisch und psychologisch gebräuchlichen Begriffe zur Bezeichnung des Menschen («Subjekt», «Person», «Bewusstsein», «Ich», «Selbst») durch den zunächst nichtssagenden und damit auch unbelasteten Terminus «Dasein». «Dasein» steht für eine Wesensbestimmung des Menschen, die sich radikal von der Tradition lossagt. Als Ludwig Binswanger in den 1940er Jahren beginnt, seinen eigenen methodischen Zugang zu den Geisteskrankheiten als daseinsanalytisch zu bezeichnen, will er damit zum Ausdruck bringen, dass dieses neuartige Vorgehen in Heideggers philosophischer Anthropologie gründet. Daneben ist für Binswanger Edmund Husserl als Begründer der Phänomenologie wichtig gewesen. Die Daseinsanalyse will bis heute phänomenologisch vorgehen, das heisst, durch ein genaues und möglichst theoriefreies Hinsehen und Hinhören die Phänomene selber zur Anschauung bringen, statt sie einer vorgegebenen psychologischen Theorie zu unterwerfen.

Von Heidegger und Husserl her ergeben sich Einwände gegen Freuds Psychoanalyse, die weniger den psychologischen Inhalt als die philosophische Basis betreffen. Kritik gilt beispielsweise der psychoanalytischen Annahme, der Mensch sei letztlich ein Triebwesen, weshalb sich alles Seelische und Geistige auf Triebwünsche zurückführen lasse. Ein anderer Kritikpunkt betrifft die Hypothese eines Unbewussten, von dem alle bewussten seelischen Vorgänge determiniert sein sollen. Eng verbunden mit der Kritik am Unbewussten ist die Abstandnahme von Freuds Deutungspraxis, die ständig mit unbewussten Mechanismen operiert und also ganz unphänomenologisch vorgeht.

Die Geschichte der Daseinsanalyse lässt sich nicht von einem Anfang her erzählen, weil man von zwei Gründervätern ausgehen muss: Ludwig Binswanger (1881 – 1966) und Medard Boss (1903 – 1990). Letzterer begründet eine eigene daseinsanalytische Richtung, die mit dem Anspruch auftritt, dass nur sie befugt sei, den Namen «Daseinsanalyse» zu führen, weil Binswanger die Philosophie Heideggers völlig missverstanden habe. Ein Vergleich der beiden Daseinsanalysen ergibt, dass sie tatsächlich, ausser dem gemeinsamen Namen und der generellen Bezugnahme auf Heidegger, kaum Gemeinsamkeiten aufweisen.

Ludwig Binswanger gelangt über seinen Doktorvater C. G. Jung zur Psychoanalyse. Als er 1906 die Psychiatrieausbildung am Burghölzli in Zürich beginnt, steht dieses unter der Leitung Eugen Bleulers, während Jung als Oberarzt tätig ist. Hier wird Binswanger zum jüngsten Anhänger der an dieser Klinik bereits praktizierten Ideen Freuds und publiziert schon 1909 seine erste psychoanalytische Fallstudie. Da sein Vater 1910 unerwartet stirbt, tritt er, früher als vorgesehen, seine Nachfolge als Leiter des Sanatoriums Bellevue in Kreuzlingen an. Als erste Massnahme führt er dort die Psychoanalyse als Behandlungsmethode ein. Doch seine philosophischen Interessen führen ihn schnell über die Grenzen des psychoanalytischen Denkansatzes hinaus. Im Eigenstudium erwirbt er sich ein stupendes Wissen über die gesamte Philosophie des Abendlandes. Unter seiner Leitung wird das Bellevue zu einem Ort der Begegnung bedeutender Philosophen seiner Zeit (u.a. Edmund Husserl, Max Scheler, Martin Heidegger, Karl Löwith, Martin Buber, Wilhelm Szilasi). Doch auch die Beziehung zu Freud bleibt eng und herzlich, wovon der bis zum Tode Freuds währende Briefwechsel zeugt (publiziert 1992). Das ist nur möglich, weil Binswanger seine Daseinsanalyse nicht als ein Konkurrenzunternehmen zur Psychoanalyse versteht und als Psychotherapeut weiterhin die psychoanalytische Methode anwendet.

In seiner Studie über «Ideenflucht» lässt sich Binswanger erstmals von Heideggers Bestimmung des Menschen als «In-der-Welt-sein» leiten und beginnt unter dieser Vorgabe die «Welt des ideenflüchtigen Menschen» zu untersuchen. Dieses Programm wird er später auf alle Geisteskrankheiten ausdehnen – der Name «Daseinsanalyse» steht von da an für die…

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