Dasein ist In-Form-Sein

Sind Sportler die letzten Helden unserer Zeit? Oder bloss gedopte Entertainer? Ein Gespräch dreier Leistungsdenker über den Sport als lebenssteigerndes Mittel und Merkmal der Moderne – und die traditionelle Leibesverachtung der Intellektuellen.

Dasein ist In-Form-Sein
Hans Ulrich Gumbrecht, photographiert von Ueli Kaenzig / BASPO.

Hält man sich an Rudi Völler, ist die Sache einfach: «Es gibt nur eine einzige Wahrheit und Philosophie, das ist die auf dem Platz.» Wir sind nun nicht auf dem Platz, sondern in einer Runde von Philosophen und wollen die Faszination ergründen, die das Phänomen «Sport» auf uns alle ausübt. Beginnen wir bei Ihnen, Herr Gebauer: Was ist es, das Sie am Sport fesselt?

Gunter Gebauer: Da bin ich im Grunde genommen gar nicht weit weg von Rudi Völler. Für einen Philosophen ist der Sport etwas Unglaubliches, weil in ihm die Wirklichkeit, die wir in der Philosophie ja so gerne erfassen möchten, einfach und zweifelsfrei gegeben ist. Im Sport haben wir die Dinglichkeit der Welt vor Augen: Ein Ball ist ein Ball. Ein Torpfosten ist ein Torpfosten. Wenn der Ball danebengeht, ist es kein Tor. Wir haben hier eine durchgeklärte Welt, in der wir wissen, was wirklich und was nicht wirklich ist. Und wenn man Probleme hat, die Wirklichkeit festzustellen, hat man einen Schiedsrichter. Dazu kommt dann als zweite Komponente die Magie des Augenblicks ins Spiel: Wenn wir einerseits klar und deutlich sehen, was geschehen ist, erhalten wir andererseits absolut keine Antwort auf die Frage, wie passieren konnte, was geschehen ist – wie es zum Beispiel sein kann, dass Dortmund immer verliert? (allgemeine Erheiterung) Diese Divergenz zwischen der Wirklichkeit, die da ist, und der oft extrem schwer oder sogar unbeantwortbaren Frage, wie sie eintreten konnte: die finde ich so spannend am Sport.

Dieser Beschreibung zufolge müsste die Faszination etwas Zeitloses haben. Tatsächlich aber hatte der Sport in unserer Kultur während sehr langen Phasen kaum eine Wichtigkeit – erst in den letzten 100 bis 150 Jahren erlebten wir einen Aufstieg des Sports zum globalen Leitmedium von Freizeit und Kommunikation. Worin liegen die Gründe für diesen phänomenalen Aufstieg des Sports?

Peter Sloterdijk: Wir erleben seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine verspätete Renaissance des Sports. Nachdem die Renaissance der Künste und der humanistischen Disziplinen schon 400 Jahre zuvor eingesetzt hat, ist die antike Mannschaft erst seit 150 Jahren wieder voll aufgestellt: Der Athlet, die Schlüsselfigur der Antike, tritt dann neben den Philosophen und neben die Künste und die Rhetoren. Die modernen Gesellschaften knüpfen an etwas an, das die antike Gesellschaft geschaffen hat, nämlich so etwas wie einen Schicksalsschauplatz in der Mitte der Stadt. Die Griechen hatten davon drei – das dionysische Theater, die Agora und das Sportstadion. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an besteht in Europa wieder echter Bedarf an Schicksal. Das hat mit der Säkularisation zu tun, mit dem Abflauen des Christentums – das Christentum hat ja die Tragödie und den Sport verboten, war eine Religion eher der Exkarnation als der Inkarnation. Mit dem Sport kommen die Körper wieder, das Drama kommt wieder, die Tragödie kommt wieder. Und wie Herr Völler richtig und drastisch sagt: Die Wahrheit ist auf dem Platz, das heisst, sie wird dramatisiert, sie wird inszeniert und versetzt den Zuschauer in die Lage, geschehendes Schicksal mit freiem Auge selber beobachten zu können. Das Schlüsseldrama der Moderne ist wieder die Unterscheidung von Siegern und Verlierern. Das ist eine antike Beobachtungsgrösse, die durch die christliche Caritas über Jahrhunderte hinweg tabuisiert war und erst durch den Seiteneingang des Sports wieder in die Kultur zurückgekehrt ist. Zum Glück.

Wenn mit dieser Renaissance der Leib wieder Einzug in unsere Kultur gehalten hat, so ist diese doch aber nach wie vor von einer angenommenen Spaltung zwischen Körper und Geist durchdrungen: Dem Sport schlägt vonseiten des Geistes häufig eine geradezu feindliche Haltung entgegen. Ist nicht unsere ganze Bewertung des Sports von diesem Dualismus getragen?

