Dasein ist In-Form-Sein

Sind Sportler die letzten Helden unserer Zeit? Oder bloss gedopte Entertainer? Ein Gespräch dreier Leistungsdenker über den Sport als lebenssteigerndes Mittel und Merkmal der Moderne – und die traditionelle Leibesverachtung der Intellektuellen.

Dasein ist In-Form-Sein
Hans Ulrich Gumbrecht, photographiert von Ueli Kaenzig / BASPO.

Hält man sich an Rudi Völler, ist die Sache einfach: «Es gibt nur eine einzige Wahrheit und Philosophie, das ist die auf dem Platz.» Wir sind nun nicht auf dem Platz, sondern in einer Runde von Philosophen und wollen die Faszination ergründen, die das Phänomen «Sport» auf uns alle ausübt. Beginnen wir bei Ihnen, Herr Gebauer: Was ist es, das Sie am Sport fesselt?

Gunter Gebauer: Da bin ich im Grunde genommen gar nicht weit weg von Rudi Völler. Für einen Philosophen ist der Sport etwas Unglaubliches, weil in ihm die Wirklichkeit, die wir in der Philosophie ja so gerne erfassen möchten, einfach und zweifelsfrei gegeben ist. Im Sport haben wir die Dinglichkeit der Welt vor Augen: Ein Ball ist ein Ball. Ein Torpfosten ist ein Torpfosten. Wenn der Ball danebengeht, ist es kein Tor. Wir haben hier eine durchgeklärte Welt, in der wir wissen, was wirklich und was nicht wirklich ist. Und wenn man Probleme hat, die Wirklichkeit festzustellen, hat man einen Schiedsrichter. Dazu kommt dann als zweite Komponente die Magie des Augenblicks ins Spiel: Wenn wir einerseits klar und deutlich sehen, was geschehen ist, erhalten wir andererseits absolut keine Antwort auf die Frage, wie passieren konnte, was geschehen ist – wie es zum Beispiel sein kann, dass Dortmund immer verliert? (allgemeine Erheiterung) Diese Divergenz zwischen der Wirklichkeit, die da ist, und der oft extrem schwer oder sogar unbeantwortbaren Frage, wie sie eintreten konnte: die finde ich so spannend am Sport.

Dieser Beschreibung zufolge müsste die Faszination etwas Zeitloses haben. Tatsächlich aber hatte der Sport in unserer Kultur während sehr langen Phasen kaum eine Wichtigkeit – erst in den letzten 100 bis 150 Jahren erlebten wir einen Aufstieg des Sports zum globalen Leitmedium von Freizeit und Kommunikation. Worin liegen die Gründe für diesen phänomenalen Aufstieg des Sports?

Peter Sloterdijk: Wir erleben seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine verspätete Renaissance des Sports. Nachdem die Renaissance der Künste und der humanistischen Disziplinen schon 400 Jahre zuvor eingesetzt hat, ist die antike Mannschaft erst seit 150 Jahren wieder voll aufgestellt: Der Athlet, die Schlüsselfigur der Antike, tritt dann neben den Philosophen und neben die Künste und die Rhetoren. Die modernen Gesellschaften knüpfen an etwas an, das die antike Gesellschaft geschaffen hat, nämlich so etwas wie einen Schicksalsschauplatz in der Mitte der Stadt. Die Griechen hatten davon drei – das dionysische Theater, die Agora und das Sportstadion. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an besteht in Europa wieder echter Bedarf an Schicksal. Das hat mit der Säkularisation zu tun, mit dem Abflauen des Christentums – das Christentum hat ja die Tragödie und den Sport verboten, war eine Religion eher der Exkarnation als der Inkarnation. Mit dem Sport kommen die Körper wieder, das Drama kommt wieder, die Tragödie kommt wieder. Und wie Herr Völler richtig und drastisch sagt: Die Wahrheit ist auf dem Platz, das heisst, sie wird dramatisiert, sie wird inszeniert und versetzt den Zuschauer in die Lage, geschehendes Schicksal mit freiem Auge selber beobachten zu können. Das Schlüsseldrama der Moderne ist wieder die Unterscheidung von Siegern und Verlierern. Das ist eine antike Beobachtungsgrösse, die durch die christliche Caritas über Jahrhunderte hinweg tabuisiert war und erst durch den Seiteneingang des Sports wieder in die Kultur zurückgekehrt ist. Zum Glück.

Wenn mit dieser Renaissance der Leib wieder Einzug in unsere Kultur gehalten hat, so ist diese doch aber nach wie vor von einer angenommenen Spaltung zwischen Körper und Geist durchdrungen: Dem Sport schlägt vonseiten des Geistes häufig eine geradezu feindliche Haltung entgegen. Ist nicht unsere ganze Bewertung des Sports von diesem Dualismus getragen?

Hans Ulrich Gumbrecht: Zuerst einmal möchte ich festhalten: Sport…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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