Das Tier
oder Nostalgia

Liljana kehrt zurück in die Stadt, in der sie ihre Kindheit verbrachte. Sie ist für jene gekommen, die nicht mehr hier sind. Erinnerungen an ­einen Sommer vor zwanzig Jahren begleiten sie. Und immer wieder kreuzt ein mysteriöses Tier ihren Weg.

Das Tier  oder Nostalgia

E

in Tier. Ein Tier auf der Strasse. Und sie, als ob sie zurückgestossen würde in die Gegenwart, zurückgeworfen aus einer Melodie, aus dem Wachtraum, wohin die Fahrt sie gewiegt hat, sie schreckt zusammen. Hastig entschuldigt sich der Fahrer über die Lautsprecheranlage. Ein Tier. Ein Tier, das nicht in diese Tageszeit gehört. Solches Fell wächst im Schutz der Nacht. Schon verschwindet es hinter der Mauer.

Die Haltestelle bei der Gastwirtschaft. Liljana hat vergessen, wie es ist, öffentlich verabschiedet zu werden, und entgegnet nichts. Ungeduldig steigt sie aus, um zu der Mauer unterhalb der Haupt­strasse zu eilen, wo das Tier, das fraglos nicht in diese Tageszeit gehört… Doch vielleicht in den Obstbaumgarten. Ihr streifender Blick sucht das Dunkel des Fells. Bevor sie nach unten klettert, wirft sie sich den Rucksack voran. Kennt noch den vorragenden Stein, wo man den Fuss hinstellt.

Nach betauten Halmen. Nach betautem Harz. So duftet der Baumgarten. Das Tier hat keine Spur gelegt.

Vom Türmchen der evangelischen Kirche blättern die Schindeln. Dabei liegen die letzten Arbeiten daran nicht ewig zurück. Fünfzehn Jahre vielleicht. Hinter dem Verputz im Kirchenschiff schielen die katholischen Heiligen hervor. Damals wieder freigelegt. ­Liljana spricht ein Gebet ohne Konfession und gottlos.

Die Weste ist dem Kind zu weit, denkt sie. Wer zieht dem Kind eine solche Weste an? Die andern spielen im Pullover, spielen besser als das Kind in der Weste, das über die eigenen Füsse fällt und Freistoss fordert. Es bleibt liegen und flucht. Gleich beginnt es zu weinen. Ein unmögliches Kind in einer unmöglichen Weste, denkt Liljana, als es endlich aufsteht, die Hosen rot gefärbt vom Untergrund des Sportplatzes, auf dem schon sie gespielt hat. Die Schilder vor dem Pausenhof verbieten es, doch Liljana raucht. Durch das Kastanienlaub und die verkniffenen Lider sickert das Oktoberlicht.

Sie haben das Schulhaus vergrössert. An den Türflügeln rüttelt die Neugier. Doch es ist Samstag.

Samstag, wie vor über zwanzig Sommern im Sommer siebenundneunzig, wie am ersten Tag der Ferien, als sie wieder herkamen, herkamen, um hinter der Turnhalle nach ihrer Hütte zu schauen und die zu jagen, die ihnen ihr Hauptquartier für die folgenden Wochen, die Wochen, in denen sie nicht wegfahren würden, streitig gemacht hätten. Nicht wegfahren würden. Liljana nicht, weil es unten in der Heimat ihrer Mutter wieder einmal eine einzige grosse Scheisse war, und Eli nicht, weil sie sich in jenem Jahr geweigert hatte, zur Alp zu fahren mit den Eltern, stattdessen auf dem Hof bei Grossmutter blieb und bei Grossvater blieb und bei den trächtigen Rindern blieb, die auch nicht zur Alp fuhren in ­jenem Jahr. Die Bäume hinter der Turnhalle, in denen die Hütte hing, sind abgeholzt. Warum auch immer. An ihrer Stelle wächst was auch immer. Hinter dem Maschendrahtzaun picken wie damals die Hühner im Dreck.

Das Dunkel des Fells glimmert, wie sonst nichts, das so dunkel ist, glimmert. Nichts ausser dem hiesigen Schiefer.

Den ganzen Schulweg lang hinter der Gastwirtschaft und ins Quartier hinein ist ihr der neue Asphalt fremd. Die Spaziergänger. ­Deren Hunde. Sie geht den Schulweg, bis sie vor dem Block steht, in welchem sich Mutter eine Dreizimmerwohnung. Eine Dreizimmerwohnung mit Mühe und Not, als hier vor Jahren die Grenze der Stadt war, und im Norden war das weite Feld, wo mittendrin die Brombeeren über einen verfallenen Bretterverschlag wucherten.

Einzig bei der Rentnerin, die ihr immer geduldig die Hausauf­gaben erklärt hat, hätte sie vorbeigeschaut. Der Name steht nicht mehr am Klingelbrett.

Nicht mehr hier. Liljana ist wegen jenen gekommen, die nicht mehr hier sind. Oben am Waldrand graut der Sichtbeton des ökumenischen Friedhofs. Es eilt nicht.

*

Die Suche nach dem…