Hans Ulrich Gumbrecht: Zuerst einmal möchte ich festhalten: Sport hat heute als intellektuelles Thema durchaus eine hohe Legitimität erreicht. Bevor ich Deutschland verliess, 1989, konnte man über Sport an der Universität nur während Fussballweltmeisterschaften und Olympiaden reden, ohne schräg angesehen zu werden. Das ist heute nicht mehr der Fall. Zumal in Stanford, wo wir 20 aktive Nobelpreisträger im Lehrkörper und mit einer Population von 14 000 Studenten bei den letzten Olympischen Spielen in London über 30 Medaillen gewonnen haben. Wir gehen vom Leitsatz aus, dass unsere Athleten zugleich die besten Studenten sein sollen. Eigentlich ist das natürlich unmöglich: Ein Stanford «Undergraduate Program» ist ja so konzipiert, dass es einen Studenten vierundzwanzig Stunden erfüllt; daneben noch acht Stunden pro Tag im Wasser zu verbringen, die nötig sind, um bei den Olympischen Spielen Medaillen in den Schwimmwettbewerben zu gewinnen, das scheint sich – genau genommen – nicht leisten zu lassen. Ich glaube aber, dass es in diesem Umfeld zu Situationen kommt, wo alle Komponenten des Lebens die anderen stärker machen und in eine gewissermassen ekstatische Form des Lebens münden. Das ist kein Widerspruch zum Diktum der «Wirklichkeit» des Sports, sondern eine Ergänzung: Es handelt sich beim Sport häufig um die Wirklichkeit in einer ekstatischen Form.

Sloterdijk: Ich würde sagen: Wenn es heute ausserhalb der Theologie noch Spuren des Platonismus gibt, zeigen sie sich am ehesten in der Neigung von Intellektuellen, auf den Sport herabzublicken. Es gibt eine Sportverachtung unter Intellektuellen, die so weit reicht, dass man mutwillig eine Adipositas bei sich selber herbeizüchtet, um ja nicht in den Verdacht zu geraten, man wolle diesem ganzen sportiven Schwachsinn auch nur den kleinen Finger reichen. Plato hat in seiner Zeit eine epochemachende Idee eingeführt, indem er die ganze Welt verdoppelt hat in eine edle, formale, ideale Substanz, die leider in einer unedlen materiellen Ausführung realisiert werden muss. Wenn heute Unfitness zu einem Kulturgut emporgehoben wird, zeigen sich darin letzte Überbleibsel dieser platonischen Spaltung.

Gebauer: Da muss ich intervenieren: Die Kollegen in der Philosophie sind inzwischen deutlich schlanker geworden, als sie es früher waren! Ich kenne eigentlich keinen Philosophen, der nicht irgendwie körperlich tätig ist. Die äusserliche Erscheinungsweise hat sich sehr stark gewandelt, ich glaube, auch die Philosophie kann sich der Verbildlichung unserer Gesellschaft nicht entziehen. Wir haben eine starke Dominanz der Bildmedien und können uns Menschen gar nicht mehr vorstellen, ohne sie in bezug auf die Form ihres Körpers zu sehen. Gleichzeitig beobachten wir auch eine Wiederkehr bestimmter theologischer Figuren und, damit einhergehend, der Verehrung, der Vergöttlichung von grossen Sportlern. Wir dachten ja eigentlich, wir seien über die Phase des Pseudotheologischen hinaus, aber offenkundig kommt es wieder: Die Verehrung grosser Sportler nimmt sehr stark quasireligiöse Züge an.

Sloterdijk: Es ist so, dass heute in den Menschen frei verfügbare Bewunderungs- oder Verehrungsbereitschaften zirkulieren, die an vielen Stellen bis zu einer «Vergöttlichung» der Athleten reichen. Für mich wäre das ein Indiz dafür, dass sich auch die polytheistische Konstellation als Hintergrundstruktur wieder zurückgemeldet hat. Die antike Welt hat sehr leichthändig ein Medium geschaffen, das dem Vergötterungsbedürfnis der damaligen Zeit entgegenkam: die Sportlerstatue, die Siegerstatue. In der Antike gab es ja keine Gold- und Silbermedaillen, man bekam, wenn man Glück hatte, einen Lorbeerkranz, im besten Fall einen bronzenen Amboss oder sonst etwas Metallisches geschenkt. Aber vor allem, und das ist es, was zählte: man bekam eine Statue aufgestellt. Es gibt Reiseberichte aus dem antiken Griechenland, wonach es mehr Statuen als Griechen gegeben haben soll.

