Das Theater um das  politische Theater
Vojin Saša Vukadinović, fotografiert von Daniel Jung.

Das Theater um das
politische Theater

Das identitätspolitische Denken hat längst auch die Zürcher Bühnen erfasst. Die Auswirkungen sind fatal, aber erwartbar.

Dem Schauspielhaus laufe das Publikum davon, vermeldete die NZZ diesen Herbst: Die Abonnements seien nur zu 72 Prozent erneuert worden, während die Quote in den Vorjahren bei 95 Prozent gelegen habe. Doch allein mit der Sorge des zumeist älteren Theaterpublikums, sich mit dem Coronavirus anzustecken, ist dieser Rückgang nicht zu erklären. Eher schon mit dem Vermerk, den die Intendanten Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann auf der Website ihrer Institution platziert haben: Es gehe darum, sowohl bei «Mitarbeiter*innen wie auch beim Publikum grösstmögliche Diversität hinsichtlich Alter, Gender, Race und Herkunft sowie anderer Kategorien systemischer Diskriminierung» anzustreben.

Um die Probe aufs Exempel zu machen, ob eine der wichtigsten Bühnen des Landes dem Zeitgeist hinterherhechelt, bietet sich eine der aktuellen Vorstellungen an: «Wilhelm Tell», den Milo Rau «frei nach Friedrich Schiller» inszeniert hat. Schon beim Buchen des Tickets wird man von einer «Triggerwarnung» begrüsst, die in die Welt des betreuten Denkens einführt: «Diese Inszenierung enthält Schilderungen und Darstellungen von Gewalt, sexualisierter Gewalt, Racial Profiling & Waffen.» Ein lächerlicher Vermerk in einem Land, in dem Wehrpflichtige nicht selten mit dem Sturmgewehr im Zug und Bus zu sehen sind.

Die Instruktionen gehen munter weiter. Am Abend der Vorführung wird das Publikum nicht einfach ins Stück gelassen, sondern zunächst unterwiesen. Im Foyer des Schauspielhauses referiert der Dramaturg Bendix Fesefeldt – studierter Politikwissenschafter, wie er hervorhebt – eine Viertelstunde lang zur Frage, was politisches Theater ausmache. «Nicht die Darstellung des Realen ist das Ziel, sondern dass die Darstellung selbst real wird». Er zitiert Milo Rau in loser Anlehnung an Karl Marx’ berühmtes Diktum, dass es nicht mehr darum gehe, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Diese revolutionäre Intonation ist nicht nur deshalb bizarr, weil die Karte für die Aufführung schlappe 89 Franken kostet, sondern weil das Drama seit der Antike darauf abzielt, den Zuschauer etwas durchleben zu lassen, das er nicht selber ist, um so über sich hinauszuwachsen und damit auch das verändern zu können, was ist. Dass Kunst jedoch primär zur Veränderung der Wirklichkeit beizutragen habe, ihre Ausdrucksformen also politischen Prinzipien zu unterwerfen seien, war eiserne Maxime des sozialistischen Realismus, von dessen Scheusslichkeiten man sich heute retrospektiv überzeugen kann. Die Schulung ist mit Fesefeldts Ausführungen – an denen alle, die das Stück sehen wollen, teilhaben müssen – immer noch nicht abgeschlossen: Ein für fünf Franken obenauf zu erstehendes Programmheftchen erläutert zwischen Einführung und Aufführung, dass Rau «Wilhelm Tell» in die Gegenwart überführe «und prüft, ob er ihr standhält: Wer ist heute Tell oder Tellin? Wer spricht in der Schweiz wie über Freiheit? Wem gehört die Freiheit?»

Tell it to the people

Der Saal füllt sich, das Publikum entspricht den Stammgästen des Schauspielhauses, Paare mittleren und höheren Alters aus dem Bürgertum plus jüngere Zuschauer, die an der Universität Zürich studieren dürften. Die folgenden zwei Stunden geht es recht konfus zu. Im «Pfauen» sind vor allem Menschen zu sehen, die sich selbst darstellen. «Wilhelm Tell» wird angedeutet und in der Schiller-Variante zitiert, es treten viele Personen auf, die miteinander in Dialog treten, sich gegenseitig filmen oder aus ihrem Leben berichten.  Die Inszenierung changiert zwischen schlaglichtartigen Momentaufnahmen und fliessenden Übergängen zu den vorgenannten Fragen, die vor allem in den Raum gestellt, nicht aber beantwortet werden. Angeschnittene Themen sind das Aufwachsen in der Schweiz, Fremdheitserfahrungen und Chancenungleichheit, Polizeiwillkür und Gewalt. Manches ist aufschlussreich, so etwa, wenn die über 80jährige Pensionärin Irma Frei – keine Schauspielerin und als sie selbst auftretend – berichtet, wie sie als Heranwachsende Zwangsarbeit für Emil Bührle leisten musste – dem Fabrikanten gehörte eine Spinnerei, in der Mädchen, die in einem angeschlossenen Heim untergebracht waren, nahezu unentgeltlich schuften mussten. Erhellende Momente wie…

«Unaufgeregt, präzise und spannend informieren.
Das ist eine hehre Kunst, welche die wenigsten
Blätter über lange Zeit beherrschen.»
Richard Kägi, Foodscout,
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