«Das war kurzfristig gedacht»

Michael E. Porter ist einer der einflussreichsten Managementtheoretiker der Gegenwart. Er hat erforscht, wie Unternehmen neue Wettbewerbsstrategien entwickeln. Seine Beobachtungen prägen heute die Praxis. Jetzt plädiert er für eine Neuerfindung des Kapitalismus. Eine Umkehr? Nicht unbedingt.

«Das war kurzfristig gedacht»

Professor Porter…
…wir haben Zeit bis fünf vor elf. Keine Minute länger. Es tut mir leid, aber ich habe danach ein wichtiges Treffen mit einem grossen Pharmaunternehmen.

Grosse Firmen, grosse Ideen: ich will mit Ihnen über die Neuerfindung des Kapitalismus reden.
Bestens. Damit beschäftige ich mich in meiner Forschung seit Jahrzehnten. Schiessen Sie los.

Anfang Jahr haben Sie mit Mark R. Kramer einen vielbeachteten Aufsatz über einen neuen Kapitalismus verfasst.* Sie zeigen, warum und wie Unternehmen dazu beitragen können, die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen der Gesellschaft zu verbessern. Findet nun auch Michael E. Porter, Erfinder der Wertschöpfungskette und Managementvordenker, dass der Kapitalismus gescheitert ist?
Ich kann Sie beruhigen: das sehe ich nicht so. Der Kapitalismus ist magisch. Er ist die mächtigste Kraft des Fortschritts und bei weitem das bis heute mächtigste System zur Schaffung ökonomischer Werte. Unternehmen erfinden in einer freien Marktwirtschaft Produkte und entwickeln Dienstleistungen, für die der Konsument mehr zu zahlen bereit ist, als deren Herstellung gekostet hat. Solche ökonomischen Werte hervorzubringen, ist eine Riesenleistung. Danach geht es um die Aufteilung der durch das kapitalistische System geschaffenen Werte: man besteuert und verteilt sie um. Und die Konsumenten nutzen sie für ihre Zwecke. Was sollte ich gegen ein solches System einzuwenden haben?

Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Trotzdem hegen viele Menschen gegenüber der Wirtschaft und ihren Akteuren einen grossen Argwohn.
Es stimmt: das Ansehen von Unternehmen ist so schlecht wie selten zuvor in der Geschichte. Und genau hier setzen meine neuen Forschungen an. Viele Unternehmen pflegten eine zu enge Sicht auf ihre Wertschöpfungskette. Weil wir ein enges und rein ökonomisches Verständnis des Kapitalismus kultivierten, konnte er nicht sein ultimatives Potential ausschöpfen. Aber wir haben heute die Chance, den Kapitalismus auf eine neue Stufe zu hieven. Dieser Moment ist sehr wichtig…

…die Kapitalismuskritiker werden einwenden, dass das bloss Rhetorik sei. Der Kapitalismus sei gerade jenes Wirtschaftssystem, das alle Werte auf ökonomische Werte reduziere.
Das ist Unsinn. Ich stelle in meinen Seminaren jeweils die Frage: Von wem erwarten wir die Lösung von gigantischen Problemen wie Wohnungsbau für Menschen mit niedrigen Einkommen, Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung? Vom Staat? Von den NGOs? Der Staat schafft es nicht, und der NGO-Sektor war bisher eine grosse Enttäuschung. Also? Der Business-Sektor ist bei weitem die grösste Kraft und verfügt über das grösste Potential, unmittelbar Wirkung zu erzielen. Wissen Sie, warum es die Unternehmen sind, die gesellschaftlichen Fortschritt vorantreiben?

Weil sie innovativ sind.
Das auch. Aber vor allem deshalb, weil der Erfolg eines Unternehmens mit gesellschaftlichem Fortschritt einhergeht – und umgekehrt. Unternehmen sind nicht automatisch funktionierende Entitäten, die in Theoriebüchern angesiedelt sind, sondern bestehen aus Mitarbeitern und brauchen funktionierende Gemeinschaften. Deshalb sollten Unternehmen aus reinem Eigeninter-esse die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen ihrer Umwelt in Feldern verbessern, die für sie als Unternehmen relevant sind. Ein Beispiel: Nestlé bietet Bauern Beratung, wie sie den Anbau steigern können, garantiert ihnen Bankdarlehen und unterstützt sie in der Beschaffung von Dünger und Pflanzen. Andere Unternehmen wie General Electrics, Unilever oder Whole Foods handeln nach dem gleichen Prinzip. Ich nenne diese Idee shared value

so habe ich Unternehmertum immer verstanden. Das ist eine klassische Idee, die Adam Smith vertrat.
In der Tat. Adam Smith hat mit seiner Idee einer «unsichtbaren Hand» einen wichtigen Gedanken formuliert: wenn jeder Mensch sein eigenes Interesse verfolgen kann, ist damit zugleich dem Gesamtinteresse der Gesellschaft am meisten gedient. Nur müssen wir unternehmerische Interessen breiter verstehen, als wir dies bisher getan haben. Dadurch eröffnen sich für Unternehmen neue Gelegenheiten und Geschäftsfelder. Denn letztlich geht es auch hier um Wettbewerbsvorteile. Wenn ein Unternehmen erfolgreich sein will, muss es ein Werteversprechen machen, das einzigartig…

Investieren und die Welt verbessern. Das neue kapitalistische Ethos
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Der Kapitalismus ist entgegen einer populären Ansicht kein «stahlhartes Gehäuse» (Max Weber). Sein Wesen ist vielmehr die ständige Bewegung, und die neueste Bewegung hat viele Namen und Facetten: unternehmerische Philanthropie, soziales Unternehmertum, impact investing, shared value creation. All diesen Ansätzen, die vor allem – aber nicht nur – in der angelsächsischen Welt neu entstehen, ist […]

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Beim MONAT passiert mir das ständig.»
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