Gumbrecht: Wobei natürlich der antike und der polytheistische Gott oder Halbgott nicht immer in jeder Hinsicht ein positiver Held sein muss. Ihnen allen ist Balotelli bekannt – ist das ein positiver Gott? Nein! Er ist eine Reiz- und Provokationsfigur. Er raucht immer beim Training und hält es höchstens zwei Jahre bei irgendeiner Mannschaft aus. Trotzdem gehören gerade solche Figuren natürlich auch zu einem polytheistischen Götterhimmel und tragen so zur Faszination des Sports bei: Wenn es keine Mario Balotellis, sondern nur Philipp Lahms gäbe, dann würde uns der Sport nicht halb so sehr beeindrucken! Der Typ «Lance Armstrong» ist ein anderer Fall. Ob er in irgendeinem Götterhimmel Platz hätte, wäre eine kulturhistorisch interessante Frage.

Wenn wir von der Kontinuität zwischen den Griechen und unserer Zeit sprechen, übersehen wir eine wichtige Differenz: In der Antike gab es keine Mannschaftssportarten. Ihr fehlte damit die Form, die heute den Sport dominiert. Was bietet der Mannschaftssport an «Magie des Augenblicks», das die Einzelsportarten nicht in gleicher Weise zu vermitteln vermögen?

Gumbrecht: Was das Spezifische am Mannschaftssport ausmacht, ist die Emergenz einer Form, deren Grundelement die Körper sind: die Emergenz einer komplexen Form aus verschiedenen Körpern, die eine eigene Zeitlichkeit hat. Diese Form ist erstens Ereignis – weil ja nie voraussehbar ist, ob der schön ausgedachte Spielzug auch wirklich gelingt –, und zweitens beginnt sie in dem Moment, wo sie sich artikuliert, auch gleich wieder zu verschwimmen, ja zu verschwinden. Diese spezifische Konfiguration gibt es in Individualsportarten nicht. Ereignis sein und Ereignis sein, das immer schon ephemer ist, das kann nur der Mannschaftssport.

Neben der Emergenz könnte man auch auf die Zufälligkeit verweisen. Laut Sepp Herberger gehen die Menschen ja zum Fussball, weil sie «nicht wissen, wie es ausgeht». Ein Philosoph würde in diesem Zusammenhang vom Unverfügbaren sprechen. Was steht hinter diesem menschlichen Bedürfnis, sich das Zufällige und damit auch Erschütternde kontrolliert zuzuführen?

Sloterdijk: Die Frage bringt uns erneut zum Renaissancethema zurück. Als das Christentum im 14./15./16. Jahrhundert umgebaut worden ist – die Renaissance war ein Teil davon, die Reformation war ein Teil davon –, haben die Europäer ein neues Verhältnis mit einer aus der Antike überlieferten Göttin angeknüpft, die bis dahin während des ganzen Mittelalters einen sehr schlechten Ruf gehabt hatte, nämlich die Fortuna, die launische Göttin der Unzuverlässigkeit. Die war während des Mittelalters eine Dämonin, mit dem 15. Jahrhundert passierte aber im europäischen Seelenhaushalt etwas ganz Erstaunliches, man könnte fast sagen: Die Trinität wurde umgebaut. Vater – Sohn – Fortuna. Der Heilige Geist musste sich mit Fortuna-Aspekten aufladen, um überhaupt noch interessant zu sein. Die Menschen der frühen Neuzeit haben gelernt, die Göttin zu lieben, weil sie es ist, die uns lehrt, mit dem zu spielen, was mit uns spielt. Von dem Moment an konnten Mannschaftssportarten interessant werden, weil in ihnen im Unterschied zum Individualsport das Element der Fortuna viel sichtbarer in den Vordergrund tritt.

Gebauer: Ich glaube, dass sich die Sache in der Gegenwart nochmals zuspitzt, sich verschärft in einer Gesellschaft, die sich durch Wahrscheinlichkeitsberechnungen, Versicherungen und Karrierepläne um jeden Preis gegen Zufälle wappnen möchte. Wir leben in einer Zeit, in der das Sicherheitsbedürfnis gross geworden ist und auch die Möglichkeiten, Zufall zu eliminieren, durch mathematische Berechnungen und Computermöglichkeiten deutlich zugenommen haben. Dadurch steigt natürlich auch der Reiz, sich mit Zufall auseinanderzusetzen. Wenn Sie sagen, dass die Mannschaftssportarten ein Zeichen der Moderne sind, gebe ich Ihnen vollkommen recht und würde noch hinzufügen, dass sie interessanterweise alle mit einem Ball spielen. Damit haben wir die Fortuna, das Element des Zufalls, noch gesteigert. Wenn man nicht nur einfach gegeneinander ficht oder ringt, sondern um einen Ball kämpft, der rund ist, springt und überhaupt nicht berechenbar ist, wird das Zufallselement ungeheuer vergrössert.

