Das Wrack

Die Moschee ist unbeschädigt. Hoch ragen die Minarette empor, an Portikus, Kuppel und Fensterfassaden sind keine Kugellöcher oder Granateinschläge zu sehen. Auch als Fluchtburg wurde das heilige Haus nicht benötigt. Es blieb intakt – für die Zukunft des Landes. Das Kriegsgerät des alten Regimes dagegen ist zerstört. Der Panzer ist ausgebrannt, das Rohr der Kanone […]

Die Moschee ist unbeschädigt. Hoch ragen die Minarette empor, an Portikus, Kuppel und Fensterfassaden sind keine Kugellöcher oder Granateinschläge zu sehen. Auch als Fluchtburg wurde das heilige Haus nicht benötigt. Es blieb intakt – für die Zukunft des Landes. Das Kriegsgerät des alten Regimes dagegen ist zerstört. Der Panzer ist ausgebrannt, das Rohr der Kanone zeigt kraftlos nach unten. Blind rollte das brennende Gefährt in den Erdhaufen. Was mit der dreiköpfigen Besatzung geschah, ist nicht bekannt. Entweder sind die Soldaten verbrannt oder sie konnten noch rechtzeitig herausspringen. Ein einziger Treffer genügte, um die Treibladungen in dem Karussell in Brand zu setzen und den Innenraum einzuäschern. Die Sieger interessieren sich für das Wrack nicht mehr. Sie eilen hinüber
zu einem anderen Panzer, den sie erbeutet haben und mit dem sie ein paar Runden drehen werden.

Auf ihrem Vormarsch nach Aleppo trafen die syrischen Rebellen in Azaz, einer Kleinstadt mit rund 30 000 Einwohnern, auf einige Panzer von Assads Armee. Der Sieg war komplett und wurde euphorisch gefeiert. Kämpfer sprangen auf den eroberten Tank, rissen die Arme hoch, winkten mit ihren MPs, spreizten die Finger zum Victory-Zeichen, lobten Gott und sangen Lieder des Triumphs.

Die Erleichterung der Aufständischen war gross. Denn nichts fürchten Rebellen mehr als Luftangriffe und schwere Panzer am Boden. Wo immer ein Aufstand niederzuschlagen ist, lässt ein Regime die Panzer anrücken. So war es 1953 in Berlin, 1956 in Budapest, 1968 in Prag, 1989 in Peking, 2011 in Tripolis. Der Panzer ist das Vehikel der Repression. Seine Ankunft in den Städten sorgt für ohnmächtigen Schrecken. Schon von fern ist das Dröhnen der Diesel und das Rasseln der Ketten zu hören. Der Boden erzittert unter den Füssen. Alles walzen die stählernen Ungetüme nieder. Viele ergreifen die Flucht, nur wenige wagen es, sich in den Weg zu stellen, aufzuspringen oder einen Brandsatz anzubringen. Ziviler Protest kann gegen diese Übermacht nichts ausrichten. Panzer scheren sich nicht um Legitimität oder Legalität. Als Macht in Aktion zielen sie auf die Masse menschlicher Körper. Fusssoldaten können sie nur wirksam mit Minen, Granaten oder Raketen bekämpfen. Auf Videoaufnahmen hört man die syrischen Rebellen regelmässig in den Lobpreis Allahs einstimmen, wenn sie einen Panzer getroffen haben.

Der Bürgerkrieg wird nicht am Konferenztisch entschieden, sondern auf den Strassen der grossen Städte. Wer den strategischen Schwerpunkt des Feindes besetzt hält, trägt den Sieg davon. Die internationale Diplomatie und die ihr angeschlossenen Medien haben Monate benötigt, um die Tatsachen des Krieges wahrzunehmen. Zehntausende von Toten und Verletzten sowie hunderttausende Flüchtlinge genügten offenbar nicht für ein realistisches Urteil. Zwischen harmlosen «Sanktionen», leeren Versprechen, moralischen Appellen und haltlosen Phantasien schwankte man hin und her. Einmal mehr erwies sich die Diplomatie als Fortsetzung der Politik ohne weitere Mittel.

Die Rebellen einigt der Kampf gegen die Panzer. Sie verlassen sich auf ihre Waffen, auf die Wut ihrer Rache und die Hilfe ihres
Gottes. Nach dem Fall des alten Regimes wird in Syrien der Islam wichtiger sein als zu Zeiten der halbsäkularen Despotie. Das Photo nimmt diese Zukunft vorweg. Es dokumentiert nicht nur einen lokalen Sieg, es prophezeit den Zustand nach dem Krieg.

Die ästhetischen Kontraste sind so einfach wie die realen Gegensätze: Sieg oder Niederlage, Religions- oder Staatsmacht, Himmel und Hölle, Stein oder Stahl, Zukunft und Vergangenheit. Hell leuchtet das Gebäude in der oberen Bildhälfte, düster wirkt das grauschwarze Gefährt in der Erde. Die Vertikale der Türme triumphiert über die Abwärtsdiagonale der Kanone. Dem lichten Gleichmass der Fenster und Fassadenstreifen steht das wüste Gewirr des Wracks entgegen. Die Minarette der neuen Zeit weisen ins unendliche Himmelsblau, der Weg des alten Regimes endet in einer Sackgasse von Asche und Dreck. Der letzte Überrest der Despotie ist ein Schrotthaufen auf dem Schuttplatz der Geschichte.

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Werner Kieser, Unternehmer (1940-2021),
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