Gumbrecht: Gegen den Monokulturalismus des Fussballs möchte ich einwenden, dass es auch Mannschaftssportarten gibt – Eishockey zum Beispiel –, die nicht mit Bällen spielen, sondern mit der Scheibe, die unter etwas anderen geometrischen Bedingungen Kontingenzgenerator ist. Auch wenn ich sonst einverstanden bin mit Ihrer These, wonach das Schicksal umso interessanter wird, je weniger wir es im Alltag haben, will ich dennoch eine Ergänzung machen. Dieses Schicksal wird im Sport nämlich immer unter einer Prämisse inszeniert, die an ästhetische Erfahrungen erinnert: unter der Prämisse einer Isolation oder Autonomie. Wenn man seine Lieblingsmannschaft am Samstagabend verlieren sieht, hat man zwar schnell das Gefühl, dass auch im Beruf und in der Familie das meiste im argen sei – am Montagmorgen spätestens aber entdeckt man, dass überhaupt nichts passiert ist und es ausserdem ja noch eine nächste Saison geben wird. Der Sport ermöglicht also Partizipation am Schicksal ohne Leiden am Schicksal.

Sloterdijk: In diesem Zusammenhang kann man auch an die für die Architektur so wichtige Differenz zwischen Stadion und Arena erinnern. Der griechische Sport kommt aus dem Stadion bzw. aus der Palaistra, dem Ring. Der römische Sport ist an die Arena gebunden, und da wird das Schicksalsspiel bis zum Ende durchgeführt. Die Arena war der Ort, wo der Unterschied zwischen Siegern und Verlierern als die Unterscheidung von Leben und Tod inszeniert wurde. Das heisst, dass der Verlierer in der Horizontalen aus der Arena herausging und der siegreiche Gladiator derjenige war, der noch stehen konnte. Diese Erinnerung an die römische Arena, die als Schicksalsgenerator viel brutaler war als alles, was uns der moderne Sport darbietet, hilft uns, die Gesten zu verstehen, die heute am Ende von grossen Kämpfen zu beobachten sind – oder auch am Anfang: Das Menschenfresserische an der modernen Arena sieht man ja zum Beispiel darin, dass die Fussballer heute kleine Kinder an der Hand führen. Es beunruhigt mich seit einer ganzen Weile, dass diesen kinderlosen Herumtreibern durch irgendein Losverfahren ein kleines Mädchen oder ein kleiner Junge anvertraut wird. Im Lichte der Kulturgeschichte sollte man solche Gesten an solchen Orten zwar vielleicht nicht überinterpretieren, aber auch nicht ganz unterschätzen.

Gumbrecht: In der Antike gab es Sportarten, die nicht notwendig zum guten Ende führen mussten. Bertolt Brecht hat einmal gesagt, die Attraktivität des Boxens sei verschwunden, seit man damit angefangen habe, Kämpfe auf Runden festzulegen. Boxkämpfe müssten mit dem K. o. und eigentlich mit dem Tod des Verlierers aufhören. Es gibt also Sportarten, die in der Moderne eliminiert oder so sehr mit Kissen der Vor- und Rücksicht umgeben worden sind, dass sie die Schicksalsintensität der römischen Arena nicht mehr aufnehmen. Eigentlich schade.

Gebauer: Da muss ich jetzt aber wiederum einschreiten. Sport im modernen Sinne hat mit Gladiatorenkämpfen gar nichts zu tun, bei denen Gefangene und Schuldner, kurz: die Outcasts der römischen Gesellschaft, einem grossen Publikum vorgeführt wurden, um möglicherweise gemeuchelt zu werden. Das Kämpfen auf Leben und Tod ist ein ekelhaftes Schauspiel und kein Sport. Der moderne Sport beginnt gerade in der Situation, in der der Tod abgeschafft und nur noch als Unglück geduldet wird. Das beste Beispiel sind die Autorennen. Waren früher in jeder Saison mehrere Tote zu beklagen, sind die Strecken inzwischen so sicher, dass ein Rennfahrer sehr selten ums Leben kommt. Selbst diesem Sport, der eigentlich oft als Gladiatorensport oder gar nicht als Sport angesehen wird, sind also die Giftzähne gezogen werden. Sport hat immer auch etwas mit Zivilisierung zu tun, das muss man klar sehen.

Gumbrecht: Man kann das durchaus anders sehen. Wir blicken von hier in Magglingen aus auf die Eigernordwand. In der Geschichte des modernen Sports würde die Eigernordwand wohl gar nicht auftauchen, wenn ihr Name nicht immer auch «Todesbedrohung» bedeutet hätte. Es gäbe die Faszination des Alpinismus nicht, wenn es keine Todesgefahr gäbe. Aus der Dimension von «Inszenierung von Schicksal», von der wir geredet haben, kann und darf die Todesgefahr am Horizont nicht ganz eliminiert werden. Vielleicht ist dies eine Dimension, die uns unangenehm geworden ist – doch sie gehört gewiss zu einer komplexen Sicht des Phänomens «Sport».

Der Tod mag die drastischste Version sein, Grenzen gehören ja aber ganz grundsätzlich zum Sport. Das Steigern von Leistungen, das Ausschöpfen von Potentialen und also das stetige Verschieben von Grenzen ist zentraler Bestandteil aller Sportarten und besonders jener, die mit Messgeräten operieren. Mit Blick auf die Entwicklungen in der Leichtathletik scheint heute aber fraglich, ob die Leistungsfähigkeit unter Einhaltung der bestehenden Regeln überhaupt noch weiter gesteigert werden kann. Befinden wir uns hier in einer Sackgasse oder, anders gefragt, hat der Mensch als gesundes sportliches Wesen seine Grenze erreicht?

Sloterdijk: Ich bin überzeugt, dass die Grenzen noch weiterwandern werden. Es ist anzunehmen, dass in Zukunft durch bestimmte Formen von Jugendarbeit oder Sportförderung neue Athletentypen aufgebaut werden, die weiterhin dafür sorgen, dass die Grenzen nach oben hin ein wenig offen bleiben. Das Faszinierende liegt ja doch aber heute darin, dass vom Spitzensport her eine Rückübertragung auf die Bevölkerung stattgefunden hat. In Deutschland besitzen vier Millionen Männer Fahrräder, mit denen sie die Strassen unsicher machen – und von denen ist mindestens jeder zweite gedopt! Die nehmen EPO, nicht um die Be­völkerung zu beeindrucken, sondern einfach, um mit ihren Sportkameraden mitzuhalten. Immer mehr Menschen wenden offenkundig auf ihr eigenes Leben die Grundregel an, die mit der Wiederentdeckung des Sports verbunden war: Dasein heisst In-Form-Sein. Das hat für die Soziologie, aber auch für die Philosophie sehr tiefgehende Konsequenzen. Wir stellen nämlich plötzlich fest, dass die von den grossen Philosophen des 20. Jahrhunderts diskutierte Einteilung des menschlichen Handlungsbereichs in «Arbeit» und «Interaktion» unvollständig ist. Es gibt mindestens einen dritten Bereich: das sind die selbstbezüglichen Dinge, die Übungen. Die Menschen des 20. Jahrhunderts investieren einen nennenswerten Teil ihres Zeitbudgets in übende Tätigkeiten, und diese bilden eine bisher vollkommen verschwiegene Handlungsdimension sui generis.

Gumbrecht: Wenn wir auf der einen Seite diese Zentralstellung des Übens haben, verbleibt auf der anderen Seite bis heute immer noch eine Semantik und eine Alltagsphilosophie, die das Üben auf Handeln bezieht und also unterstellt, dass der Übende eine Motivation hat, die Welt zu verändern: Der Radfahrer fährt angeblich sonntagmorgens aus, weil er länger leben will, die junge Balletteuse tanzt, um später eine gute Partie machen zu können. Ich glaube, die Pointe des Übens ist eigentlich, dass es eine solche Handlungsperspektive, eine Perspektive der Transformation der Welt gerade nicht impliziert. Der Radfahrer fährt, weil er fahren will; das Radfahren ist Teil einer Choreographie seines Lebens, die auf keine Transformation eingestellt ist. Dieses Zentralelement des Sports scheint also noch nicht richtig angekommen zu sein in der Welt der Gegenwart, denn die stellt ja noch weiter die Frage: Warum zum Teufel betreibst du diesen oder jenen Sport?

Wenn Sie den Transformationscharakter in Abrede stellen, widersprechen Sie vollkommen dem gängigen Diskurs, wonach Sport edukativ und auch dazu da ist, Tugenden einzuüben und die Welt zu verbessern. Gibt es hier eine massive Schieflage zwischen der eigentlichen Motivation der Menschen und dem öffentlichen Diskurs, der sie zum Sport motivieren soll?

Gebauer: Wo es darum geht, durch Sport einen guten Menschen zu erziehen, stehen wir fraglos vor einer Amalgamierung von theologischen Motiven, die besser dem Pfarrer überlassen werden sollte. Dennoch würde ich den «bildenden» Aspekt des Sports nicht vernachlässigen. Wenn wir junge Athleten aufbauen, dann bilden wir vielleicht nicht unbedingt den Charakter – das hört sich ohnehin etwas altertümlich an –, aber wir machen jemandem klar, dass er oder sie nur etwas werden kann, wenn er oder sie arbeitet, übt, trainiert, immer und immer wieder. Das klingt sehr banal, aber ich denke, man kriegt dadurch eine ganze Menge mit. Man erfährt, dass man seine Kraft verbessern kann, seine Ausdauer, seine Technik, dass man letzten Endes «sich» verbessern kann. Sport ist Arbeit des Menschen an sich selbst. Der Sport beweist einem Menschen, dass er die Ausdauer, das Vermögen hat, sich einer Aufgabe hinzugeben und sie zu meistern. Ich glaube, das ist eine seiner besten Lehren.

Sloterdijk: Ich will jetzt doch zugunsten des hier unter die Räder geratenen Charaktersportlers noch einen Satz sagen. Zwar sind bestimmte Formen des Sports aus der Jugendkultur, aus den Colleges gekommen, aber mir scheint doch, dass in den Sport auch etwas von den alteuropäischen Ritterlichkeitsvorstellungen eingeflossen ist. Es hat eine Art Seelenwanderung vom aristokratischen Ethos in das Athleten-Ethos stattgefunden, so dass die Schönheit des Sports, das Lob des Sports heute nicht nur auf körperlicher Leistung beruht. Es gibt Momente purer ethischer Schönheit, an die man sich jahrzehntelang erinnert. Als etwa Lance Armstrong 2003 beim Anstieg nach Luz Ardiden in der Plastiktüte einer Zuschauerin hängengeblieben und zu Boden gefallen war und Jan Ullrich nicht losfuhr, sondern auf ihn wartete – in solchen Momenten läuft es einem doch kalt über den Rücken. Die Fussballer, muss man aber sagen, werden bei solch noblen Gesten nicht sehr oft überrascht.

Über den charakterbildenden Wert des Sports gibt es offenbar ganz unterschiedliche Ansichten, Einigkeit dürfte hingegen hinsichtlich des nationenbildenden Charakters des Sports, insbesondere des Mannschaftssports, bestehen. Wir leben in einer Zeit, in der sich ganze Nationen über «ihre» Sportmannschaften definieren und sich häufig insbesondere mit deren «Spielstil» identifizieren. Was hat es mit der Verbindung zwischen Spiel, Stil und Nation auf sich?

Gumbrecht: Solange die deutsche Nationalmannschaft im Stil von «Blood, Sweat and Tears» gespielt hat, sagte man: Ja, das ist der deutsche Charakter. Und solange die Brasilianer sehr barock spielten, sagte man: Ja, so ungefähr muss doch die brasilianische Kultur sein. Hingegen sieht man normalerweise Italien nicht als geizigste und rationalste Nation in Europa – genau das ist aber «Catenaccio». Und ebenso wenig assoziiert man die holländische Kultur mit höchster Grosszügigkeit – die zelebriert aber der «Football Total». Damit nationale Stilarten institutionell werden, müssen sie mindestens zwei Bedingungen erfüllen: Erstens müssen sie zu irgendeinem Zeitpunkt erfolgreich gewesen sein. Und zweitens muss tatsächlich eine gewisse Allegoriefähigkeit gegeben sein, das heisst: Es muss ein scheinbar plausibler Rückschluss auf eine gesellschaftliche Bezugsgruppe möglich sein. Dann kann es zu einer gewissen Kontinuität des Stils kommen, obwohl ich glaube, dass solche Stilarten nie de facto «Ausdruck» einer Gruppenidentität sind, sondern von irgendeinem Trainer an irgendeinem Ort erfunden werden – und erst dann erfolgreich werden können (oder nicht).

Die deutsche und auch die Schweizer Nationalmannschaft werden im Sinne einer nationalen Identität als «multikulturell» gebrandet und verkauft. Ist das «multikulturelle Deutschland», das die Mannschaft angeblich symbolisiert, eine plausible Allegorie, eine Form des Zusammenlebens, die der Sport abbildet, oder doch eher nur eine Ideologie?

Sloterdijk: Es steht ausser Zweifel, dass es in der Bundesrepublik vor acht Jahren anlässlich der WM so etwas wie einen kleinen so­zialpsychologischen Knick gegeben hat. Man hat plötzlich ein anderes Land vor sich gesehen, es hat ein Generationenwechsel stattgefunden, eine bestimmte Schicht von Personen, die die Bitterkeit des 20. Jahrhunderts noch im Leibe getragen hat, war entweder ausgestorben oder in den Hintergrund getreten. In den ersten Reihen standen hübsche junge Leute, die sich die Nationalfarben auf die Wangen malten. Mit einem Mal waren wir schön: Die Deutschen erwachten eines Morgens und waren schön. Das war ein sozialpsychologischer Ausnahmezustand, eine Wandlung, zu der natürlich der Multikulturalismus mit dazugehört. Kurz danach haben die Deutschen auch ihre Hässlichkeit wiederentdeckt; das ist ja fast tröstlich, denn das Kontinuum ist immer beruhigender als der Ausnahmezustand. Ich glaube aber, es ist interessant, über diesen spezifischen Fall hinaus danach zu fragen, was eigentlich passiert in modernen Gesellschaften, die mit Phänomenen wie Sport versuchen, eine sozialpsychologische Balance herzustellen. Die modernen Gesellschaften leben vom Applaus. Man ordnet den meistens dem Theater zu und verkleinert dadurch das Phänomen, denn eigentlich ist die ganze Demokratie eine applausometrische Erscheinung: Wir organisieren innerhalb von bestimmten Zeitabständen Applausrituale für das Volk, die wir «allgemeine Wahlen» nennen. Es gewinnt, wer am meisten Beifall erntet. Ähnliches gilt für den Zuschauersport: Die Sportarten hängen in sehr hohem Masse davon ab, dass sie genügend Applausquantitäten akkumulieren können. Ansonsten werden sie nicht wahrgenommen und verschwinden.

Verstehe ich richtig: Sie diagnostizieren eine Art «Versportlichung» unserer Demokratie?

Sloterdijk: Wenn man den Begriff «Sport» sehr zurückhaltend definiert und auf die Bedeutung zurückentwickelt, die er im 16. und 17. Jahrhundert hatte, könnte man das behaupten, ja. Damals hiess Sport einfach nur Unterhaltung. Wenn man die Etymologie des Sports näher anbohrt, kommt man auf Vorstellungen eines «anderen Zustands», eines Zustands der Erleichterung, der Erheiterung; man macht sich im Sport eine etwas entlastete oder tänzerische Lebenshaltung zu eigen. Heute haben die Menschen sehr viel freischwebende Aufmerksamkeitszeit gewonnen, die Lebensarbeitszeit der Menschen hat sich seit 1800 halbiert – in Deutschland arbeitet der durchschnittliche Arbeitnehmer 1700 Stunden im Jahr, zur Goethezeit lag die durchschnittliche Belastung bei 4000 Stunden –, und was machen sie mit dieser flottierenden Aufmerksamkeit? Sie binden sie an Unterhaltungsangebote. Dadurch gibt es heute fast nichts Ernsteres als die Unterhaltung. Die Unterhaltung nähert sich immer mehr dem Ernstfall. Sport und Politik können unter solchen Voraussetzungen Konvergenzen entwickeln, auf die man kaum vorbereitet ist.

Gumbrecht: Ich glaube, man kann den Satz umkehren, in einen komplementären Satz umwandeln und sagen: Der Ernstfall nähert sich immer mehr der Unterhaltung. Wenn man beispielsweise an Wahlen denkt. Bei seiner ersten Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten hat es Barack Obama doch gerade nicht geschadet, dass er Afroamerikaner war, sondern er hat von einer plötzlichen nationalen Euphorie profitiert, von einer Dynamik des «Wir schaffen jetzt die erste Wahl eines Afroamerikaners!». Dahinter steht genau die beschriebene applausometrische Kultur: Wir produzieren den eigenen Applaus und wollen uns dann selbst einen Preis dafür verleihen, dass wir etwas Neues produziert haben.

Gebauer: Ich bin da skeptischer. Politik und Sport sind immer noch zwei getrennte Bereiche, die ihre eigenen Logiken haben. In der Politik kann man mit bestimmten Voraussetzungen gewinnen, die daran gebunden sind, dass man eine Klientel zufriedenstellt, dass man Ruhe im Land schafft, gewisse Garantien gibt, die Beschäftigung hoch hält und so weiter. All diese Dinge, die in der Politik eine enorm grosse Rolle spielen, haben wir im Sport nicht. Kommt hinzu, dass der Erfolg in der Politik natürlich nicht vom politischen Programm abhängt, sondern vom Auftreten der Politiker – ich denke an die deutsche Kanzlerin, die durch ihr blosses Erscheinen im Fernsehen schon die Garantie dafür zu geben scheint, dass die Exportquote hoch bleibt und Vollbeschäftigung herrscht. Sport funktioniert ganz anders. Da kann man nicht einfach nur erscheinen, eine Ankündigung machen, freundlich aussehen und Sicherheit versprühen – Jogi Löw etwa muss gewinnen. Tut er es nicht, steht seine Position zur Disposition.

Damit wären wir in gewisser Weise zurück beim Satz «Die Wahrheit liegt auf dem Platz»: Beim Sport kann sich die Simulation nicht selbst tragen, irgendwann prallt sie auf einen harten Realitätsboden, auf dem sie sich beweisen muss. Verlassen wir diese Ebene ganz zum Schluss für ein bisschen Prophetie: Welche Zukunft sehen Sie für den Sport – sind wir ins Zeitalter des Leibes gerade erst eingestiegen oder läuft es im Gegenteil Gefahr, wegen Unlauterkeiten und Korruptionen bald schon an sein Ende zu kommen?

Sloterdijk: Nichts spricht dafür, dass der Sport das Wirkungsmaximum schon erreicht haben könnte. Das 20. Jahrhundert hat eine stetige Ausweitung der sportlichen Aktivitäten sowohl in der Spitze als auch in der Breite mit sich gebracht, und ich glaube, dass der Sport nach wie vor eine Wachstumsindustrie ist und bleibt. Die Menschen werden ihrer eigenen Körperlichkeit so ohne weiteres nicht überdrüssig werden. Mir scheint der Sport abgesehen von der Bestattungsindustrie geradezu die krisenfesteste Branche zu sein, die sich vorstellen lässt. Denn die Bewegung wird uns treu bleiben, und die Kultivierung der Bewegung, die eigentlich zu den grossen Kulturtatsachen der Moderne gehört, kann nicht an ein abruptes Ende kommen. Was die hohen Leistungen angeht, werden wir wahrscheinlich ein Jahrhundert der Zweideutigkeit haben, das lässt sich nicht vermeiden: Ich glaube, alle Sportler müssen ausser ihrer eigenen Disziplin noch eine zweite Disziplin studieren, nämlich das virtuose Leugnen, dass sie etwas zu sich genommen haben. Ich sehe das aber nicht als Gefährdung. Das Streben nach artifizieller Leistungssteigerung ist aus dem Spitzensport nicht mehr wegzudenken und hat ja längst auch Personen mit mittleren Ambitionen erfasst. Schon die Normalpersönlichkeit arbeitet heute daran, sich selber ein wenig schöner und stärker zu empfinden, als es ihr im naturbelassenen Zustand gegeben wäre. So werden wir uns daran gewöhnen, dass das 21. Jahrhundert nicht das Jahrhundert der Lebensmittel, sondern das Jahrhundert der Lebenssteigerungsmittel sein wird.

Gebauer: Genauer gesagt: der Personensteigerungsmittel, denn was durch alle möglichen Mittel gesteigert wird, ist ja letztlich der «Heroismusfaktor» der Person. Wir leben in einer Zeit der Selbstheroisierung; die Tendenz in diese Richtung nimmt zu, und deshalb wird auch der Sport weiter wachsen. Schliesslich ist auch der Sport ein Instrument, das den Helden macht.

Gumbrecht: Mich erinnert die moderne Sportwelt manchmal an den Film «The Truman Show». Der erwähnte epogedopte 50jährige Radfahrer ist mittlerweile ein Normalfall von Sport, er fährt im Peloton durch Frankreich am Sonntagmorgen, aber er braucht einen Spitzensport, auf den als Vorbild und Motivation er blicken kann. Aber immer weniger wollen die Gesellschaften aus Sonntagmorgensportlern die grossen Sportereignisse, die Weltmeisterschaften und die Olympischen Spiele, selbst organisieren – aus ökologischen, aus wirtschaftlichen oder aus anderen Gründen. Die Schweiz will das nicht (Beispiel Graubünden), Deutschland will das nicht mehr (München), und Silicon Valley bewirbt sich gleich gar nicht. Vielleicht ist dies ja die Pointe der Fussballweltmeisterschaft von Qatar: sie wird überhaupt nie in einer physischen Wirklichkeit stattfinden, sondern in einem Studio in Lausanne produziert, um dann als WM in Qatar über die Bildschirme zu flimmern.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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